Das Reformierte Convict: Wie erlebten Theologie-Studenten ihre Zeit?

Die Bewohner des Reformierten Convicts in Halle haben offenbar von Beginn an großen Wert auf Kontinuität und Beständigkeit gelegt. In jedem Semester wurde in dem Studentenwohnheim gewählt – auch ein Chronist, der den Semesterbericht verfasste. Und tatsächlich gibt es seit der Gründung im Jahr 1890 nur wenige Zeiträume, in denen diese Chronik nicht geführt wurde. In der Weltwirtschaftskrise fehlte das Geld für ein neues Buch, in das die Texte hätten eingetragen werden können. Auch während des Ersten und Zweiten Weltkriegs gibt es Lücken. Ansonsten aber haben die Studenten eine Dokumentation dessen hinterlassen, was ihnen im Haus von Bedeutung schien. In den mal ein bis zwei Seiten, mal aber auch zehn Seiten langen Semesterberichten wurden Namen und Semester der Bewohner notiert, wissenschaftliche Themen und „alles, was geeignet ist, in das Leben des Convicts einen Einblick zu gewähren“, wie es in der Vorbemerkung zur Chronik hieß. Dazu gehörten die Gespräche am Küchentisch, Berichte über Ausflüge, über Streiche und Debatten zur Sauberkeit im Haus. Dazu zählten aber selbstverständlich auch Diskussionen zu kirchlichen Entwicklungen und politischen Differenzen, unter anderem in der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus.
„Das macht die Chronik zu einem wertvollen Zeitdokument, weil man sehr authentisch die Gedanken von jungen Menschen zu ihrer Zeit findet – oft auch zwischen den Zeilen“, sagt Thomas Hübner, der heute an der Theologischen Fakultät Griechisch und Latein lehrt und Initiator des Buchprojektes ist. Elf Jahre lang, von 1988 bis 1999, hat Hübner selbst in dem Haus in der Kleinen Klausstraße zwischen Marktplatz und dem halleschen Dom gelebt. Schon damals, erinnert er sich, gab es hin und wieder Pläne, die akribisch geführten Chroniken des Reformierten Convicts zugänglich zu machen. Der Grund, aus dem dieser Plan entstand, war zugleich eines seiner großen Hindernisse. Die historischen deutschen Schreibschriften Kurrent und Sütterlin können viele, vor allem junge Menschen heute nicht mehr lesen. Hübner selbst bot deshalb mehrere Semester lang Kurse in dem Studierendenheim an, in denen Bewohner das Lesen der alten deutschen Handschriften lernten und dann beim Transkribieren der zwei Bände umfassenden Convict-Chronik für den Zeitraum von 1890 bis 1945 mitwirkten.
Die Chronik hielt für die Herausgeber durchaus auch Überraschendes bereit. Er habe sich bis dahin nicht vorstellen können, dass die Begeisterung für Hitler und den Nationalsozialismus in den frühen Jahren auch unter Theologiestudenten so groß war, wie es die Einträge zeigen, so Hübner. „Es gab ein Semester, in dem wirklich sämtliche Bewohner des Hauses Mitglied der SA waren.“ Genauso interessant sei gewesen, wie schnell die Stimmung zumindest bei einem Teil der Bewohner wieder umschlug – und in der Hinwendung zur Bekennenden Kirche mündete, einer Widerstandsbewegung gegen Eingriffe des NS-Regimes in die Kirche. Deborah Haferland, Doktorandin an der Theologischen Fakultät und Mitherausgeberin des Buches, betont vor allem die Bandbreite der Bewohner-Biografien: „Die einen arbeiteten später im kirchlichen ,Entjudungsinstitut‘ in Eisenach, das die Bibel von allen jüdischen Einflüssen befreien wollte. Ein anderer starb im Konzentrationslager.“ 1904, auch das habe sie überrascht, habe sogar Ludwig Müller, der später von Hitler eingesetzte Reichsbischof, im Convict gelebt.

Ergänzt wird die im Universitätsverlag erschienene Chronik durch Forschungen des Herausgeberteams, die in ergänzenden Aufsätzen im Buch zusammengefasst sind. Thomas Hübner hat sich zum Beispiel mit dem Album des Convicts beschäftigt, in dem sich zahlreiche Daten zu den Biografien der Bewohner finden. Deborah Haferland ordnete die Chronikberichte, die Ambivalenzen in der Entwicklung des Hauses und die Rolle der Universität in ihre historischen Kontexte ein, Dr. Florian Priesemuth als dritter Herausgeber des Bandes widmete sich den theologischen Debatten. Sowohl Haferland als auch Priesemuth, heute Habilitand in Leipzig, hatten als Inspektoren des mittlerweile für Studierende aller Fächer offenen Convicts über jeweils drei Jahre die Hausleitung inne.
Das Buch stärke die Verbundenheit der Bewohner mit dem Haus und seiner Geschichte, glaubt Deborah Haferland. „Und es gibt ein Nachdenken darüber: Was verbindet mich mit diesen jungen Männern, die da Ende des 19. Jahrhunderts oder in den 1920er und 1930er Jahren gewohnt haben?“ Das Werk richte sich aber zugleich nicht nur an die aktuellen und ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner. „Es ist für alle relevant, die sich für die Stadt- und Universitätsgeschichte interessieren.“ Oder für Theologiegeschichte – gerade in dem Bereich, so die Herausgeber, sei in der genannten Zeit viel passiert. En passant werde mit dem Werk nahezu das gesamte Berufsleben eines Dompredigers beleuchtet, von August Lang, der auch Honorarprofessor an der Universität und Kuratoriumsvorsitzender im Reformierten Convict war. Und es trage internationale Züge, weil Bewohner unter anderem aus Böhmen, Ungarn, Frankreich oder den USA kamen.
Die Chronik im Reformierten Convict wird auch heute noch weitergeführt. Bis Mitte der 1960er Jahre wurde sie handschriftlich fortgesetzt, später waren es mit Schreibmaschine geschriebene Einzelseiten oder Einträge am PC. Das heißt: Auch wenn noch kein Fortsetzungsprojekt geplant ist – Material dafür wäre vorhanden.
Zum Buch:
Thomas Hübner, Deborah Haferland und Florian Priesemuth (Hg.): Das Reformierte Convict in Halle. Die studentische Chronik 1890-1945. Halle 2026, 524 Seiten, 39,80 Euro, ISBN: 978-3-86977-298-1
Informationen beim Universitätsverlag:
https://uvhw.de/neu-erscheinungen/product/260422_00-298-1.html

