„Wahrheiten“ zum Geburtstag

Am Ende war die große Herausforderung die Zeit: Nur rund zweieinhalb Monate hatte der Universitätschor, um das neue Werk des Hannoveraner Komponisten und Texters Oliver Gies einzustudieren. „Wahrheiten. Eine Kantate über Erkenntnis, Lüge und Macht“ sei ein Stück, das sich stilistisch zwischen romantischem Oratorium und Musical bewegt, sagt Chorleiter Keno Weber. Und es liefere Denkanstöße, die gut in die Zeit passen. Dramaturgisch setze Gies eine Solostimme, die radikale Veränderungen propagiere, gegen drei weitere, konservative Solostimmen ein, die Veränderungen auf Biegen und Brechen verhindern wollen. „Der Chor steht für das Volk, das zwischen beiden Polen hin- und hergerissen ist“, sagt Weber. Weil Gies die Gegner von Veränderungen auch ein Stück weit parodiere, sei „Wahrheiten“ an einigen Stellen sogar durchaus witzig.
Die Zuhörerinnen und Zuhörer in der Konzerthalle Ulrichskirche erwartet ein Abend, an dem sowohl die Kantate mit Orchesterbegleitung als auch Stücke a cappella zu hören sind. Rund um „Wahrheiten“ werden passend zum Jubiläum unter anderem Werke von Johannes Brahms und Gustav Mahler, aber auch von Mia Makaroff oder Orlando di Lasso gruppiert.
Das Konzert markiert den Auftakt des Chorjubiläums. Am Tag darauf wird es eine vom 1991 gegründeten Freundeskreis des Chors unterstützte Feierstunde geben, zu der Staatsminister Rainer Robra, Halles Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt und MLU-Rektorin Prof. Dr. Claudia Becker erwartet werden. Neben den aktuellen Sängerinnen und Sängern singen dann auch mehr als 100 eingeladene ehemalige Chormitglieder Lieder aus dem Repertoire vergangener Jahrzehnte – unter Leitung des langjährigen Chorleiters Jens Lorenz.
Der 1951 gegründete Universitätschor, damals Teil des „Johann-Friedrich-Reichardt-Ensembles“, basiert auf einem Beitrag der Universität zum Deutschlandtreffen der Jugend 1950 in Berlin. „Von Anfang an war er vor allem ein Anlaufpunkt für Studierende, die eine musikalische Heimat zum Chorsingen gesucht haben“, sagt Dr. Jens Arndt, seit Jahren zweiter Dirigent. Für sie schaffe er einen wichtigen Ausgleich zum Studium. Die künstlerische Leitung hatte in den ersten 26 Jahren Carlferdinand Zech inne, auf ihn folgten Berthold Schöps und Jens Lorenz, der 2024 nach 40 Jahren als Chorleiter verabschiedet wurde. Sein Nachfolger ist Keno Weber.
Heute hat der Chor rund 120 Mitglieder – und ein „Luxusproblem“, wie Weber und Arndt sagen. Anders als zu Beginn, wo jeweils zum Start eines Studienjahres 30, 40 Neue dazustießen und sich dann „alles irgendwie sortierte“, gibt es seit 1985 ein Vorsingen, zu dem inzwischen jährlich mehr als 60 Interessierte kommen. Das sind nicht nur mehr, als der Chor überhaupt aufnehmen kann – die Neuen können so quasi passgenau ausgewählt werden. Auch Überalterung ist laut Weber im Uni-Chor kein Thema, selbst wenn es mittlerweile einen stabilen Anteil ehemaliger Studierender gebe, die in Halle geblieben sind. Die meisten Chormitglieder haben übrigens eine Vorgeschichte in anderen Chören. Die Sängerinnen und Sänger sind aber keineswegs nur Musikstudierende – und dennoch auf musikalischer Augenhöhe, wie der Ensemble-Leiter sagt.
Stichwort musikalische Augenhöhe: Seit mehr als 20 Jahren ist der Universitätschor fester Bestandteil im Programm der halleschen Händel-Festspiele. „Da muss man als Laienchor erst einmal Fuß fassen, ansonsten sind da ja nur Profis anzutreffen“, sagt Arndt. Weitere Partnerschaften gibt es unter anderem mit der Staatskapelle Halle und der Anhaltischen Philharmonie Dessau. Ein Achtungszeichen in der mitteldeutschen Musiklandschaft habe der anfangs auf a cappella konzentrierte Chor bereits 1988 mit der Wiederaufführung der großen Fasch-Messe in Zerbst gesetzt, erinnert sich Arndt – seitdem ist das Universitätsensemble regelmäßiger Partner der Internationalen Fasch-Festtage, die an den mitteldeutschen Komponisten Johann Friedrich Fasch erinnern. Und: Heute gehören Chorsinfonik, Oratorien, Kantaten und Passionen ganz selbstverständlich zu seinem Repertoire.
Konzertreisen in 15 europäische Länder, der Gewinn internationaler Chorwettbewerbe, Rundfunkauftritte und CD-Einspielungen: Die Liste der Highlights vergangener Jahre ist lang. Und auch nach dem Jubiläumskonzert wird es weitere Höhepunkte geben. Noch in diesem Jahr ist die Aufführung des Verdi-Requiems mit der Staatskapelle geplant, im kommenden Jahr steht unter anderem mit dem Händelfestspielorchester Bachs Matthäus-Passion auf dem Plan. Nicht zu vergessen sind die universitären Anlässe gestern wie heute. In seiner Chronik führt der Chor zum Beispiel die Aufführung der Mozartschen Krönungsmesse bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Hans-Dietrich Genscher im Jahr 1992 an. Am 24. April dieses Jahres tritt der Chor wieder gemeinsam mit den weiteren Uni-Ensembles beim Großen Frühjahrskonzert auf.
Jubiläumskonzert
8. Mai 2026, 19:30 Uhr
Konzerthalle Ulrichskirche, Leipziger Straße, Halle (Saale)
Leitung: Keno Weber, Solisten: Freya Müller (Alt), Theo Rohde (Tenor), Hinrich Horn (Bariton), Daniel Eggert (Bass), Mitwirkende: Universitätschor „Johann Friedrich Reichardt“, Orchester „musica assoluta“
Karten gibt es zum Preis von 28 Euro (ermäßigt 20 beziehungsweise 10) online und an den bekannten Vorverkaufsstellen.
Uraufführung in Hannover
Ursprünglich wurde die Kantate „Wahrheiten. Eine Kantate über Erkenntnis, Lüge und Macht“ als Schwesterstück für Felix Mendelssohn Bartholdys Werk „Die erste Walpurgisnacht“ geschaffen, das auf einer Goethe-Ballade über den Konflikt zwischen alten heidnischen Bräuchen und dem Christentum im Harz basiert. Eine Woche vor der halleschen Aufführung wird es unter Keno Webers Leitung vom Hannoverschen Oratorienchor in der niedersächsischen Landeshauptstadt gemeinsam mit der Mendelssohn-Kantate uraufgeführt. Weber leitet seit 2015 den traditionsreichen Hannoverschen Oratorienchor.
Weber ist seit 2024 Leiter des Universitätschors Halle. Er studierte Schulmusik an der Hochschule für Musik und Theater Hannover und Dirigieren bei Prof. Jörg Straube an der Hochschule für Musik Würzburg. Meisterkurse bei Daniel Reuss, Sir Simon Halsey und Morten Schuldt-Jensen vervollständigten seine Ausbildung. Von 2014 bis 2021 war Keno Weber Künstlerischer Leiter des Quilisma Kinder- und Jugendchores Springe. Im Niedersächsischen Chorverband ist er außerdem als künstlerischer Leiter der Chortage Hannover tätig. 2020 initiierte er ein großes Beethoven-Festival an der Marktkirche Hannover, das 2021 unter seiner künstlerischen Leitung stattfand. Bis zu seinem Wechsel nach Halle hatte Weber 14 Jahre lang einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik Würzburg im Fach Chorleitung und wirkte als Dozent für Schlagtechnik und Dirigierpraxis in der C-Ausbildung des Landesmusikrates Niedersachsen.


