Schleiermacher - ein Reformator der Moderne?

24.02.2017 von Jan-Luca Müller in Varia, Forschung, Wissenschaft
Friedrich Schleiermacher war einer der bedeutendsten Denker des 19. Jahrhunderts. Der Theologe und einstige Gelehrte der Uni Halle trug entscheidend dazu bei, dass das Erbe Luthers in die Moderne übertragen werden konnte. Anlässlich des Reformationsjubiläums lädt die Internationale Schleiermacher-Gesellschaft vom 5. bis 8. März zu einem Schleiermacher-Kongress nach Halle ein. Im Interview spricht Prof. Dr. Jörg Dierken, Theologe der Uni Halle und Gesellschaftsvorsitzender, über die Bedeutung Schleiermachers und die Ziele des Kongresses.
Der Internationale Schleiermacher-Kongress »Reformation und Moderne« findet vom 5. bis zum 8. März in den Franckeschen Stiftungen in Halle statt.
Der Internationale Schleiermacher-Kongress »Reformation und Moderne« findet vom 5. bis zum 8. März in den Franckeschen Stiftungen in Halle statt.
(Foto: Schleiermacher-Gesellschaft e.V.)

Herr Professor Dierken, wer war Friedrich Schleiermacher?
Jörg Dierken: Friedrich Schleiermacher war ein bedeutender Theologe und Universalgelehrter, der im 19. Jahrhundert sowohl an der Universität Halle als auch an der Berliner Humboldt-Universität wirkte. Er hat so gut wie den gesamten Kosmos der Geistes- und Sozialwissenschaften abgehandelt. In der Theologie, Philosophie, Pädagogik, Soziologie und vielen anderen Disziplinen gehört er zu den einflussreichsten Autoren seiner Zeit. Schleiermacher knüpfte an die grundlegenden Ideen der Aufklärung an und bezog diese auf die Theologie und andere Kulturgebiete. Mit seinem interdisziplinären und umfassenden Ansatz ist Schleiermacher für die Theologie von ähnlicher Bedeutung wie Hegel für die Philosophie.

Der Kongress trägt den Titel „Reformation und Moderne“. Welche Rolle spielt Schleiermacher im Hinblick auf Luthers Erbe?
Schleiermacher hatte ein klares Bewusstsein von der Bedeutung der Reformation und steht durchaus in Luthers reformatorischer Tradition. Allerdings sah er auch, dass eine grundlegende Umgestaltung des protestantischen Denkens und Lebens in der Moderne - das heißt im 18. und 19. Jahrhundert - erforderlich war. Dort wo Luther und andere Reformatoren in mittelalterlichen Zusammenhängen stecken blieben, erweiterte Schleiermacher die Perspektive ganz im Sinne aufklärerischer Rationalität und romantischer Sensibilität. Ihm ist es gelungen, die reformatorischen Gedanken Luthers in die Moderne zu übertragen und diese weiterzuentwickeln.

Prof. Dr. Jörg Dierken
Prof. Dr. Jörg Dierken
(Foto: Norbert Kaltwaßer)

War Schleiermacher so etwas wie ein Reformator?
Wesentliche Impulse für die Reform der Theologie und für das Verständnis von Religion mit Blick auf die Entwicklung hin zur Moderne kommen von Luther und anderen Reformatoren. Mit Blick auf die Vermittlung aufklärerischer Werte in die Theologie, in einer Zeit in der die christliche Religion durch moderne, kulturelle Strömungen in Bedrängnis geraten war, kann man aber auch bei Schleiermacher von einer reformatorischen Schlüsselfigur sprechen: Zum einen ist da die historisch kritische Auseinandersetzung mit den Worten der Bibel. Das Bewusstsein, dass diese nicht von Gott selbst, sondern von Menschen aufgeschrieben wurde, führte zu einem geschichtlichen Verständnis des Christentums. Zum anderen, dass nach Schleiermacher Religion im Kontext von Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft betrachtet und verstanden werden müsse und nicht etwa davon separiert. Während bei Luther die Freiheit des einzelnen Christen vor Gott und im Konflikt mit Papst und der Obrigkeit gemeint war, versuchte Schleiermacher, den in der Aufklärung entstandenen Gedanken der Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung nicht nur kulturell, sondern auch in der Theologie zu verankern. Vor diesem Hintergrund kann Schleiermacher, der als "Kant der Theologie" gilt, durchaus als Reformator verstanden werden.

Was sind die Ziele des Schleiermacher-Kongresses?
Auf dem Kongress wollen wir Theologen, Kulturwissenschaftler, Historiker, Soziologen und Vertreter weiterer Fachrichtungen zusammenbringen. Es soll ein interdisziplinärer Austausch entstehen, der das breite Spektrum Schleiermachers behandeln soll. Dabei wird das Programm in die Themenpunkte Pluralität, Subjektivität und Kritik unterteilt. Ziel ist es, das Erbe der Reformation und das Erbe der Moderne nicht nur zu konservieren. Wir müssen diese drei exemplarischen Themen auf die Herausforderung unserer heutigen Situation beziehen und schauen, inwieweit sie zur Orientierung der Gegenwart beizutragen vermögen.

Der Kongress ist öffentlich, es werden rund 150 Teilnehmer aus der ganzen Welt erwartet. Für wen ist die Veranstaltung interessant?
Vor allem sprechen wir natürlich Lehrende und Studierender aus verschiedensten Fachrichtungen der Geistes- und Sozialwissenschaften an, an dem Kongress teilzunehmen. Aber auch Schüler, Lehrer und andere Interessierte sind herzlich eingeladen - selbst, wenn ihnen Schleiermacher bisher kein Begriff war. Immerhin sind die Gedanken Schleiermachers auch heute, fast 200 Jahre später, noch immer aktuell.

Informationen zur Veranstaltung

Der Internationale Schleiermacher-Kongress 2017 findet vom 5. bis zum 8. März in den Franckeschen Stiftungen, Franckeplatz 1, in Halle statt und wird von der Schleiermacher-Gesellschaft e.V. veranstaltet. Der Jurist Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio hält den  Eröffnungsvortrag zum Thema „Die Ausdifferenzierung von Politik und Religion seit dem Zeitalter der Reformation“. Es folgen weitere Vorträge nationaler und internationaler Teilnehmer rund um das Thema Schleiermacher, Reformation und Moderne.

Kontakt: Prof. Dr. Jörg Dierken
Institut für Systematische Theologie und Praktische Theologie und Religionswissenschaft
Tel.: +49 345 55-23011
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