Selbsttäuschung als Normalzustand?

09.02.2015 von Corinna Bertz in Forschung, Wissenschaft
Unerfüllte Liebe, die eigene Leistungsfähigkeit und Placebo-Effekte: Wir Menschen belügen uns häufig, obwohl wir es besser wissen müssten. Für den Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Gerd Antos vom Germanistischen Institut ist Selbsttäuschung sogar ein Normalfall in Gruppen und ganzen Gesellschaften. In dem Buch „Die Rhetorik der Selbsttäuschung“ sucht er mit Linguisten, Historikern und Medienwissenschaftlern nach rhetorischen Mustern für dieses Phänomen. Im Interview erklärt er, wie vielseitig die Selbsttäuschung sein kann. Herr Antos, wann haben Sie sich das letzte Mal selbst getäuscht? Gerd Antos: Sich in die Tasche zu lügen, darin bin ich – so fürchte ich – ein wahrer Meister. Sonst würde ich mich nicht so sehr von diesem Thema angezogen fühlen. Das beginnt bei der Verniedlichung gesundheitlicher Probleme und endet bei der Überschätzung der absehbaren Belastungen, etwa Zusagen bei Publikationen, bei Projektbeteiligungen oder bei den inzwischen ausgestandenen Belastungen als Dekan. Das heißt dann, dass auch das Wissen über Selbsttäuschung nicht davor schützt?
Selbsttäuschung klappt allein, aber auch im Kollektiv. Wie, das erforschen Historiker, Sprach- und Medienwissenschaftler der MLU. (Bild: © NLshop / Fotolia)
Selbsttäuschung klappt allein, aber auch im Kollektiv. Wie, das erforschen Historiker, Sprach- und Medienwissenschaftler der MLU. (Bild: © NLshop / Fotolia)

Wohl leider nicht. Vielleicht ist man etwas vorsichtiger, wenn man die Tücken der Selbsttäuschungen etwas besser kennt. Aber zu behaupten, man entkäme dem, wäre selbst wieder eine Art der Selbsttäuschung.

Prof. Dr. Gerd Antos
Prof. Dr. Gerd Antos
(Foto: Maike Glöckner)
Können Sie uns ein Beispiel für kollektive Selbsttäuschung nennen?

Das Ende der DDR! Das war eine ununterbrochene Kette von Selbsttäuschungen. Wir wissen heute: DDR-Ökonomen haben dem Politbüro schon in den 1980er Jahren signalisiert, dass die DDR praktisch pleite sei. Aber nach dem Motto „Was nicht sein kann, das nicht sein darf!“ hat man diese Warnungen nicht wahrhaben wollen.

Das war doch aber eher eine Täuschung auf oberster Führungsebene.

Nicht nur, auch ein weiter Teil der Bevölkerung hat ignoriert, was mit Händen zu greifen war. Übrigens auch weite Teile des Westens. Was uns in einem DFG-Projekt interessiert: Wie hat man darüber geredet oder darüber bedeutungsvoll geschwiegen? Wie ist das kollektive Wegschauen sprachlich-rhetorisch inszeniert worden? Wir haben heute allerdings einen großen Vorteil. Heute sind wir schlauer: Die Zuschreibung von Selbsttäuschung ist bekanntlich im Nachhinein oder von einem unbeeinflussten externen Standpunkt natürlich leichter, als wenn man in Gefahr ist, selber Opfer der eigenen Propaganda zu werden.

Hat Selbsttäuschung nur negative Aspekte?

Aber nein. In der Medizin kennen wir die heilsame Wirkung der Selbsttäuschung als Placebo-Effekt. Selbst die so genannte Schul-Medizin stellt sie bei ihren Experimenten – etwa um die Wirkung neuer Arzneimittel zu erforschen – systematisch in Rechnung. Ferner: Wir bezeichnen absehbare oder tatsächlich eingetretene positive Effekte der Selbsttäuschung als Visionen und bewerten sie mitunter zurückblickend als kreativ. Mehr noch: Wir setzen erfolgreichen Selbst- und Fremdtäuschern sogar Denkmäler, wie Kolumbus.

Wie läuft eine kollektive Selbsttäuschung ab?

Wir brauchen dazu wohl drei Ingredienzien. Am Anfang steht eine frohe oder schockierende Botschaft, die Kommunikation in Gang setzt: Flugzeuge verstreuen giftige Chemikalien, um das Wetter zu beeinflussen oder dann das Klima zu verändern oder um die Übervölkerung der Welt rückgängig zu machen. Solche unbelegbaren Informationen wachsen dann leicht zu Verschwörungstheorien aus, wenn sie zugleich ein bestimmtes Gemeinschaftsgefühl vermitteln. Und zwar ein Gruppengefühl, das den Anderen im Extremfall zum Komplizen macht. Das Dritte: Wir brauchen eine Aura von Gleichgesinnten, die uns zu etwas Unverwechselbarem zu machen scheint. Dann sind ganze Gruppen bereit, ja geradezu süchtig danach, unliebsame Fakten einfach zu bestreiten oder in Frage zu stellen, sie lächerlich zu machen, sie auszublenden und damit nicht mehr wahrzunehmen. Sind sie einmal in einer solchen Kommunikationsfalle, dann wird es immer schwieriger, aus einer solchen Gruppe wieder auszusteigen.

Wie reagiert man darauf, wenn man feststellt, dass man sich selbst getäuscht hat? Mit noch mehr Selbsttäuschung?

Eine These: Die Mehrheit bleibt dabei, dass es keine Selbsttäuschung war. Viele Sekten haben schon oft genaue Daten für den Weltuntergang genannt, der bisher zum Glück nicht eingetreten ist. Deswegen haben sich die Sekten aber nicht aufgelöst. Stattdessen sagen sie: Gott hat uns vorerst verschont. Wir bleiben aber bei unserer Meinung. Und Kognitionswissenschaftler können uns dafür auch gute Gründe nennen. Es ist psychologisch unglaublich aufwendig, sich eine Selbsttäuschung einzugestehen. Es ist wichtig, uns selbst einen Sinn zu geben und auch dabei zu bleiben.

Für wen täuschen wir uns: Für uns oder für andere?

Ich glaube, es hat keinen Zweck, dass wir uns selbst täuschen. Das passiert einfach bei uns Menschen. Das ist wie beim Trösten: Sie ändern nicht die Welt, aber irgendwas passiert und Sie fühlen sich besser. An den Fakten können Sie nichts ändern, aber Ihre Wahrnehmung und Ihr Verhältnis haben sich durch den Trost womöglich komplett verändert. Insofern hat das Selbsttäuschen keinen Zweck, es wirkt einfach. Interview: Julius Heinrichs, Tom Leonhardt

Lesetipp: Gerd Antos/Ulla Fix/Bettina Radeiski (Hg.): Rhetorik der Selbsttäuschung. Berlin 2014, 262 S., 36,00 Euro, ISBN: 978-3-86596-513-4

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