Nachhaltigkeit: Zocken und dabei lernen

14.12.2016 von Jan-Luca Müller in Studium und Lehre, Campus
Spielen ist die vermeintlich beste Art zu lernen. Im Online-Spiel „LandYOUs“ werden Schülerinnen und Schüler zu Staatsoberhäuptern und steuern die Geschicke einer fiktiven Nation. Damit sollen sie lernen, wie vielfältig und komplex das Thema Nachhaltigkeit in Wirklichkeit ist.
Das Online-Spiel „LandYOUs“ soll dabei helfen, Schülern das Thema Nachhaltigkeit zu vermitteln.
Das Online-Spiel „LandYOUs“ soll dabei helfen, Schülern das Thema Nachhaltigkeit zu vermitteln. (Foto: Michael Deutsch)

Es herrscht Chaos im fiktiven Staat Ecosia! Der Vorgänger des Präsidenten ist geflohen und nun kommt es ganz auf den Spieler oder die Spielerin an. Diese schlüpfen im Online-Spiel „LandYOUs“ in die Rolle des Präsidenten und entscheiden darüber, wie viel Geld in die Bereiche Bildung, Stadtentwicklung, Landwirtschaft, Naturschutz und Aufforstung von Wäldern fließen soll. Als Berater steht den Spielern  Professor Landstein zur Seite. Er berechnet genau, wie viel Geld in der Staatskasse ist und welche Auswirkungen die Investitionen auf Natur, Mensch und Wirtschaft haben.

Martin Lindner hat bei der didaktischen Umsetzung des Online-Spiels „LandYOUs“ mitgewirkt.
Martin Lindner hat bei der didaktischen Umsetzung des Online-Spiels „LandYOUs“ mitgewirkt.
(Foto: Michael Deutsch)

Das Spiel wurde von Landschaftsökologen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), Biodidaktikern der Uni Halle und Klett MINT, einem Unternehmen der Klett Gruppe, entwickelt. Es soll einerseits dabei helfen, Pädagogen für digitale und schülernahe Methoden im Unterricht zu begeistern. Andererseits soll es den Schülern einen leichteren Zugang zu dem komplexen Thema Nachhaltigkeit verschaffen. „Ein Spiel weckt die Neugier vor allem bei Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen, sich mit einem für sie neuen Thema zu beschäftigen“, erklärt der hallesche Biodidaktiker Prof. Dr. Martin Lindner, der bei der didaktischen Umsetzung des Themas mitgewirkt hat. Die Spieler erfahren auf spielerische und strategische Weise, wie sich Prozesse und Dynamiken aufeinander auswirken und befassen sich so auch aktiv mit den Hintergründen des Themas.

Scheitern gewünscht

Die Botschaft von „LandYOUs“ ist dabei deutlich: Es sind immer mehrere Faktoren, die man bei einer nachhaltigen Landnutzung im Blick haben muss. Während auf den Feldern fleißig gewirtschaftet wird, der Konsum steigt und die Bevölkerung viel glücklicher zu sein scheint, befindet sich die Natur in einem miserablen Zustand. Die Wasserqualität ist kritisch, weit und breit ist kein Tier zu sehen. Die Konsequenz? Game Over. Werden dagegen die Bereiche Bildung und Landwirtschaft vernachlässigt, verwandeln sich die Ecosianer schnell in eine wütende Meute, die den Staat umwirft. Es ist nicht gerade leicht, den Spagat zwischen möglichst guten Bedingungen für die Umwelt und idealen Lebensverhältnissen für die Bevölkerung über die maximal zehn Runden des Spiels zu schaffen. Der hohe Schwierigkeitsgrad sei bewusst so gewählt worden, wie Lindner erklärt: „Dadurch, dass man scheitert und es immer wieder versucht, findet eine intensive Beschäftigung mit dem Thema statt, woraus sich wahrscheinlich auch ein größerer Lerneffekt ableitet.“ Hintergrund des Computerspiels sind Studien, die gezeigt haben, dass sich die Motivation der Schülerinnen und Schüler durch den Einsatz digitaler Lernmethoden im Unterricht steigern lässt.

Bei „LandYOUs“ entscheiden die Spieler, in welche Bereiche wie viel Geld investiert werden soll.
Bei „LandYOUs“ entscheiden die Spieler, in welche Bereiche wie viel Geld investiert werden soll.
(Foto: Tom Leonhardt)

Sind „Serious Games“ die Zukunft der Didaktik?

 

Der methodische Ansatz von sogenannten „Serious Games“ ist es, Wissen über ein Computerspiel zu vermitteln. Dieser sei durchaus auch auf andere Fächer oder komplexe Sachverhalte übertragbar, so Lindner. Auch bei den Lehrenden bestehe international ein Interesse daran, alternative Lernmethoden auszuprobieren. „LandYOUs“ wurde deshalb auch ins Tschechische, Türkische und Englische übersetzt und auf der ganzen Welt getestet. Martin Lindner glaubt aber nicht, dass Computerspiele die Didaktik komplett auf den Kopf stellen werden. Zwar würden Computerspiele und digitale Medien allgemein immer mehr in den Unterricht integriert und möglichweise den Lerneffekt steigern. Sie ersetzen damit aber nicht den kompletten Unterricht. Das Spiel müsse immer in einen größeren Zusammenhang eingebettet werden. „Ohne diesen Kontext, wenn also das Spiel allein im Raum steht, fruchtet der Lerneffekt auch bei den Digital Natives nicht“, sagt Lindner. Zusätzlich zum Online-Spiel wurden deshalb Arbeitsmaterialien entwickelt und Filmeinheiten zusammengestellt, mit der die Lehrer rund um das Spiel eine bis zu vierstündige Unterrichtseinheit aufbauen können.

Bei „Serious Games“ oder ähnlichen Methoden gehe es vielmehr um eine allgemeine Konzeptänderung des Unterrichts, weg vom linearen Frontalunterricht und hin zum gemeinsamen Wissenserwerb. „Die Methode, ob wir da eine Geschichte erzählen, ein Experiment machen oder ein Computerspiel spielen, ist dann eigentlich egal“, so Linder weiter. Am Ende komme es eben immer auf die Lehrer und Lehrerinnen an, die Themen interessant aufbereiten und ihre Schüler dafür begeistern müssen. Und dabei könnten Computerspiele eine nützliche Hilfe sein.

  • Wer neugierig geworden ist und selber einen Blick in das Online-Spiel „LandYOUs“ werfen möchte, kann sich der Herausforderung unter folgendem Link stellen: http://landyous.org/
Hintergrund:

"LandYOUs" und die Arbeitsmaterialien für Lehrer sind ein Teil der Ergebnisse der Fördermaßnahme „Nachhaltiges Landmanagement“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. In dieser Fördermaßnahme haben mehr als 500 Wissenschaftler weltweit fast sieben Jahre zu verschiedenen Aspekten des Themas geforscht. Das wissenschaftliche Begleitvorhaben GLUES (Global Assessment of Land Use Dynamics, Greenhouse Gas Emissions and Ecosystem Services) wurde am UFZ koordiniert.

Kontakt: Prof. Dr. Martin Lindner
Didaktik der Biologie
Tel.: +49 345 55-26400
E-Mail schicken

Kommentar schreiben