Gründer nach einem Studienjahr

11.09.2026 von Katrin Löwe in Wissenstransfer
Er ist Statistik-Fan, psychologisch interessiert und bereitet sich nach seinem ersten Studienjahr an der MLU gerade auf eine Firmengründung vor: In der kommenden Woche präsentiert Ole Böhme sein System, das die psychische Gesundheit von Beschäftigten in einem Unternehmen erheben soll, zudem beim Investforum Pitch-Day in Dessau. Unterstützt wird der 20-Jährige vom Transfer- und Gründungsservice der MLU.
Ole Böhme bereitet gerade die Unternehmensgründung vor.
Ole Böhme bereitet gerade die Unternehmensgründung vor. (Foto: Marco Warmuth)

Wie sehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre eigene Arbeitsbelastung, welche Erfahrungen machen sie mit ihren Führungskräften, wie hoch ist das Vertrauen in diese, das Vertrauen in Kollegen, das Unternehmen insgesamt? Fragen wie diese sind auch Bestandteil von klassischen, in der Arbeitspsychologie entwickelten Mitarbeiterbefragungen, die Unternehmen und Organisationen durchführen - manche einmal im Quartal, manche jährlich. Ole Böhme ist überzeugt, dass die Antworten hilfreicher wären, würde man Beschäftigte häufiger befragen, die Fragen individuell variieren und die verschiedensten psychologischen Parameter in der Auswertung in Beziehung zueinander setzen. Man könnte kritische Tendenzen frühzeitig erkennen, die Effizienz steigern und das Risiko von Kündigungen reduzieren, glaubt er. Mit „Psydar“ will er Unternehmen dafür eine softwarebasierte Lösung an die Hand geben. Aktuell bereitet Ole Böhme die formale Firmengründung vor.

Dabei steht der Gründer in spe gerade einmal am Anfang seiner eigenen wissenschaftlichen und beruflichen Karriere. 2024 hat er sein Abitur am halleschen Cantorgymnasium abgelegt. Grundsätzlich sei er sehr Mathe- und Statistik-affin, sagt Böhme über sich selbst. Das ist eine wichtige Voraussetzung für sein Projekt. Die Idee dazu hat er vor allem nach dem Abitur entwickelt. Ein Jahr hat er mit verschiedenen Jobs und Reisen verbracht, hat in der Logistik gearbeitet, in der Gastronomie, selbst in der Kosmetikindustrie. Dabei habe er oft beobachtet, wie Probleme zwischen Beschäftigten und der Führungsebene zu ineffizienten Abläufen, Belastungen und letztlich sinkendem Engagement geführt haben, sagt Böhme. „Mir fallen Sachen auf, die nicht optimal laufen – und dann habe ich den Drang danach, etwas zu optimieren.“

Seit einem Jahr studiert der aus Sandersdorf (Anhalt-Bitterfeld) stammende 20-Jährige an der MLU Wirtschaftswissenschaften im Hauptfach und Psychologie im Nebenfach. Parallel zu Seminaren und Vorlesungen hat er unzählige Studien aus der Arbeits- und Organisationspsychologie recherchiert und sich mit der Entwicklung von cloudbasierter Software befasst. Über den Transfer- und Gründungsservice der Universität kam er in Kontakt mit Fachleuten aus Consulting-Unternehmen oder dem Personalbereich, konnte Bedarfe abfragen, essentielle Sicherheitsfragen thematisieren.

Entstanden ist so über die Monate ein System, das nach seinen Angaben weit über 10.000 Fragen an Beschäftigte formulieren kann. Die Unterstützung durch den Transfer- und Gründungsservice sei „sehr entscheidend“ gewesen, sagt er – ob mit der Vermittlung von Kontakten, Informationen zu Events oder Coaching. Auch in schwierigen Entwicklungsphasen sei ein kritischer Blick von außen „nur einen Anruf entfernt“ gewesen.

Ziel von „Psydar“ ist, dass Beschäftigte nicht einmal im Jahr einen Katalog von 50 oder 60 Fragen abarbeiten, sondern wöchentlich fünf bis zehn – immer unterschiedliche – Fragen beantworten. Aus den statistisch analysierten Ergebnissen sollen Führungskräfte zeitnah Probleme in spezifischen Indizes ablesen können und Handlungsempfehlungen erhalten. Der Zeitaufwand sei auf beiden Seiten gering – „und durch die Kontinuität kann man sinnvollere Entscheidungen für die Mitarbeitenden treffen, zumindest ist das meine Hoffnung“, so Böhme. Auf die Frage, wie er Ängsten von Beschäftigten begegnet, dass ein psychologisches Profil von ihnen erstellt wird, sagt er ganz klar: „Indem ich zeige, dass das System nur Gruppen analysiert.“ Die Antworten seien mehrfach verschlüsselt und überhaupt erst ab einer gewissen Teamgröße auswertbar.

Böhme plant, das System ab Oktober gemeinsam mit dem halleschen Unternehmen Sonotec in einem dreimonatigen Pilotprojekt zu testen. Für die fachliche Validierung möchte er Expertinnen und Experten aus der Universität gewinnen. Zunächst einmal stellt er „Psydar“ am kommenden Mittwoch aber auf dem Investforum Pitch-Day in Dessau vor, einer Veranstaltung, auf der Startups und Forschende potenziellen Geldgebern und Partnern ihr Geschäftskonzept schmackhaft machen. Er gehört zu den 30 von 58 Gründern, die sich dafür mit ihrem Konzept beworben haben und zugelassen wurden. Böhme hofft vor allem auf viele Gespräche und neue Kontakte. „Sichtbarkeit zu schaffen ist für mich dort das große Ziel.“

Das alles klingt nach einem Leben, für das man mehr als 24 Stunden am Tag braucht. „Natürlich habe ich einen normalen Alltag – mit dem Sport, der Uni, den Treffen mit Freunden. Ich mache alles Mögliche“, sagt Böhme indes. Bis 2022 war er auch noch Leistungsschwimmer. „Psydar“ sei für ihn Freizeitbeschäftigung, bei der er Spaß habe und die ihm deshalb nicht wie Arbeit vorkomme. Und wie sieht er seine eigene Zukunft? Sicher ist der 20-Jährige, dass er weiter studieren und auch forschen möchte. Aktuell spielt er mit dem Gedanken, sich noch mehr in Statistik und Kognitionswissenschaft zu vertiefen. Klar ist sein Wunsch für „Psydar“: Er hoffe, sagt Böhme, dass das System einen Anstoß für künftige Standards beim Blick auf die psychische Gesundheit von Beschäftigten gebe.
 

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