„Mich wundert, wie verhalten die Wissenschaft reagiert“

Ihr Policy Paper trägt den Titel „Hochschule in der ungesicherten Demokratie“. Ist die Hochschullandschaft in Gefahr?
Peer Pasternack: Ja. Wir erleben eine zunehmende Erosion von Dingen, die wir lange Zeit als selbstverständlich begriffen haben: dass Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie rechtlich gesichert sind, dass Hochschulen sowohl öffentliche als auch staatliche Akzeptanz genießen und dass es eine akademische Kultur gibt, die diskursiv ist und nach Wahrheit strebt. Es galt als ausgemacht, dass diese Elemente sich aufeinander beziehen, dass sie sich gegenseitig stabilisieren und dass sie Innovation, internationale Vernetzung, Ethik und Wissenstransfer ermöglichen.
Was hat sich daran geändert?
Wissenschaft gerät zunehmend unter Druck – durch gesellschaftliche Kontroversen bis hin zu politischem Autoritarismus. Schauen Sie in die USA: Hier stehen renommierte Universitäten unter Beschuss, Forschungsbereiche wie die Klima- oder Genderforschung werden grundsätzlich infrage gestellt. Was nicht ins politische Konzept der Trump-Regierung passt, wird als Agendawissenschaft abgestempelt. Das zeigt sehr deutlich, wie schnell eine vermeintlich resiliente Demokratie an ihre Grenzen gerät. Und es ist naiv zu glauben, dass solche Entwicklungen in Deutschland ausgeschlossen sind. Deshalb wundert es mich, wie verhalten die Wissenschaft hierzulande reagiert und wie wenig sie sich vorbereitet.
Was sollte die Wissenschaft tun?
Zunächst einmal sollte sie sich der Tatsache bewusst sein, dass sie die Angriffsflächen zum Teil selbst bietet. Denken Sie nur an die Promotionsskandale oder an die Impact-Factor-Orientierung – also die Tendenz, Forschungsleistungen primär anhand der Zitationshäufigkeit in Zeitschriften zu bewerten. In ihrem Selbstbild garantieren Universitäten und Hochschulen den offenen Diskurs, es gibt aber auch gegenteilige Wahrnehmungen innerhalb des Wissenschaftsbetriebs – etwa von Ausgrenzung und verengten Diskursräumen. Wissenschaft steht für Veränderung und nicht für die Pflege des Status quo. Der Hochschullandschaft täte es insgesamt gut, sich argumentativ auf die demokratischen und rechtsstaatlichen Voraussetzungen für eine freie Wissenschaft zu konzentrieren.
Was passiert, wenn sich politische Mehrheiten verschieben, zum Beispiel in Sachsen-Anhalt mit der Landtagswahl im September 2026?
Wir können das Kind gern beim Namen nennen: Ginge es nach der AfD, würde sich in der Wissenschaftslandschaft einiges ändern. Dabei sind manche Programmpunkte nicht völlig aus der Luft gegriffen und folgen durchaus einer alltagsweltlichen Plausibilität. Ein Beispiel ist der Bologna-Prozess, den die Partei, sollte sie in Regierungsverantwortung kommen, rückgängig machen will. Damit solle dem deutschen Diplom wieder zu alter Geltung verholfen werden. Das klingt verlockend, aber was wäre die Konsequenz? Wird ein Diplom, oder gar ein Vordiplom, in anderen Ländern anerkannt? Die Abschlüsse sind europaweit harmonisiert, ein deutscher Alleingang würde den akademischen Austausch behindern. Auch das permanente Infragestellen ganzer Forschungsfelder, insbesondere der Klima-, Gender- und Migrationsforschung, ist ein Markenzeichen der Partei. Eine vernünftige Reaktion darauf sollte sein, Forschung durch ihre innerwissenschaftliche Logik zu begründen und aufzuzeigen, dass Forschungsthemen aufgrund gesellschaftlicher Problemlagen unabweisbar sind.
Wäre auch die Hochschulfinanzierung gefährdet?
Die Gefahr ist real. Die laufenden Trägermittel der Länder, die klassische Kernfinanzierung, machen nur etwa 60 Prozent der öffentlichen Gelder für das Hochschulsystem insgesamt aus. 40 Prozent der Mittel sind vergleichsweise leicht disponibel – sie stammen zum größten Teil aus Programmen, Wettbewerben und befristeten Pakten, an denen der Bund maßgeblich beteiligt ist. Diese darin steckende ungesunde Tendenz zur Projektförmigkeit wissenschaftlicher Forschung führt zu finanzieller Erpressbarkeit bei politischem Gegenwind. Bund-Länder-Programme unterliegen einem Haushaltsvorbehalt – einzelne Länder können hier ihr Vetorecht ausspielen und die Mittel durch einfachen Beschluss streichen. Mittelfristig könnten generelle Etatkürzungen folgen, wovon insbesondere befristete Personalstellen betroffen wären.
Wie ließe sich ein solches Szenario abwenden?
Wir brauchen eine Härtung der Grundfinanzierung, die an Tarife und Inflation gekoppelt ist. Das Vetorecht einzelner Bundesländer muss geändert werden, um Blockaden zu verhindern und die demokratische Einbettung des Wissenschaftsbetriebs in das föderale System langfristig zu sichern. Und schließlich muss das Nachwuchssystem stabilisiert werden, indem vor allem der Mittelbau gestärkt und die Personalaushöhlung gestoppt werden. Das alles lässt sich nur erreichen, wenn die Hochschulen eine breite Allianz bilden und es eine Solidarität innerhalb des Wissenschaftssystems gibt.
Über eine Gruppe haben wir noch nicht gesprochen: Welche Rolle spielen die Studierenden?
Das ist ein wichtiger Punkt, wenn nicht einer der wichtigsten. Denn die heutigen Studierenden sind es, die morgen in verantwortungsvollen Positionen arbeiten. Deshalb sieht etwa das Hochschulrahmengesetz vor, junge Menschen während ihres Studiums zu verantwortungsbewusstem Handeln in der Demokratie zu befähigen. In der Praxis geht das aber kaum über entsprechende Formulierungen in Leitlinien hinaus, in den Hochschulen herrscht überwiegend Ratlosigkeit, wie man diesem Anspruch curricular gerecht werden kann. Problematisch ist auch, dass Studierende kaum in milieuübergreifender Kommunikation und in der Bewältigung alltagspraktischer Krisen geschult sind – Fähigkeiten, die sie in ihren späteren Jobs und als Teil einer aktiven Bürgerschaft aber zwingend benötigen.
Was müsste diesbezüglich getan werden?
Die bloße Thematisierung des Problems reicht nicht aus. Urteilsfähigkeit, Konfliktfähigkeit und der Umgang mit Uneindeutigkeit sollten als Studienziele formuliert und entsprechende Lehrformate etabliert werden. Deliberative Lehr-Lern-Formen, die auf der abwägenden Diskussion kontroverser Themen basieren, sind ein guter Ansatz. Auch die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel sollte geschult werden – Beispiele dafür sind Patientengespräche im Medizin- oder fiktive Gerichtsprozesse im Jurastudium. Hilfreich ist ebenfalls die Durchführung von Projekten außerhalb der Hochschule, also in Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Partnern wie Vereinen oder Freiwilligenagenturen. Hochschulen investieren bislang kaum in die Ausbildung kommunikativer Fertigkeiten. Das sollten sie aber zwingend tun, damit die künftigen Absolventen nicht allein mit ihresgleichen gesprächsfähig sind.
Zum Policy Paper: Justus Henke & Peer Pasternack: Hochschule in der ungesicherten Demokratie. Ansatzpunkte zur Stärkung der Resilienz. doi: 10.5281/zenodo.17951292