Der Mann mit dem langen Atem

11.03.2026 von Ines Godazgar in Personalia
Der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Theobald Austermühle war bis zu seinem Ruhestand 2001 prägend für sein Fach und auch dessen Strukturen an der MLU. Nicht nur für den Sport, auch für sein Engagement brauchte er einen langen Atem. Nun ist er 90 Jahre alt geworden.
Theobald Austermühle
Theobald Austermühle (Foto: Maike Glöckner)

Die goldene Regel im Leben von Theobald Austermühle lautet: Dreimal Sport pro Woche. Mindestens! Die Regel hat ihn bis heute durch sein Leben begleitet. Seit 1952 handhabt er das so. „Sport ist mir ein tägliches Bedürfnis“, sagt Austermühle. Er war Handballer, Leichtathlet – Mehrkämpfer und Speerwerfer – sowie Judolehrer und er geht bis heute regelmäßig ins Fitnessstudio. „Ich brauche das, um mich wohl zu fühlen“, sagt er. 

Als er im Januar seinen 90. Geburtstag feierte, war er längst nicht der Älteste in der Runde: Gekommen waren neben der Familie auch ein inzwischen 98-jähriger ehemaliger Kollege, zu dem Austermühle bis heute Kontakt hält - genauso wie zu einstigen wissenschaftlichen Weggefährten in Greifswald, Göttingen und Jena. In der thüringischen Universitätsstadt lebt zum Beispiel Hans-Georg Kremer, ein Mitbegründer des Rennsteiglaufs: „Mit ihm bin ich im Austausch zu sporthistorischen Themen“. 

Es ist die Vielseitigkeit, die Theobald Austermühle an seinem Fach schon immer reizte. Sie war auch der Grund dafür, dass er sich 1954 für ein Sportstudium an der Universität Halle entschied. „Einen Bewegungsablauf, eine Technik einzuüben, im Lauf der Zeit immer besser zu beherrschen und ganz nebenbei noch den Bewegungsdrang zu befriedigen, das ist einfach ein gutes Gefühl“, sagt er.

Über Jahrzehnte arbeitete Austermühle, der mit der Familie seines Sohnes im Saalekreis-Ort Schiepzig lebt, an der Entwicklung der Sportwissenschaft an der MLU mit. Als er 1954 nach Halle kam, wollte er eigentlich Sportlehrer werden. 1959 beendete er sein Lehramtsstudium in den Fächern Körpererziehung - wie es damals noch hieß – und Geschichte. Im Anschluss ging er nicht als Lehrer in eine Schule, sondern wurde Lehrkraft im Bereich Studentensport der MLU. Ab 1968 gab er außerdem Lehrveranstaltungen in der Lehrerbildung an der Sektion Sportwissenschaft. Es folgten 1971 seine Promotion und 1982 seine Habilitation. Darin befasste er sich mit dem Studentensport, der zu DDR-Zeiten fester Bestandteil der universitären Ausbildung für alle Studierenden war. 

Ab 1977 erhielt Theobald Austermühle den Auftrag die Sportsoziologie an der Universität Halle aufzubauen. Das gelang durch Vermittlung von Prof. Dr. Rudhard Stollberg in Halle und die interdisziplinäre Kooperation mit dem Zentralinstitut für Jugendforschung und der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig. Daraus entsprang eine rege Forschungs- und Publikationstätigkeit. Thematisch widmete sich Austermühle fortan auch Aspekten des Sports im Jugendstrafvollzug, des Judokampfsports sowie des Zusammenhangs von Leistungsfähigkeit und Persönlichkeitsentwicklung bei Alters- und Seniorensportlern. Auf sporthistorischem Gebiet entstanden unter anderem Arbeiten zum Abenteuertourismus Jugendlicher in der DDR.

Auch damals schon war die Sportwissenschaft strukturellen Veränderungen unterworfen. Mit der dritten Hochschulreform 1968/69 wurde die Fakultätsstruktur an den Universitäten abgeschafft und daraus so genannte Sektionen gebildet. „Damit wollte der Staat auch an den Universitäten mehr Kontrolle gewinnen“, so Austermühle. 

Und schließlich waren es die Jahre 1989/90, die auch in der Sportwissenschaft wieder mit großen Umbrüchen verbunden waren. Austermühle, der nicht der SED angehörte, galt als politisch unbelastet und fand sich dadurch „eigentlich ein bisschen wider Willen“, wie er sagt, in einer Führungsrolle wieder. Zunächst war er stellvertretender Institutsdirektor, ein Jahr später übernahm er die Leitung. Zu seinen Aufgaben gehörte es, den Aufbau neuer Strukturen zu begleiten und zu ermöglichen. „Ich habe 1990 Aufbruchstimmung verspürt“, sagt er, doch die anstehenden Veränderungen „waren auch mit großen Verwerfungen verbunden“, denn das alte Institut für Sportwissenschaft musste – wie die gesamte Universität - bei laufendem Betrieb umgebaut und auch personell heruntergefahren werden, da die Strukturen des bundesdeutschen Hochschulsystems maßgebend wurden.

Was sich heute lapidar anhört, verlief damals keineswegs reibungsfrei. Aber ab 1991 entwickelte sich die Raumsituation für Halles Sportwissenschaftler positiv, zog das Institut doch in ein Gebäude des ehemaligen Stasi-Komplexes am Gimritzer Damm um. Das bedeutete nicht nur mehr Platz, sondern auch das Ende der bis dato bestehenden dezentralen Struktur, soll heißen: Erstmals waren alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts gemeinsam an einem Ort. 

Auch die rasche Übernahme der damaligen Dynamo-Sporthalle als Universitätssporthalle verbesserte die Ausbildungssituation enorm. Ungeahnte Probleme, so Austermühle, brachten jedoch Streitigkeiten um die Besitzverhältnisse diverser universitärer Immobilien mit sich, etwa im Fall des Ruderhauses in Trotha und des Sportplatzes auf der Ziegelwiese. „Die Verhandlungen waren schwierig, aber letztlich konnten wir eine Lösung zu unseren Gunsten finden“, erinnert sich Austermühle. 

Weit komplizierter verlief die inhaltliche und personelle Umstrukturierung des Instituts, dem im Jahr 1989 noch annähernd 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angehörten, zu denen damals auch diejenigen der Abteilung „Hochschulsport“ zählten. 

Einerseits musste die frühere Forschung einer Evaluation unterzogen werden, andererseits stellte die Personalpolitik der neuen Landesregierung das Institut vor enorme Herausforderungen. So sei gefordert worden, den Personalbestand massiv zu reduzieren, um - wie es damals hieß - die Zukunftsfähigkeit der Einrichtung zu sichern. 

„Es wurde angeordnet, das aus der Grundausstattung finanzierte Personal eher an den Erfordernissen für die Lehre und weniger an den bis dato existierenden Forschungsaufgaben auszurichten. Außerdem sollten künftig nur noch ein Drittel der wissenschaftlichen Mitarbeiter auf unbefristeten Stellen sitzen, um Stellen für akademische Qualifikationen zur Verfügung zu haben, eine Forderung übrigens, die arbeitsrechtlich gar nicht umsetzbar war und sich erst im Laufe der Entwicklung realisierte“, so Austermühle. 

Zwar konnte der drastische Personalabbau in der geforderten Form damals abgewendet werden, dennoch mussten etliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Institut verlassen. Auch strukturell änderte sich einiges: Als 1991 an der MLU die Fachbereiche neu gegründet wurden, wurde die Sportwissenschaft zunächst den Erziehungswissenschaften zugeordnet, eine Struktur, die sich bereits zwei Jahre später wieder ändern sollte, durch Gründung des Fachbereichs Musik-, Sport- und Angewandte Sprachwissenschaften.  
Außerdem wurde der in der DDR übliche verpflichtende Hochschulsport für alle Studierenden abgeschafft, was vor allem zu einem enormen Stellenabbau in der Abteilung „Hochschulsport“ führte, die bis dato für dessen Durchführung zuständig war. Hinzu kam: Dieser Bereich wurde aus dem Institut herausgelöst und künftig als zentrales Universitätssportzentrum weitergeführt.

Dennoch: Inhaltlich gelang unter Austermühle und dem Dekan des Fachbereichs, Prof. Dr. Jürgen Leirich, die Neuaufstellung, etwa durch die Erarbeitung und Einführung neuer Studiengänge, denn so meint Austermühle, „wir hatten viele gute Fachkräfte am Institut“. Und so wurden 1991 neue Lehramtsstudiengänge für Haupt- und Realschule sowie für Gymnasien eingeführt. Und auch ein Diplom- und ein Aufbaustudiengang mit den Schwerpunkten Prävention, Rehabilitation und Therapie kamen hinzu. „Die Resonanz darauf war sehr positiv“, was sich auch am gesteigerten Interesse an diesen Studiengängen zeigte.

„Ich musste damals mit sehr wenig Schlaf auskommen“, erinnert sich Austermühle an diese stressige Zeit, auch, weil das Institut, an dem er seit 1992 eine Professur für Sportwissenschaften mit den Schwerpunkten Sportsoziologie und Sportgeschichte innehatte, schon bald wieder bedroht sein sollte. Sowohl 1998 und auch zu Beginn der 2000er Jahre und auch wieder 2013/14 gab es Schließungspläne, denen massive Proteste von Studierenden und Mitarbeitenden folgten. 

Angesprochen auf diese Zeit sagt der 90-Jährige: „Einen Sportler kann so schnell nichts erschüttern, aber ich bin froh, dass das Institut bis heute besteht.“

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