„Kapitalistenschweine“ im Auftrag der Kultur

05.03.2012 von Sarah Huke in Studium und Lehre, Campus
„Jede Stadt ist cool. Man muss sie nur entdecken“, sagt der 21-jährige Geografiestudent Ronald Kellner. Damit drückt er sein Bedauern über jene Studenten aus, die schon am Donnerstagnachmittag fluchtartig Halle verlassen. Vor allem Projekte wie „Kunst Gegen Bares“ (KGB) bieten die Möglichkeit das Kulturleben seiner Stadt kennenzulernen und sich selber zu engagieren.
Der Sänger Jan Tschatschula schreibt noch immer traurige Liebeslieder.
Der Sänger Jan Tschatschula schreibt noch immer traurige Liebeslieder. (Foto: Sven Dressler)

Ron ist einer der Organisatoren von „Kunst gegen Bares“ und Mitglied beim HALternativ-Verein. Seit Beginn seines Studiums vor drei Jahren hat er immer wieder die verschiedenen Poetry-Slams in Halle besucht Anfang 2011 holten ihn die Autorin und Redakteurin Lydia Herms (30) und der Betriebs- und Volkswirt Tobias Glufke (30) mit ins Boot, um die Idee der Kleinkunstshow, entwickelt von dem Schauspieler Gerd Buurmann, in Halle umzusetzen. Das Theaterkonzept, in dem Künstler jeder Gattung auftreten können, funktioniert in Köln, Mannheim und auch Hamburg erfolgreich.

Ron will Halle zur Kultur erziehen. (Foto privat)
Ron will Halle zur Kultur erziehen. (Foto privat)

„Das Wort Kunst in KGB steht dafür, dass wir alle Künste ansprechen. Nicht nur die Slammer, wie bei einem Poetry-Slam“, sagt Ron und erklärt weiter: „Wir wollen, dass alle Künste anerkannt werden, weil sie alle gleichwertig sind.“ Die perfekte Plattform für den Sänger und Songwriter Jan Tschatschula, der bereits einmal zum „Kapitalistenschwein“ und somit Sieger der „KGB“ erklärt wurde. Denn „Gegen Bares“ bedeutet, dass die Zuschauer am Ende jeder Veranstaltung Geld in das Sparschwein ihres Lieblingskünstlers werfen. Wer am meisten Profit rausgeschlagen hat, gewinnt.

Der 21-jährige Jan Tschatschula studiert „Deutsche Sprache und Literatur“ an der MLU. „Wissenschaft ist mir manchmal zu tröge, dann suche ich mir einen Ausgleich in der Musik. Dann kann ich kreativ sein“, erklärt Jan. Seine erste Gitarre bekam er mit 15 und brachte sich mit Grifftabellen aus dem Internet das Spielen selber bei. Für seine erste Band „The Redphones“ – die wenig probten und viele Auftritte hatten – komponierte er eigene Lieder. An der Thematik seiner Songs hat sich bis heute nicht viel geändert: „Ich schreibe noch immer traurige Liebeslieder.“

Die Reihenfolge der Auftritte wird per selbstgebasteltem Glücksrad ausgelost.
Die Reihenfolge der Auftritte wird per selbstgebasteltem Glücksrad ausgelost.

Jan lernte Ron auf einen der vielen literarischen Wettstreite in Halle kennen. Dort hielt Jan das Publikum in den Pausen als Featured Artist bei Laune: „Ein Poetry-Slam war immer eine gute Möglichkeit zu spielen, aber die volle Aufmerksamkeit der Zuhörer hatte ich leider nicht.“ Anders bei „KGB“ – dort kann Jan im Wettbewerb antreten und sich dem Urteil der Zuschauerjury stellen. Jeweils zehn Minuten haben die Künstler – ob Slammer, Sänger, Schauspieler oder Artist – um ihr Können unter Beweis zu stellen. Die Reihenfolge wird per Glücksrad ausgelost.

Jeden vierten Donnerstag im Monat versammeln sich die Kunstbegeistern im Charles Bronson. „Eine wirklich coole und soziale Einrichtung“, wie Ron meint, denn den Veranstaltern von „KGB“ entstehen keine Kosten. „Wir müssen keinen Eintritt nehmen. Das gespendete Geld geht direkt an die Künstler. Im Schnitt kann jeder mit 28 Euro nach Hause gehen.“ Interessant für die jungen Mitstreiter und mittellosen Studenten. „Wir wollen Halle zur Kunst erziehen“, erzählt Ron begeistert, der als Booking-Verantwortlicher immer auf der Suche nach neuen Interessierten ist. Im Idealfall meldet man sich über die „KGB“-Facebookgruppe an, aber auch die spontane Entscheidung aufzutreten zu Beginn des Veranstaltungsabends wird gerne gesehen.

Ob als Künstler oder Organisator – Studenten der MLU schaffen Kultur in Halle.

Text: Sarah Huke

Jan singt:

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