Erhard Hirsch: Nachruf auf den Nestor der Dessau-Wörlitz-Forschung

04.03.2026 von Gunnar Berg in Personalia
Am 14. Januar 2026 starb im 98. Lebensjahr Prof. Dr. phil. habil. Erhard Hirsch, der Nestor der Dessau-Wörlitz-Forschung. Seine grundlegenden wissenschaftlichen Arbeiten bereiteten den Weg für die Auszeichnung der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz mit dem Titel Weltkulturerbe der UNESCO im Jahre 2000. Ein Nachruf von Prof. Dr. Dr.-Ing. Gunnar Berg.
Prof. Dr. Erhard Hirsch neben einer Büste des Fürsten Franz
Prof. Dr. Erhard Hirsch neben einer Büste des Fürsten Franz (Foto: Inge Karl)

Kindheit

Erhard Hirsch wurde am 28. April 1928 in Leipzig in schwierigen sozialen Verhältnissen geboren. Seit seinem 4. Lebensjahr lebte er bei der Großmutter in Dessau. Der Vater Walter Hirsch, zunächst Elektriker, nach einem Studium 1937 bis 1940 Ingenieur, war bei der Firma Junkers in Dessau beschäftigt. Nach dem Besuch der Grundschule in Dessau wechselte Erhard Hirsch 1939 auf die dortige Goethe-Schule, Oberschule für Jungen, wurde aber 15jährig Weihnachten 1943 als Luftwaffenhelfer an die Flak eingezogen, „es lief freilich in beschränktem Umfange der Schulunterricht weiter“ (Lebenslauf vom 6. 4. 53). Am 20. April 1945 geriet er bis zum 27. Juni 1945 in amerikanische Gefangenschaft, kehrte nach Dessau zurück, setzte sofort nach Wiedereröffnung der Schule im Oktober 1945 den Unterricht fort und legte 1947 das Abitur ab. Im Zeugnis wird betont „1 Jahr in Klasse 12“, was wohl andeutet, dass das unter den damaligen, kriegsbedingten Umständen nicht unbedingt erwartbar war.

Die Eltern waren nach dem Krieg als ‚Spezialisten‘ in die Sowjetunion deportiert worden – die höheren technischen Angestellten des Flugzeugbauers Junkers wie Vater Hirsch galten als solche. Der Jugendliche war abgesehen von den Hilfen der Großmutter auf sich allein gestellt. Im Lebenslauf vom 15. April 50 kommentiert er das folgendermaßen: „Da meine Eltern sich auf Arbeitseinsatz in der U.d.S.S.R. befinden, war ich schon während der Schulferien im Baugewerbe zu arbeiten gezwungen.“ Bemerkenswert ist die Formulierung „Arbeitseinsatz“ für einen nun schon Jahre dauernden Zwangsaufenthalt, offenbar der vorgeschriebene Sprachgebrauch, der sich auch im Personalbogen aus ebendiesem Jahr in demselben Sinn wiederholt, wenn es in der Rubrik „Verwandte im Ausland“ heißt: „Eltern im Arbeiterwohnheim in d. USSR [unleserlich] b. Moskau“.

Nach dem Abitur wollte Erhard Hirsch studieren. Im Abiturzeugnis sticht neben überwiegend „gut“-Benotungen ein „sehr gut“ für Mathematik heraus, so dass er zunächst mit dem Gedanken liebäugelte, Mathematik zu studieren. Doch er kam davon ab und bewarb sich in Leipzig, weil es seine „Geburtsstadt war & dort die verehrten Germanisten [Theodor] Frings [lehrte in Leipzig 1927 bis 1957] & [Hermann August] Korf[f] [lehrte in Leipzig 1935 bis 1954] lehrten“, wie er rückblickend in Erinnerungen im Jahr 2021 notierte, wurde aber abgelehnt, „da ich nicht Arbeiterkind war“. Außerdem erfuhr er, dass er „als Anhalter im sächsischen Leipzig keine Chance hätte“, so dass er zunächst erst einmal ab Juli 1947 eine Klempnerlehre in der Firma seines Onkels Zeitfuchs in Dessau begann, nebenbei aber in der Volkshochschule germanistische Veranstaltungen besuchte, wobei er dankbar einer „Förderung durch ObStR Ernst Wachsmuth & Dr. Siebert“ gedenkt. Nach etwa einem dreiviertel Jahr hatte er die Möglichkeit, ein Volontariat im Stadtarchiv Dessau anzutreten, was er natürlich auch nutzte, parallel dazu sich aber auch um einen Studienplatz bemühte, jetzt an der hallischen als der für Anhalt „zuständigen“ Universität. Auch hier gab es mit dem Hinweis, kein Arbeiterkind zu sein, eine Ablehnung. Er entschloss sich, wie er im Rückblick von 2021 schreibt, „zu einem ganz unorthodoxen Verzweiflungsweg: ich fuhr nach Halle und begab mich in die russische Kommandantur, wo ich mich bei einem Offizier Kasakow melden ließ und dem vortrug, daß meine Eltern zum Aufbau des Kommunismus in der SU wirkten und der bewirkte meine verspätete Immatrikulation in Klass. Philologie & Germanistik! So wurde ich endlich Student mit Hilfe der ungeliebten Besatzungsmacht.“

Studium

Erhard Hirsch konnte also im November 1948 sein Studium zum Lehramt beginnen und zwar Latein bei Erich Reitzenstein [lehrte in Halle von 1937 bis 1958, als er mit Auflösung des „Spirituskreises“ nach Westdeutschland floh], Griechisch bei Werner Peek [lehrte in Halle von 1951 bis zur Emeritierung 1969], deutsche Literaturgeschichte bei Ferdinand Joseph Schneider [lehrte in Halle von 1921 bis zur Emeritierung 1953], und  deutsche Sprachwissenschaft bei Karl Bischof [lehrte in Halle von 1948 bis zur Flucht nach Westdeutschland 1959]. Außerdem hörte er Pädagogik bei Hans Ahrbeck [lehrte in Halle von 1946 bis zur zwangsweisen vorzeitigen Versetzung in den Ruhestand 1958 wegen Mitgliedschaft im „Spirituskreis“], und Kunstgeschichte bei Wilhelm Worringer [lehrte in Halle von 1945 bis zur Flucht nach Westdeutschland 1950]. 

Latein war Erhard Hirschs „Hauptfach“, Deutsch das damals so genannte „Beifach“. Auch während des Studiums musste er sich um materielle Unterstützung kümmern. Offenbar war er in den Latein-Kursen der ersten drei Semester so aufgefallen, dass Professor Reitzenstein für ihn eine Hilfsassistenten-Stelle beantragte: „Für seine Studien, in denen er bisher gute Fortschritte gemacht hat, könnte solche Tätigkeit nur förderlich sein. Die aus dem Lebenslauf ersichtlichen persönlichen Verhältnisse zeigen, daß eine solche Tätigkeit auch wirtschaftlich für Herrn Hirsch eine große Hilfe bedeuten würde, die auch aus sozialen Gründen zu begrüßen wäre.“ (Antrag an den Verwaltungsdirektor vom 19. 4. 50). Eine für solche Anstellungen zuständige Kommission entscheidet zwar positiv, aber da aus der Beurteilung der FDJ „die mangelnde gespol. [gesellschaftspolitische] Beteiligung“ hervorgehe, nur mit Befristung auf ein halbes Jahr. Vor Ablauf dieser Befristung beantragt Reitzenstein am 9. September 1950 die Verlängerung, die von der erwähnten Kommission wiederum nur mit einer auf ein halbes Jahr befristeten Verlängerung beantwortet wird: „Sein Einsatz vor den Oktoberwahlen [es handelte sich um die ersten Wahlen mit einer „Einheitsliste der Nationalen Front“ zu Volkskammer und Landtagen, in der die Sitzverteilung bereits im Voraus festgelegt war] hat bewiesen, dass er gewillt ist, an dem Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik mitzuhelfen; es genügt aber noch nicht, ihn unbefristet einzustellen.“ Offenbar aber bleibt auch das weitere „Mithelfen“ so unbefriedigend, dass sich diese Art des Verfahrens bis zum Ende des Studiums in dieser Form hinzieht. Reitzenstein beantragt kontinuierlich Verlängerungen sowie angesichts der Arbeitsbelastung und im Vergleich zu anderen Hilfsassistenten die Anhebung der Bezüge, was letzten Endes auch immer gewährt wird.

Nach Vorlage einer schriftlichen Hausarbeit zum Thema: „Wie verwertet Ovid im VII. Brief des Heroides seine Vorlage Vergil?“ und Ablegen der mündlichen Prüfungen erhält Erhard Hirsch das Abschlusszeugnis für das Lehramt an Oberschulen am 18. Dezember 1953. Die Noten sind durchgehend „sehr gut“ und „gut“, bezeichnenderweise im Fach Gesellschaftswissenschaften aber nur „genügend“, damals einer „3“ entsprechend. Damit wird das Studium mit dem Staatsexamen im Wintersemester 1953/54 abgeschlossen. 

Zur Komplettierung seiner Ausbildung in den Alten Sprachen erlangte Erhard Hirsch in einer Externen-Prüfung 1961/62 die Griechisch-Lehrbefähigung für die Oberschule mit der Note „sehr gut“. Sein Interesse und sein Eifer für das Sprachstudium waren damit aber noch nicht befriedigt. Berufsbegleitend belegte er später noch bei Dr. Karl-Martin Beyse von der Theologischen Fakultät in Halle Hebräisch, so dass er 1971 bei dem Alttestamentler Prof. Dr. Dr. Gerhard Wallis die Prüfung für das Hebraicum mit der Note „1“ ablegen konnte. Es zeugt von dem Anspruch, den er an sich selbst stellte, dass er sich nicht auf die Alten Sprachen beschränkte, sondern sich auch mit modernen Sprachen wie Französisch und Italienich beschäftigte. Und das alles neben seinem vollen Beruf und dem noch zu beschreibenden Engagement für den Dessau-Wörlitzer Kulturkreis. 

Altphilologie

Doch zurück zum Abschluss des Latein-Germanistik-Studiums im Jahr 1954. Normalerweise hätte er, wie viele seiner Kommilitonen, nun in den Schuldienst gehen müssen, doch es kommen ihm die Umstände und offenbar Professor Reitzenstein, der ihn wiederholt in seinen Anträgen für die Beschäftigung als wissenschaftlicher Hilfsassistent als „pflichttreu, eifrig und gewissenhaft“ bezeichnet hatte, zu Hilfe. Da in der Abteilung Sprachunterricht ein Mitarbeiter ausfällt, schlägt Professor Reitzenstein vor, Erhard Hirsch als Lektor einzustellen, was mit Wirkung vom 15. März 1954 auch geschieht, wobei ihm gleichzeitig die Leitung des Lektorats Latein übertragen wird – ab 1984 die Leitung der AG Alte Sprachen. Bis auf eine kurze Unterbrechung 1955/56 als wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Bearbeitung eines Forschungsauftrags am Institut für Altertumswissenschaften der Universität wird er bis zum Ende seiner Tätigkeit an der Universität – durch mehrfache Verlängerungen über den Renteneintritt hinaus – nach 40 Dienstjahren am 31. März 1994 in der Position eines Lektors – kurzzeitig im Rahmen der 3. Hochschulreform 1969 in „Lehrer im Hochschuldienst“ um-, dann aber 1972 wieder zurückverwandelt – und Leiters des Lektorats bzw. der AG Alte Sprachen verbleiben. 

Als Lektor unterrichtete er in Latein hauptsächlich Medizin-, Zahnmedizin- und Pharmazie-Studenten, aber auch solche anderer Fachrichtungen der Philosophischen Fakultät wie z. B. Historiker und Prähistoriker, die auf diese Weise ein postabituriales Latinum erwerben bzw. sich auf das Große Latinum vorbereiten konnten; gelegentlich gab er auch Griechisch-Kurse für Interessierte. Als eigene Spezialgebiete bezeichnete er „die Literatur des Hellenismus und des augusteischen Rom“ (Lebenslauf o. D., ca. 1966), wozu er selbstverständlich noch bis 1980 publiziert hat, das dann aber zugunsten der Konzentration auf den Dessau-Wörlitzer Kulturkreis aufgab. Dagegen erforderte der Sprachunterricht natürlich ständig seine Aufmerksamkeit. Hier war ihm sehr daran gelegen, den ihm anvertrauten Studenten auch qualitativ hochwertiges Lehrmaterial zur Verfügung zu stellen, das im Buchhandel nicht zu erwerben war. Das bedeutete, dass er gemeinsam mit seinem Kollegen Ulrich Richter regelmäßig, teilweise jährlich aufgelegt und verbessert, die Publikationen „Repetitorium und Einführung in die Terminologie der medizinischen Fachrichtungen“ sowie „Spezialsprachlicher Grundkurs für Mediziner“ vorlegte, als „Hausdruck“ vervielfältigt, die auch an anderen Universitäten der DDR als Lehrmaterial dienten. In einem Grundsatzartikel „Probleme der Nomenklaturkurse. Die griechisch-lateinische Fachterminologie naturwissenschaftlicher Disziplinen als Gegenstand spezialsprachlichen Unterrichts“, publiziert in der Wiss. Z. Univ. Halle 1972, wird die Problematik dieses Faches umfassend abgehandelt.

Im Jahr 1959 wurde er zunächst als Mitglied, dann als stellvertretender Vorsitzender der Fachkommission Latein beim Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen, später Arbeitsgruppe Alte Sprachen beim Wissenschaftlichen Beirat des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen (MHF), berufen. In dieser Eigenschaft leistete er Vorarbeiten für die Einarbeitung der terminologischen Neuerungen in das Arzneibuch II der DDR 1976 sowie in die neu erschienen Faszikel des RGW [Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe der Ostblock-Staaten]-Arzneibuchs (Compendium medicamentorum) 1977. Ab 1981 war er gemeinsam mit Ulrich Richter und Inge Karl von der hallischen Abt. Sprachunterricht im Auftrag des MHF mit der Erarbeitung für ein „republikverbindliches Lehrbuch »Medizinisches Latein« beauftragt, das an die Stelle des bisher in den meisten Universitäten genutzten halleschen Hausdrucks treten soll“ (Leistungseinschätzung vom 28. 4. 83), was dann aber doch der Konzentration auf andere Arbeiten zum Opfer fiel. 

Germanistik und Kulturgeschichte

Es ist erstaunlich, welch breites kulturgeschichtliches Interesse Erhard Hirsch anschließend an sein Germanistik-Studium entwickelte. Vieles davon war angeregt durch seine aktive Mitwirkung in der Winckelmann-Gesellschaft Stendal sowie der Ortsvereinigung Halle der Goethe-Gesellschaft Weimar. Regelmäßig hielt er in diesen Gesellschaften sehr gut aufgenommene Vorträge. 

Als Ertrag dieser Aktivitäten seien nur beispielhaft folgende Titel genannt, die dann auch zu Publikationen führten: „Halberstädter Aufklärung und die pädagogischen Intentionen des Gleimkreises.“ In: Der Aufklärer Gleim heute. Winckelmann-Gesellschaft, Bd. X, Stendal 1987, S. 52-56; unter Mitarbeit von Inge Karl: „Georg Forster im Kreis der Dessauer Aufklärer“. In: Georg Forster – ein Leben für den wissenschaftlichen und politischen Fortschritt. Wiss. Beiträge MLU Halle-Wittenberg 1981/42, S. 87-109; gemeinsam mit Inge Karl: „Christian Gottlob Heyne zwischen Philanthropismus und Neuhumanismus“. In: Winckelmanns Wirkung auf seine Zeit. Winckelmann-Gesellschaft, Bd. VII, Stendal 1988, S.149-159; „Halberstadt und Dessau: Zwei Kulturkreise der Goethezeit in ihren Wechselbeziehungen“. In: Festschrift Gleim. Halberstadt 1969, S. 163-166.

Gemeinsam mit Inge Karl hatte Erhard Hirsch es übernommen, die Bände 7 (Antiquarische Schriften) und 11 (Italienische Reise) der auf 16 Bände angelegten Gesamtausgabe der Werke G. E. Lessings für den Aufbau-Verlag einzuleiten und zu kommentieren. Vereinbarungsgemäß wurde das Manuskript für beide Bände 1991 druckfertig beim Verlag eingereicht, trotz aller Bemühungen aber konnte dieser aus Kostengründen das Vorhaben nicht realisieren, was die beiden Autoren sehr bedauerten, lagen ihnen doch das Thema, nämlich die Frühaufklärung, sowie der zu bearbeitende Autor, Lessing, sehr am Herzen.

Dessau-Wörlitzer Kulturkreis: Erste Schritte und Gründung der Dessau-Wörlitz-Kommission

Die Großmutter, bei der er zunächst ab 1932 in Dessau wohnte, bis er zu den Eltern zog, machte ihren Enkel auf ausgiebigen Spaziergängen mit der Stadt und deren Umgebung vertraut, die er auf diese Weise lieben lernte. Umso entsetzter war er, als er, aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrend, das völlige Ausmaß der Folgen des Bombenangriffs vom März 1945 unmittelbar wahrnahm. Doch er beließ es nicht beim Entsetzen, sondern es wurde ihm ein Anliegen, sich dafür einzusetzen, zu retten, was noch zu retten war: „In Zusammenarbeit mit dem Landeskonservator [Dipl.-Ing. Hans Berger] versuchte ich mit verschiedenem Erfolge das Wiederaufbaugeschehen der im Krieg zerstörten Kunststadt Dessau aus der Kenntnis ihrer großen kulturellen Vergangenheit heraus mit zu beeinflussen.“ (Lebenslauf von ca. 1966). Im Gegensatz zur in der DDR vorherrschenden, auch in Dessau dominierenden Absicht, die durch den Krieg entstandenen Schäden dadurch zu beseitigen, dass an Stelle der historischen Bausubstanz nun ‚sozialistische Bauten‘ gesetzt wurden, ging es ihm darum, möglichst weitestgehend die alten Gebäude zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Um dafür auch die Öffentlichkeit zu gewinnen, beginnt er in Tageszeitungen zum Thema zu publizieren. 

Der erste Aufsatz erschien im Mai 1956 zum „Ausbau von Süd- und Westflügel des Dessauer Stadtschlosses“ in Mitteldeutsche Neueste Nachrichten. Weitere Beiträge in dieser Zeitung sowie in der LDZ [Liberal-Demokratische Zeitung] zum „Georgengarten“, zum „Vermächtnis Erdmannsdorffs“ usw. folgten (die genannten Zeitungen waren regionale Tageszeitungen der Blockparteien NDPD bzw. LDPD im Bezirk Halle, die politisch selbstverständlich völlig auf SED-Linie ausgerichtet waren, aber im Lokal- und Kulturteil gelegentlich kritische Meinungen publizierten, wodurch sie sich einen liberal-bürgerlichen Anstrich gaben und sich damit wohltuend von der „Freiheit“, dem ‚Organ‘ der SED-Bezirksleitung, abhoben). Die Erfolge hielten sich allerdings in Grenzen, denn selbstverständlich hatte die SED-Politik Vorrang – der von Hirsch explizit genannte Südflügel des Stadtschlosses wurde trotz dieses Plädoyers gesprengt, aber immerhin der Westflügel, der Johannbau, blieb zumindest als Ruine erhalten, so dass er nach der Friedlichen Revolution wieder restauriert werden konnte und heute als einziger Baukörper des Schlosses noch von dessen verflossener Schönheit zeugt. 

Es gab ständig Auseinandersetzungen, doch Hirsch ließ sich nicht kleinkriegen: „Er scheute nicht davor zurück, sich unbeliebt zu machen, schrieb Eingaben, hielt Vorträge und konnte auch durch seinen Einsatz erreichen, daß die beiden Denkmäler mit den Standbildern von Leopold dem I. und Franz von Dessau vor dem Einschmelzen verschont blieben.“, wie der Landeskonservator Gotthard Voß bei der Verleihung des Denkmalpreises des Landes Sachsen-Anhalt im Jahr 1997 sagte. Das führte letzten Endes auch zu einem Zerwürfnis mit der Spitze der Stadt, wie es weiter heißt: „Als sich Dr. Hirsch 1972 anläßlich eines Kolloquiums im Dessauer Rathaus für die bessere Pflege des Georgiums und seiner Bauten einsetzte und viel Beifall dafür erhielt, erklärte die Oberbürgermeisterin, man wolle von Hirsch nichts mehr gedruckt sehen. Dieses quasi Veröffentlichungsverbot in der Stadt Dessau wurde durchgehalten [.. , ..] bis 1987 das Museum in den Beiträgen zur Stadtgeschichte eine Publikation zur Neugotik im aufgeklärten Dessau-Wörlitzer-Reformwerk herausgab.“ – allerdings war die erwähnte Oberbürgermeisterin bereits 1984 aus dem Amt geschieden und natürlich hatte Erhard Hirsch auch in der Zwischenzeit intensiv weiter publiziert, nur eben nicht in von der Stadt Dessau verantworteten Druckerzeugnissen.

Es war gewissermaßen zwangsläufig, dass Erhard Hirsch sich bei seinem Einsatz für den Erhalt der architektonischen Denkmäler auch für deren Urheber, letzten Endes für die Geschichte Anhalts, speziell natürlich Anhalt-Dessaus, interessierte und er auch dieses Kapitel, wie alles, was er anfasste, gründlich studierte, wodurch naturgemäß auch Wörlitz in seine Studien einbezogen wurde, was ihn zum Dessau-Wörlitzer Kulturkreis führte. Fürst, später Herzog Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, „Vater Franz“, wurde für ihn zum Bezugspunkt. „Diese Beschäftigung […] führte zu einer Reihe von Aufsätzen“ (Lebenslauf ca. 1966). Hier kam ihm auch die lebenslange Freundschaft mit seinem Schulfreund Harri Günther, 1959 an der Humboldt-Universität über ein Gartenthema promoviert und von 1959 bis zum Ruhestand 1992 Gartendirektor der Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam, zugute, mit dem er in vielen Sommern das Gartenreich durchstreifte und sich fachlich austauschte.

Da es Erhard Hirsch nicht nur um ein gründliches Studium der ideellen Grundlagen des Kulturkreises, sondern auch um den Erhalt von dessen Hinterlassenschaften ging, was allein kaum zu bewerkstelligen gewesen wäre, suchte er Verbündete, in dem Fall in dem Umkreis, den er kannte, nämlich an der Universität. Schon als Student und dann auch als junger Lektor hatte er kunstgeschichtliche Veranstaltungen besucht und dadurch auch guten Kontakt zum entsprechenden Institut und den dortigen Mitarbeitern, auch zu Dr. Hans-Joachim Mrusek, Assistent und ab 1959 kommissarischer Institutsdirektor, ab 1962 Professor und ab 1963 bis zu einer Emeritierung 1985 Direktor des Instituts für Kunstgeschichte bzw. ab 1969 Leiter des gleichnamigen Wissenschaftsbereichs. Dessen Arbeitsgebiet war zwar die mittelalterliche Profankunst, besonders die Burgenforschung, aber er setzte sich auch gemeinsam mit anderen Kollegen der Universität, mit denen er ab 1963 einen losen Arbeitskreis bildete, zu dem auch Hirsch gehörte, für den Erhalt gefährdeter Bauten ein. Selbstverständlich interessierte Hirsch diesen Kreis mit Erfolg auch für die Dessau-Wörlitzer Kulturdenkmale.

Unabhängig von dieser Entwicklung an der Universität war, initiiert durch den Wörlitzer Schuldirektor und Heimatforscher StR Johannes Pforte sowie den damaligen Leiter des Landesarchivs Anhalt in Oranienbaum, Dr. Hartmut Ross, die Idee entstanden, im Jahr 1965 gleichzeitig die Tausendjahrfeier der Stadt Wörlitz und die Zweihundertjahrfeier des Entstehens der Wörlitzer Anlagen zu begehen. Eine wohl nicht originale Urkunde Ottos I. aus dem Jahr 965 bzw. 966 wurde als Ersterwähnung von Wörlitz gewertet [heute gilt eine Urkunde von 1004 als authentisch], die Rückkehr des Fürsten Franz von seiner Englandreise 1764 als Baubeginn für die Wörlitzer Anlagen, so dass 1965 als guter Kompromiss erschien, beide Feiern gemeinsam zu begehen (siehe E. Hirsch: Wiss. Beiträge der MLU Halle-Wittenberg 1970/3, S. 100-151, Anm. 1, S. 136). Ross, der natürlich von den Archivstudien Hirschs zum Thema wusste, „setzte sich mit mir in Verbindung“ (siehe Hirsch in: „Leopold III. Friedrich Franz – sein Gesamtkunstwerk nach 250 Jahren“, Halle: LDA Sachsen-Anhalt 2021, S. 30), so dass die erwähnte „Reihe von Aufsätzen“ in die geplante Jubiläumsschrift „Der Dessau-Wörlitzer Kulturkreis“, Wörlitz 1965, einfließen konnte, wo es im Nachwort heißt: „Die vorliegende Schrift ist das Arbeitsergebnis einer Autorengemeinschaft […] ein Manuskript, das innerhalb eines knappen halben Jahres geschrieben und zusammengestellt werden mußte“ (S. 218). Angesichts von Hirschs langjährigen und umfangreichen Vorarbeiten ist es nicht verwunderlich, dass dessen Arbeiten das Grundgerüst dieses Bandes bilden. Von 18 Beiträgen stammen sieben von ihm, einer davon mit der Anmerkung „Endfassung Hartmut Ross“, sowie zwei weitere von Johannes Pforte „unter Verwendung“ bzw. „auf der Grundlage“ von Manuskripten Hirschs. Es handelt sich damit um die erste umfassendere Veröffentlichung Erhard Hirschs zum Dessau-Wörlitzer Kulturkreis – wenn auch noch nicht unter seinem Namen auf dem Titel erschienen –, in dem bereits die meisten der Themen, die später weiter intensiv von ihm erforscht wurden, angerissen sind. Allerdings wurde damals, wie sich Erhard Hirsch anläßlich der „Gartentagung“ 2017 erinnert (LDA-Sachsen-Anhalt 2021, S. 30f), sein Beitrag „Der Anteil des Fürsten Franz“ gestrichen, erschien es in der DDR doch nicht opportun, einen Fürsten derart positiv zu beschreiben. Zur Festveranstaltung anlässlich der Tausendjahrfeier hielt deren Schirmherrin Gertrud Sasse, seit 1962 Professor im Bereich Erziehungswissenschaften der Universität, Mitglied der Volkskammer, Vizepräsidentin des Kulturbundes der DDR und Vorsitzende der Bezirksleitung Halle desselben, die Festrede. 

Parallel animierte Hirsch den erwähnten Kreis um Mrusek, ebenfalls öffentlich den Dessau-Wörlitzer Kulturkreis und dessen Leistungen aus Anlass dieses Jubiläums zu präsentieren. In den Aufzeichnungen Hirschs, ob jeweils aktuell oder rückschauend, gewinnt man zwar immer den Eindruck, als wäre Professor Mrusek die treibende Kraft aller Aktivitäten gewesen, die schließlich zur Dessau-Wörlitz-Kommission (DWK) führten, sollte das aber der Bescheidenheit des Verfassers zuschreiben. Tatsächlich war er es, der ständig darauf hingewirkt hat, aktiv zu werden und hat dabei auch wie selbstverständlich die Hauptarbeit sowohl inhaltlich als auch organisatorisch geleistet. So veranstaltete der „Mrusek-Kreis“ schließlich am 17. Juni 1965 in Verbindung mit der Deutschen Historikergesellschaft in der hallischen Moritzburg ebenfalls eine Festveranstaltung „damals noch bunt gemischter Vorträge zur aufgeklärten Gesamtschöpfung, zur kunstgeschichtlichen Bedeutung von Dessau-Wörlitz“ usw.  (ebd. S. 31). In diesem Zusammenhang, wohl eher allmählich, jedenfalls keinem speziellen Zeitpunkt zuordenbar, muss auch die Idee entstanden sein, aus diesem „Mrusek-Kreis“ heraus eine Universitäts-„Kommission zur Belebung und Pflege des Dessau-Wörlitzer Kulturkreises“, eben die genannte DWK, zu gründen, denn in der Rückschau wird diese Veranstaltung in der Moritzburg als „erste Jahrestagung“ der Kommission (ebd., S. 31) apostrophiert. Ebenso eine Vortragsveranstaltung am 30. Juni 1966 von Dr. Harri Günther zum Thema „Die Gartenkunst in der Mitte des 18. Jahrhunderts und ihre Beziehungen zu Wörlitz“ als zweite der Kommission, wo auch explizit über die Aufgaben solch einer Kommission gesprochen werden sollte, wie aus der Einladung des Kunstgeschichtlichen Instituts hervorgeht (UAHW Rep. 123, Nr. 2). Damit war der Boden bereitet, nun endlich am 9. Januar 1967 im Senatssaal der Universität die Kommission offiziell zu gründen. Zum Vorsitzenden wurde Professor Mrusek gewählt, die Arbeit aber weiterhin von Erhard Hirsch, der den offiziellen Titel eines Sekretärs bekam, geleistet. Diesem ging es darum, kompetente Mitstreiter für die Kommission zu gewinnen, wozu gelegentlich große Widerstände zu überwinden waren, insbesondere wenn es darum ging, Gartenpraktiker aufzunehmen. So notierte er zur Kommissionssitzung am 23. Juni 1967, als von ihm Vorgeschlagene nicht eingeladen worden waren: „Ich habe das Ver- und Zutrauen in die Arbeitsweise der Kommission verloren. […] Es wird nichts mit dem Ziel »Pflege«“ (ebd., Nr. 4). Doch gelang es ihm, letzten Endes dann doch die Kommission so zu formieren, dass sie arbeitsfähig war, wenn es auch Zeiten gab, wo in der Öffentlichkeit er allein mit Vorträgen die Kommission repräsentierte. Nach 1990 wurde eine Stabilisierung sowohl durch geschickte Nachfolgeregelungen als auch dadurch erreicht, dass die Kommission unter dem Schirm des 1994 gegründeten „Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung“ (IZEA) eine Heimstatt mit einer fest etablierten Geschäftsführung durch die dort beschäftigte Forschungskoordinatorin fand. Jetzt wurden regelmäßig Jahrestagungen zu vorgegebenen Themen geplant und seitdem erfolgreich durchgeführt. Als besonderer Erfolg ist es anzusehen, dass durch eine Dreiervereinbarung zwischen Universität, Kulturstiftung Dessau-Wörlitz und Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie eine verlässliche Finanzierung erreicht werden konnte.

Promotion

Doch zurück in die Mitte der 1960er Jahre. Natürlich war es naheliegend, dass Erhard Hirsch neben dem Kontakt zum „Mrusek-Kreis“ auch Verbindungen zum „Institut für Deutsche Geschichte“, dort insbesondere zu dem ehemaligen Stadtarchivar Erich Neuß, seit 1959 Dozent und seit 1963 Professor an diesem Institut, dem er auch nach seiner Emeritierung 1964 noch angehörte, herstellte. Dieser regte Erhard Hirsch an, seine umfangreichen Untersuchungsergebnisse als Basis für eine Dissertation zu verwenden. Hirsch legte der Fakultät deshalb auch unverzüglich mit Datum 19. August 1965 eine „Erste Grobgliederung“ mit dem Titel „Der Dessau-Wörlitzer Kulturkreis im Urteil der Zeitgenossen 1770–1815. Ein Beitrag zur Geschichte des aufgeklärten Absolutismus in Deutschland“ vor. Es folgt als Ergebnis seiner bis dahin bereits tiefgründigen Beschäftigung mit dem Thema eine sehr detaillierte Gliederung mit den Hauptkapiteln: „Voraussetzungen“, „Ökonomie“, „Verwaltung“, „Bildungswesen“, „Verlagswesen“, „Landschaftsgestaltung“, was von einer „Gesamtwürdigung des Kulturkreises durch die Zeitgenossen“ abgeschlossen wird. Die Fakultät stimmte am 15. September 1965 zu.

Hirsch sah aber offenbar angesichts seiner großen Lehrbelastung im Sprachunterricht und seiner sonstigen Beanspruchung für die Altphilologie kaum Möglichkeiten, genügend Zeit für die Ausarbeitung der Dissertation einschließlich noch notwendiger Archivstudien aufbringen zu können. So entstand die Idee, für ihn eine außerplanmäßige Aspirantur zu beantragen, womit eine Verminderung des Lehrdeputats und insbesondere jährlich ein dreimonatiger Arbeitsurlaub verbunden wäre. In seiner Befürwortung vom 29. Juni 1966 für die Erteilung einer Aspirantur betonte Professor Neuß, dass „die wissenschaftliche Reife und der Arbeitseifer des Herrn Hirsch eine gute Leistung und einen wertvollen Beitrag zur Geschichte des in mehrfacher Richtung fortschrittlichen Kulturkreises“ versprechen. Aber ihm waren offenbar auch die Fallstricke klar, die in einem System drohen, in dem man recht genaue Vorstellungen davon hat, wie die Geschichte abzulaufen bzw. wie man sie zu interpretieren hat. Er schloß deshalb seinen Antrag für die Aspirantur damit, „daß Herr Hirsch sich zum Ziel gesetzt hat, Bedeutung und Ausstrahlung des ideologisch Neuen herauszustellen, dabei aber auch die zeitbedingten Grenzen der aufgeklärten Regierungsweise des Fürsten Friedrich Leopold Franz aufzuzeigen und zu untersuchen, warum die Ansätze in Deutschland durch die Dessauer Reformbestrebungen eher verwässert als gefördert wurden.“ Zwar hatte Hirsch im letzten Hauptkapitel seiner Grobgliederung bereits bemerkt: „Hier [in Anhalt-Dessau] war man am zielstrebigsten bemüht, die miserablen Zustände zu verbessern. So wirkte man zunächst freilich völlig unbewusst – einer Revolution entgegen. Bei der Ausstrahlung des Dessau-Wörl. Kulturkreises wurden so die Aufklärer […] in ihrer Anschauung bestärkt, daß die Besserung der deutschen Zustände ohne »die blutigen Greuel[!]« der französ. Revolution möglich wäre. Diese Gefahr erkennt Rebmann als einziger […]“, doch möglicherweise hatte dieser Gesichtspunkt in der erwähnten Fakultätssitzung im vorangegangenen Jahr, in der das Thema für die Dissertation bestätigt worden war, für Diskussion gesorgt, so dass Neuß sich bemüßigt gefühlt hatte, diesen Aspekt, der für die Linientreuen der Fakultät gewiß unabdingbar war, hier noch einmal zu betonen. 

Selbstverständlich unterstützte Mrusek das Vorhaben mit Schreiben vom 29. Juni 1966, wobei er, wie es bereits Neuß getan hatte, darauf hinwies, dass „noch in diesem Monat eine Kommission zur Erhaltung und Pflege des Dessau-Wörlitzer Kulturkreises unter meiner Leitung gegründet werden soll“, für die „die Mitarbeit des Herrn Hirsch […] sehr erwünscht ist“ (Antrag Neuß). Die offizielle Gründung der Kommission verschob sich zwar noch, aber, wie erwähnt, durch Hirsch angeregt, waren schon Aktivitäten zu verzeichnen.

Eine dritte Unterstützung der Aspirantur kam von nicht ganz zu erwartender Seite, von Professor Gertrud Sasse. Sie schriebt am 3. August 1966, sie habe Hirschs Arbeiten bei der Vorbereitung der Festrede zur Tausendjahrfeier kennengelernt und genutzt, sie „gaben mir für meine Festrede das wissenschaftliche Rüstzeug“. Wenn ihr dann der Sekretär der SED-Bezirksleitung „sagen konnte, daß meine Rede ein geistiger Fackelzug gewesen sei, so verdanke ich diese anerkennende Bemerkung nicht zuletzt den Materialien, die mir aus der Feder von Erhard Hirsch zur Verfügung gestanden haben“ – und sie befürwortete natürlich die Aspirantur ohne jegliche Einschränkung.

Diese wird für die Zeit vom 1. September 1966 bis zum 31. August 1970 genehmigt. Erhard Hirsch nutzte diese Möglichkeit, die Arbeit sogar vorfristig abzuschließen, so dass die Verteidigung auf den 3. Dezember 1969 festgesetzt werden konnte. Allerdings lautete jetzt der Titel der Dissertation: „Progressive Leistungen und reaktionäre Tendenzen des Dessau-Wörlitzer Kulturkreises in der Rezeption der aufgeklärten Zeitgenossen (1770 – 1815). Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Ideologie im Zeitalter der Französischen Revolution“, wobei man wissen muss, dass „Deutsche Ideologie“ im DDR-Kontext ein von Marx und Engels geprägter Begriff ist, die in einem gleichnamigen Buch die zeitgenössische bürgerliche deutsche Philosophie kritisierten, die die Klassenherrschaft legitimiere, die wahren Zustände verschleiere und damit im Wesen rückständig sei, was auf Anhalt-Dessau bezogen wohl kaum Hirschs Überzeugung entsprach und offenkundig ein Zugeständnis war, um überhaupt die Arbeit durch die Fakultät zu bekommen – ein prinzipielles Dilemma geisteswissenschaftlichen Arbeitens in der DDR. Als die Arbeit dann schließlich im Jahr 2003 bei Niemeyer gedruckt werden konnte, befreite sich Hirsch von dem sicher ungeliebten Titel und nannte das Opus schlicht: „Die Dessau-Wörlitzer Reformbewegung im Zeitalter der Aufklärung. Personen – Strukturen – Wirkungen“. 

Alle drei Gutachten waren positiv und bewerteten die Arbeit „magna cum laude“. Allerdings sticht ein Gutachten durch besonderes Insistieren auf den marxistisch-leninistischen Standpunkt hervor. Zunächst wird gelobt: „Der Vf. unterstreicht auch wiederholt, daß die positiven Seiten des Dessau-Wörlitzer Kulturkreises in den Zeitgenossen Illusionen über die Möglichkeit nährten, revolutionäre, radikale Änderungen der Gesellschaftsordnung zu vermeiden. Durch die Erweckung dieser Illusion wirkte der Dessau-Wörlitzer Kulturkreis geradezu verderblich.“ Doch dann wird deutlich kritisiert: „[…] vor allem die Grenzen der bürgerlich-positivistischen Forschung hätten wenigstens an einigen markanten Beispielen (z. B. die Arbeiten von Hosäus), deutlich gemacht werden müssen. […] Die Tatsache, daß Fürst Franz bei allen positiven Leistungen doch auch in geradezu extremem Grade Absolutist, aufgeklärter »Despot« blieb und nie daran dachte, seinen fortschrittlichen sozialen und ökonomischen Maßnahmen eine staats- oder verfassungsrechtliche Sicherung zu verleihen […], wird vom Vf. zwar einige Male erwähnt, ist aber […] für gewisse Grenzen, ja Beschränktheiten […] so kennzeichnend, daß sie stärkere konzeptionelle Beachtung und Hervorhebung verdient hätte.“ Trotz dieser an sich vernichtend klingenden Kritik blieb es nach Betonung des Umfangs und der Gründlichkeit der Darstellung bei der Bewertung „magna cum laude“!  In der Verteidigung wurde dann von einem anderen Fakultätsangehörigen noch der in der Arbeit und in den Thesen verwendete Begriff „Revolution von oben“, die es nach marxistischer Weltsicht natürlich nicht geben kann, moniert und von Hirsch als „unglückliche Formulierung“ relativiert, womit auch die Verteidigung bestanden war. 

Der in der DDR für ein Promotionsverfahren jeglichen Faches erforderliche Nachweis der marxistisch-leninistischen Kenntnisse war durch die Arbeit „Das Ideal des Kämpfers in der Antike“ sowie eine erfolgreiche mündliche Prüfung erfüllt worden. Der Gutachter beurteilte die Arbeit folgendermaßen: „Der Verfasser hat sich durchgängig bemüht, die Werke der Klassiker des Marxismus-Leninismus auszuwerten. […] wertvollen Arbeit, die zeigt, daß der Verfasser den Marxismus-Leninismus mit Erfolg anzuwenden weiß." – und bewertete beide Teilprüfungen „magna cum laude“. 

In der damals gültigen Promotionsordnung vom 21. Januar 1969 heißt es: „§10 (3) Erreicht der Kandidat in allen Teilgebieten die Bewertung »Sehr gut«, kann unter Berücksichtigung seiner Persönlichkeit das Prädikat »Ausgezeichnet« (summa cum laude) erteilt werden“. Der erste Teil war, wie die Unterlagen ausweisen (UAHW Rep. 21, Nr. 1567) vollständig erfüllt, aber offenbar ließ die „Berücksichtigung seiner Persönlichkeit“ nicht diese Höchstbewertung zu, denn das Verfahren wurde insgesamt „magna cum laude“ abgeschlossen.  

Weiteres Engagement für den Dessau-Wörlitzer Kulturkreis

Nicht zuletzt durch die Arbeiten zu seiner Dissertation hatte sich Erhard Hirsch zum unumstrittenen Experten für diesen Themenkreis entwickelt. Doch unermüdlich erschloss er immer weitere Quellen, regte immer wieder die DWK zu Aktivitäten an, war dabei selbst derjenige, der die meisten Beiträge verfasste. Er nutzte jede Möglichkeit zur Publikation, häufig an eher versteckten Orten – heute alle bequem in dem monumentalen Sammelband „Kleine Schriften zu Dessau-Wörlitz“, Verlag Stekovics 2011, nachlesbar. Doch dann gelang der erste große Wurf mit „Dessau-Wörlitz. Aufklärung und Frühklassik“, erschienen 1985 bei Koehler & Amelang, Leipzig, und gleichzeitig unter dem Titel „Dessau-Wörlitz: Zierde und Inbegriff des XVIII. Jahrhunderts“ bei C. H. Beck, München – hier ein Christoph Martin Wieland zugeschriebenes, aber leider bei ihm nicht nachweisbares, jedoch bei Karl Emil Franzos vorkommendes Zitat verwendend. Damit wurden Hirschs Forschungen in Ost und in West bekannt. Es folgten viele weitere Werke, nach wie vor Standard und für die Dessau-Wörlitz-Forschung auch heute noch unverzichtbar.

Es ist erstaunlich, welche Arbeitsleistung Erhard Hirsch neben seiner eine Person eigentlich voll ausfüllenden Tätigkeit als Lektor für Alte Sprachen vollbrachte. Doch seine ‚Hobby‘-Forschung hatte natürlich auch Anerkennung im Kreis der Kolleginnen und Kollegen gefunden, denen er gern seine neuesten Ergebnisse im Robertinum der Universität, dem Sitz der Altertumswissenschaftler sowie Altphilologen und -historiker, vortrug. Als die Leitung des Lektorats Medizin, durch das die Mediziner-Sprachausbildung organisiert wurde – eine relativ komplizierte Angelegenheit, da eine große Zahl Studenten nach ihren Vorkenntnissen zu gruppieren und kompatibel mit dem Mediziner-Stundenplan einzusortieren war –, 1976 an Dr. Inge Karl überging, fand sie Verständnis dafür, wenn sie im Stundenplan der Sprachlehrer Erhard Hirschs Stunden so gruppierte, dass der Freitag für ihn unterrichtsfrei blieb und er sich in dieser Zeit seinen Dessau-Wörlitz-Studien widmen konnte. 

Natürlich vermittelte er neben den Sprachkenntnissen den Sprachstudenten auch die eine oder andere neue Einsicht in seine Forschungen, was ihm teilweise durch gemeinsame Treffen noch Jahre später sehr gedankt wurde. Für viele war es dann auch ein Höhepunkt, wenn er alljährlich für die Besten eines Jahrgangs eine Exkursion in das Gartenreich durchführte, wo er, für ihn typisch, mit strammem Schritt der Gruppe immer leicht voran von einer Sehenswürdigkeit zur anderen eilte und deren Bedeutung erklärte.

Der Verfasser erinnert sich gern, wie er mit seiner Frau in den 1980er Jahren häufig die Gartenlandschaft unter Erhard Hirschs kompetenter Führung durchstreifte und dieser uns oft mit dem von ihm genannten, etwas abgewandelten Goethe-Zitat: „Man sieht nur, was man weiß!“ auf eine Besonderheit aufmerksam machte, wobei wir das gesamte Ensemble kennen und lieben lernten. 

Wiederherstellung und Pflege der Gartenlandschaft

Erhard Hirsch ging es nicht nur um die Erforschung der geistigen Grundlagen des von Fürst Franz geschaffenen „Gesamtkunstwerks“, sondern, wie erwähnt, auch um dessen Belebung, was in vielen Bereichen auch Wiederherstellung bedeutet, sowie dessen Pflege. Seine denkmalpflegerischen Bemühungen, die Bauten in Anhalt betreffend, der Ausgangspunkt seines Engagements, sind schon behandelt worden. Doch ein wesentliches Merkmal sind die das gesamte Territorium gestaltenden gärtnerischen Anlagen, eingebettet in die Landschaft, auf diese Weise „Das Nützliche mit dem Schönen verbindend“ – in dieser Reihenfolge zu nennen, wie Erhard Hirsch immer betonte.

Hier war, speziell in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, eine Parklandschaft der üblichen Art entstanden, ein „Naherholungsgebiet“ (DDR-Sprechweise), wie man es auch andernorts vorfand. Ein Charakteristikum für diese Art des englischen Landschaftsgartens, die Sichtachsen, waren mittlerweile völlig zugewachsen und wohl auch der Vergessenheit anheimgefallen. Hirsch konnte diese anhand der von ihm studierten Unterlagen natürlich identifizieren, doch nicht wiederherstellen. So war es ein Glücksfall, dass 1979 der junge Gärtner Ludwig Trauzettel nach Wörlitz kam und sich ein gutes Verhältnis zwischen beiden entwickelte. Trauzettel erinnerte sich anläßlich des 90. Geburtstags von Hirsch: „[…] ich einen Großteil meiner Erkenntnisse aus den Gesprächen und Quellen in den Begegnungen jener Zeit [mit Dr. Hirsch und seinem Jugendfreund Dr. Harri Günther] gewinnen konnte. […] Die genannten Herren haben mir gemeinsam den historisch-gärtnerischen Blick für das einmalige Gartenkunstwerk Dessau-Wörlitz geöffnet. […] Es war damals nicht so leicht, einen Fürsten zu würdigen und das Gesamtkunstwerk aus dem Status einer Erholungsanlage des Arbeiter- und Bauernstaates herauszuheben.“  Aber es gelang, Trauzettel schnitt mit seinen Leuten, assistiert von Hirsch, eine nach der anderen Sichtachse frei, versuchte auch in anderen Teilen den gärtnerischen Originalzustand wiederherzustellen, so dass wir heute eine Gartenlandschaft erleben können, die dem Original zumindest sehr nahe kommt. 

Florian Illies begeisterten bei einem Gang durch die Wörlitzer Anlagen anläßlich der 250-Jahr-Feier des Schlosses 2023 die Sichtachsen so, dass er bei seinem Festvortrag diese spontan explizit nannte und ihre Wiederherstellung durch Bezug auf „den Hirsch aus Halle, der hervortrat“ kommentierte und metaphorisch ausrief: „Sein Hirschfänger war die Schreibmaschine“. Wenn auch schon erwähnt wurde, dass Erhard Hirsch durch seine Arbeiten die Grundlage für das Erreichen des Weltkulturerbe-Status legte, so betrifft das eben nicht nur seine theoretischen Arbeiten, sondern ganz entscheidend auch seinen Einsatz dafür, das Gesamtkunstwerk wieder sicht- und erlebbar gemacht zu haben.

Habilitation und Professur

Bei der Friedlichen Revolution 1990 war Erhard Hirsch bereits 62 Jahre alt und näherte sich dem Ruhestand. Doch sein Arbeitseifer war ungebrochen und seine Arbeitskraft erschien unerschöpflich. Jetzt, da sich die Möglichkeit eröffnete, nahm er eine Habil-Schrift in Angriff, Material war überreichlich da, aber natürlich bedurfte es eines übergreifenden Rahmens. Er fertigte unter dem Titel „»Ein Garten für Menschen« – Praktizierter aufgeklärter Humanismus“ einen fulminanten Essay an, den er ca. 40 seiner Arbeiten voranstellte, in dem er nun, ungebremst durch irgendwelche ideologischen Vorgaben, seine Sicht der Dinge, gereift in jahrzehntelanger Beschäftigung mit der Thematik, darstellen konnte. Natürlich konnte es dann nicht ausbleiben, dass die Gutachter gelegentlich eine gewisse „enthusiastische Einseitigkeit“ kritisierten, so bei der zu negativen Beurteilung der Leistungen Friedrich II. von Preußen und bei der zu positiven kunsthistorischen Einordnung der Kirchenbauten aus der Franz-Zeit in Anhalt, ohne dass sie damit aber den Wert der Schrift in Zweifel gezogen hätten.

Bemerkenswert ist aber die Art der Darstellung. Man vergleiche nur die Thesen der Habilitation mit denen der Dissertation. Unabhängig davon, dass nun, mehr als zwanzig Jahre später, das Material erheblich ausgeweitet ist, so ist doch der Tenor beider Ausarbeitungen grundverschieden – während bei den Thesen der Doktor-Dissertation manche Formulierung doch arg verklemmt erscheint, so hat man bei denen der Habilitationsschrift den Eindruck, hier schreibt ein Autor aus voller Überzeugung und mit übervollem Herzen. So bemerkt auch ein Gutachter: „[Es ist] überdies nur sympathisch, daß Erhard Hirsch sozusagen an keiner Stelle seiner Schriften verleugnet, daß er ein höchst temperamentvoller Nachfahre der kultivierten Aufklärer des 18. Jahrhunderts ist.“ Ein zweiter Gutachter lobt „Hirschs jahrzehntelang unanpasserisch durchgehaltenes Forschungsprogramm“.

Als Thema des Habil-Vortrags wählte die Kommission „Das Latein bei den Philanthropisten“ aus, ließ den Altphilologen also in seinem Element! Dieser hatte als Alternative „[…] Qui miscuit utile dulci. Das Nützliche mit dem Schönen […]“ vorgeschlagen, über das er sicher genauso gern referiert hätte, wie vermutlich auch zum dritten Thema: „Die Dessau-Wörlitz Rezeption bei klassischen Philologen“. Das Verfahren wurde am 28. Februar 1992 erfolgreich abgeschlossen und der akademische Grad eines Dr. phil. habil. auf dem Gebiet „Klassische Philologie (Nachleben der Antike)“ verliehen. So war der Weg frei, dass ihm Minister Prof. Dr. Rolf Frick mit Datum 27. Juni 1994 die Ernennungsurkunde zum Professor zustellen konnte, wobei es in dem Begleitschreiben heißt: „Bei der Verleihung des Titels berücksichtige ich auch die in dem Antrag der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg dargelegte Behinderung in Ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung aus wissenschaftsfremden Gründen.“ Damit wurden, wenn auch erst im Alter von 66 Jahren, die bahnbrechenden Leistungen Erhard Hirschs auch formal akademisch anerkannt. 

Doch seinen Ruf als bester Kenner des Dessau-Wörlitzer Kulturkreises hatte er sich durch seine langjährige Arbeit erworben, gewürdigt z. B. im Jahr 1985 durch die Verleihung der Leibniz-Medaille der Akademie der Wissenschaften der DDR, die für wissenschaftliche Leistungen außerhalb der Profession vergeben wird. Es folgten weitere Auszeichnungen, von denen nur beispielhaft der bereits erwähnte Denkmal-Preis des Landes Sachsen-Anhalt 1997 durch Landeskonservator Dr. Gotthard Voß, im Jahr 2001 das Bundesverdienstkreuz, überreicht durch Bundespräsident Johannes Rau, die Gartenreich-Medaille der Gesellschaft der Freunde des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs 2017, der Titel „Ehren-Ritter des Askanischen Hausordens Albrecht der Bär“ 2018 und die Ehrenbürgerschaft von Dessau, überreicht 2023 durch OB Dr. Robert Reck, genannt seien.  
 

Bilanz

Mit Fug und Recht hatte sich Professor Erhard Hirsch den Ruf des unumstrittenen Altmeisters und zu seiner Zeit besten Kenners der Dessau-Wörlitz-Forschung erworben. Besondere Bewunderung ruft aber hervor, dass neben seinen mittlerweile weithin bekannten Ergebnissen der Forschungen zu Anhalt-Dessau und des mit diesem verbundenen Kulturkreises ein ebenfalls bemerkenswertes, oft zu Unrecht nicht beachtetes, wenn vielleicht sogar vergessenes, vielgestaltiges weiteres Werk existiert: seine Leistungen in der Altphilologie und Althistorie sowie in der allgemeinen Kulturgeschichte des 18./19. Jahrhunderts! Das betrifft sowohl die von ihm gewonnenen neuen Erkenntnisse auf diesen Gebieten, aber auch sein Geschick der Vermittlung, was von vielen seiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler dankbar anerkannt wird. 

Mit Erhard Hirsch ist eine Person von uns gegangen, die dank eines in jahrzehntelanger Arbeit erworbenen immensen Wissens und eines ausgezeichneten Gedächtnisses jederzeit für jedermann für Auskünfte zur Verfügung gestanden hatte. Er ließ gern an seinen enzyklopädischen Kenntnissen teilhaben und freute sich, wenn er für seine Fachgebiete Interessierte fand. Diesen persönlichen Kontakt werden viele vermissen, aber weiterhin mit Gewinn aus seinen Werken schöpfen. Indem wir auf seinen Ergebnissen aufbauen, damit neue Untersuchungen anstoßen und auf deren Basis seine Erkenntnisse weiterentwickeln, erweisen wir ihm die größte Ehre, die ihm als Wissenschaftler zuteilwerden kann!

Danksagung

Dem Leiter des Universitäts-Archivs Halle-Wittenberg, Herrn Prof. Dr. Dirk Schaal, danke ich für die kurzfristige Ermöglichung des Zugangs zum Archiv, besonders aber danke ich seiner Mitarbeiterin, Frau Tabea Janssen, sehr herzlich für die schnelle und unkomplizierte Bereitstellung der Unterlagen sowie die Unterstützung bei der Recherche. Frau Annette Scholtka, Dinklar, danke ich dafür, dass Sie mir einen Auszug aus den Erinnerungen ihres Vaters aus dem Jahr 2021 zur Verfügung gestellt hat. Frau Dr. Inge Karl, Halle, danke ich für die Darstellung der Verhältnisse beim Sprachstudium in Halle in den 1960er/1970er Jahren sowie für Hinweise auf die Situation im Bereich Fachsprachen der Universität Halle.   

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