Aula-Konzert zum Doppeljubiläum – Das Ende ein Anfang

20.10.2017 von Pascal Schiemann in Campus
Mit dem Auftritt der Hallenser Madrigalisten beging die Reihe der aula konzerte halle am Abend des 18. Oktober musikalisch das Doppeljubiläum von Reformation sowie Vereinigung der Universitäten Halle und Wittenberg im Jahre 1817. Das hochkarätige Ensemble präsentierte dabei geistliche Vokalmusik nach Worten Martin Luthers und bestach mit einem ausgewogenen Programm von Werken aus vier Jahrhunderten.
Die Hallenser Madrigalisten bei ihrem Konzert in der Aula des Löwengebäudes.
Die Hallenser Madrigalisten bei ihrem Konzert in der Aula des Löwengebäudes. (Foto: Maike Glöckner)

Schon am Anfang stand ein Ende: Die Geistliche Chor-Music op. 11 von Heinrich Schütz, deren feingliedrig-imitatorisch gearbeitete Motette „Verleih uns Frieden genädiglich“ (Nr. 4) die Hallenser Madrigalisten mit unbestechlicher Transparenz an den Anfang ihres Heimspiels in der Aula des Löwengebäudes setzten. Sie markiert in ihrer streng kontrapunktischen Faktur den Kulminationspunkt einer Gattungstendenz, deren Blüte sich mit dem Voranschreiten des konzertierenden Stils in der Mitte des 17. Jahrhunderts längst ihrem Ende zugeneigt hatte – die Motettensammlung ist das rekapitulierende Idealbild einer vokalpolyphonen Setzweise ohne Basso continuo; eine Reaktion als Fortschritt, wenn man denn so will, wie Nietzsche sie ganz ähnlich in den regressiven Tendenzen der lutherischen Reformation erblickte. Ein Prüfstein für die Kraft des Neuen – freilich mit weniger bösem Blut.

Das Ensemble unter der herausragenden Leitung von Tobias Löbner nahm das vermeintliche Ende zum Ausgangspunkt eines Parforceritts durch die Gattungsgeschichte und warf Schlaglichter auf „Fortschritt“, „Reaktion“ und ihre Folgen. Wiewohl es dabei ungewöhnlich wirken musste, dass dem colla parte geführten Violone auch in der zweiten Motette aus der Feder Schütz’, „Gib unsern Fürsten“ (Nr. 5), ein Generalbass aus dem Positiv an die Seite gestellt wurde – die Continuo-Stimmen hatte Schütz erst auf Wunsch des Verlegers ergänzt –, so eindrücklich gelang es doch, die kompositorische Mannigfaltigkeit der gegenläufigen Stile fernab musealer Beschaulichkeit offenzulegen.

Die Madrigalisten jedenfalls vermochten die diffizile Kontrapunktik, wie sie sich als Folge der Werke Heinrich Schütz’ noch in Johannes Brahms‘ Bekenntnismusik op. 29, Nr. 1 „Es ist das Heil uns kommen her“ nachvollziehen ließ, nicht weniger ausdrucksstark zu vermitteln als den konzertierenden Stil in Samuel Scheidts „Tulerunt Dominum“ oder in der doppelchörigen Motette „Halt, was du hast“ TVWV 8:9 Georg Philipp Telemanns und bestachen gerade im reinen A-capella-Satz der an Schütz angelegten Motetten des 20. Jahrhunderts von Hugo Distler („O Gott in deiner Majestät“ op. 12, Nr. 3) und Kurt Thomas („Erhalt uns, Herr bei deinem Wort“ op. 25, Nr. 13).

Dass die etwas hastig überspielten, breit angelegten Fermaten der archaisierend harmonisierten Eröffnungszeilen der Choralmotette „Mitten wir im Leben sind“ op. 23, Nr. 3 von Felix Mendelssohn Bartholdy der expressiven Qualität des Werkes nicht zum Besten gereichten, blieb eine Marginalie: „Wir haben aus der Reaktion einen Fortschritt gemacht.“

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