"Hamster im Laufrad"

06.02.2012 von Corinna Bertz in Studium und Lehre, Campus
Henriette Quade hat Spaß an kontroverse Debatten. Als Landtagsabgeordnete will sie „Einfluss darauf nehmen, wie gesellschaftliche Probleme diskutiert werden.“ Vor allem das Thema Neonazismus beschäftigt die junge Mutter schon seit vielen Jahren. Inzwischen ist die 27-Jährige im Magdeburger Landtag in der Fraktion der Linken Sprecherin für Migrations-, Asyl- und Flüchtlingspolitik. Seit 2003 studiert sie in Halle außerdem germanistischen Literaturwissenschaft, Zeitgeschichte und Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

1. Seit wann sitzen Sie im Landtag und wie haben Sie Ihren ersten Tag dort erlebt?

Ich bin seit Beginn der 6. Wahlperiode, also seit 2011, Mitglied des Landtages. Der erste Tag war natürlich aufregend, wenn auch hauptsächlich von Organisatorischen Dingen und zu klärenden Formalitäten bestimmt. Ein Kollege gebrauchte mal das Bild des Hamsters im Laufrad. Das trifft es ganz gut.

Henriette Qaude ist stellvertretende Landesvorsitzende der Partei "Die Linke".
Henriette Qaude ist stellvertretende Landesvorsitzende der Partei "Die Linke".
(Foto: privat)
2. Wie hat sich Ihr Alltag seitdem verändert?

Mein Alltag spielt sich jetzt als Abgeordnete natürlich wesentlich mehr in Magdeburg bzw. auf dem Weg von Halle nach Magdeburg oder zurück ab. Diese Fahrzeiten auch als Arbeitszeiten zu nutzen gelingt nicht immer, aber oft. In einer Stunde Zugfahrt kann man schon einiges lesen oder durcharbeiten.

Zu den wesentlichen Veränderungen im Alltag gehört es, ein Büro und Mitarbeiter zu haben, also auch Arbeitsaufträge zu definieren. Das ist eine große Umstellung und Herausforderung und steht im Gegensatz zum Alltag als Studierende. Aber in beiden Situationen kann ich von den Erfahrungen der jeweils anderen Seite profitieren. Ich habe die Möglichkeit des Perspektivenwechsels und bin sogar zu ihm gezwungen. Das schätze ich sehr.

3. Warum wollten Sie in den Landtag?

Weil mir wichtig ist, die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens mitzubestimmen, auch wenn man nicht jeder Beschlussvorlage und jedem Gesetzestext sofort entnehmen kann, was genau sie für das tägliche Leben bedeuten. Aber genau das ist ja auch eine Aufgabe von Abgeordneten: Nachvollziehbar zu begründen warum eine politisch Entscheidung wie getroffen werden sollte und was sie für den Einzelnen für Folgen hat. Das finde ich eine reizvolle Aufgabe.

Und ich habe Spaß daran, kontroverse Debatten zu führen. Inhaltlich geht es mir vor allem darum, die politischen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass alle Menschen, die in Sachsen-Anhalt leben, unabhängig davon, wieviel sie verdienen, welchen Bildungsabschluss sie haben, wo sie geboren wurden und ob sie auf dem Land oder in der Stadt wohnen, gleichberechtigte Chancen darauf haben, am öffentlichen Leben zu partizipieren und ihre demokratischen Rechte zu nutzen.

4. Was sind Ihre politischen Schwerpunkte?

Ausgangspunkt meine Kandidatur für den Landtag war die Beschäftigung mit dem Thema Neonazismus, welches ich jahrelang außerparlamentarisch bearbeitet habe. Hinzu kommen in den letzten Jahren verstärkt die Themen Migrations- und Asylpolitik und Antirassismus. In meiner Fraktion bin ich daher Sprecherin für Migrations-, Asyl- und Flüchtlingspolitik und Mitglied des Ausschusses für Inneres und des Petitionsausschusses des Landtages. Außerdem bin ich Mitglied im Kuratorium der Landeszentrale für politische Bildung.

5. Was wollen Sie in den fünf Jahren als Landtagsabgeordnete erreichen?

Es geht mir darum, Einfluss darauf zu nehmen, wie gesellschaftliche Probleme diskutiert werden. Mir ist es wichtig, Themen wie Alltagsrassismus und Ausgrenzung, Antisemitismus und rechte Einstellungen, die in allen Bevölkerungsgruppen vorhanden sind, als Problemfelder nicht nur für die Betroffenen sondern für die gesamte Gesellschaft zu begreifen. Da ist es oft schon entscheidend, welche Begrifflichkeiten Politiker und Politikerinnen wählen und wie sie ihren Fokus setzen.

Außerdem finde ich es unehrlich und unredlich, einerseits das Loblied der Integration zu singen und Zuwanderung fördern zu wollen, wenn sie wirtschaftlich nützlich erscheint, gleichzeitig aber Deutschland und Europa immer weiter gegen Flüchtlinge, also Menschen, die auf das politische Grundrecht des Asyls angewiesen sind, abzuschotten. Im Konkreten möchte ich die Bedingungen für Menschen, die als Migranten, Asylbewerber, Flüchtlinge oder als Geduldete hier leben, verbessern.

6.Ist die Politik nach dem Studium Ihr berufliches Ziel?

Ich kann mir nicht vorstellen, nicht politisch aktiv zu sein. Insofern wird Politik für mich wohl immer eine wichtige Rolle spielen. Ob sie allerdings zum beruflichen Ziel taugt, weiß ich nicht. Für die nächsten Jahre ist sie in jedem Fall mein Tätigkeitsfeld. Am Ende der Legislatur entscheiden die Wählerinnen und Wähler.

7. Was hat Ihnen Ihr Studium für Ihre politische Arbeit gebracht?

Mein Studium hat viele Anknüpfungspunkte an meine politische Arbeit: Die Beschäftigung mit der Geschichte des Antisemitismus beispielsweise steht in direkter Verbindung mit meinen inhaltlichen Schwerpunkten. Und natürlich ist es als Politikerin eine überaus wichtige Kompetenz, wissenschaftlich arbeiten zu können.

Interview: Corinna Bertz und Tom Leonhardt

Einen Bericht über die beiden Landtagsabgeordneten Franziska Latta und Henriette Quade gibt es im aktuelllen Unimagazin.

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Jan Wagner Patrick Wanzek

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