Ein Netzwerk für die Genderforschung

14.11.2023 von Katrin Löwe in Campus, Wissenschaft
Deutschland hat aus Sicht des Wissenschaftsrats Nachholbedarf in der Geschlechterforschung und -lehre. An der MLU wollen Verena Stange und Dr. Sabine Gabriel von der Netzwerkstelle „gender*bildet“ jetzt sowohl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als auch Studierende aller Fächer in dem Bereich stärker vernetzen. An der Uni findet am 30. November auch der Landesweite Tag der Genderforschung sowie am Tag darauf eine Tagung für Forschende in der Qualifikationsphase statt.
Blick auf die Burse zur Tulpe - hier finden der Tag der Genderforschung und die Tagung für Forschende in der Qualifikationsphase statt.
Blick auf die Burse zur Tulpe - hier finden der Tag der Genderforschung und die Tagung für Forschende in der Qualifikationsphase statt. (Foto: Norbert Kaltwasser)

Die Liste der Themen der Geschlechterforschung ist lang, deren Vielfalt auch: Geschlechterunterschiede bei Herzerkrankungen, Gender Pay Gap, Verteilung von Care-Arbeit in der Familie, Geschlechterrollen und deren Repräsentation in Literatur, Film und Fernsehen, Debatten zu Femiziden und Transgender-Rechten … Dazu kommt: Die Fragen rund um das Geschlecht und der Geschlechterverhältnisse sind für alle wissenschaftliche und gesellschaftliche Bereiche relevant, das konstatierte auch der Wissenschaftsrat erst vor wenigen Wochen – und attestierte Deutschland zugleich Nachholbedarf in der Geschlechterforschung.

Verena Stange
Verena Stange (Foto: Markus Scholz)
Sabine Gabriel
Sabine Gabriel (Foto: Markus Scholz)

Verena Stange und Dr. Sabine Gabriel aus der Stabsstelle Vielfalt und Chancengleichheit der MLU haben sich intensiv mit den Empfehlungen befasst, die der Wissenschaftsrat aus seiner breit angelegten Arbeit zum Status des Forschungsfeldes abgeleitet hat. Beide leiten seit diesem Jahr die Netzwerkstelle „gender*bildet“ an der Uni Halle. „In Sachsen-Anhalt gibt es viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Genderforschung betreiben. Aber strukturell ist das Thema schlecht untersetzt“, sagt Verena Stange. So gebe es in Magdeburg zwar aktuell eine auf das Forschungsfeld ausgerichtete Gastprofessur, aber im ganzen Land keine ordentliche Professur mit entsprechender Denomination zu Geschlechter- oder – oft synonym verwendet – Genderforschung.

Das ursprünglich schon 2018 an der MLU ins Leben gerufene Projekt „gender*bildet“ will Genderaspekte neben der Lehre nun auch in der Forschung künftig stärker in den Fokus rücken: Dazu gehört zum Beispiel die Etablierung einer Forschungswerkstatt, in der sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende zu konkreten Projekten, aber auch Themen und Perspektiven aus dem Bereich der Genderforschung verständigen und vernetzen können. Insbesondere für Qualifikationsarbeiten fehle dieser Austausch an der MLU, so Stange. „Die Forschungswerkstatt will das Problem beheben und gleichzeitig auch dem interdisziplinären Charakter des gesamten Forschungsfeldes Rechnung tragen“, ergänzt Gabriel.

Um Austausch und Vernetzung geht es auch am "Landesweiten Tag der Genderforschung". Dessen 12. Auflage findet am 30. November an der Uni Halle statt, getragen wird die Kooperationsveranstaltung von „gender*bildet“ an der MLU, der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, FrauenOrte Sachsen-Anhalt und der Koordinierungsstelle Genderforschung & Chancengleichheit Sachsen-Anhalt. In verschiedenen Vorträgen werden Forschungsprojekte vorgestellt, auch der Genderforschungspreis des Landes wird an dem Tag verliehen. Am Folgetag wird eine ergänzende Tagung „Forschen zu und mit Gender. Genderforschung in Abschluss- und Qualifikationsphasen“ geben, die sich an Studierende, Promovierende und Post-Docs aller Fachbereiche richtet und einen stärkeren Workshop-Charakter trägt.

„gender*bildet“ wurde 2018 an der MLU auf Initiative des Gleichstellungsbüros in Zusammenarbeit mit der Philosophischen Fakultät III gestartet – Kernziel ist die stärkere Integration von Genderaspekten in die Lehre.  Als Netzwerkstelle für Genderforschung und -lehre hat gender*bildet seit 2023 ein neues Koordinationsteam: Die Erziehungswissenschaftlerin Verena Stange hat an der Universität bereits an verschiedenen Stellen zum Thema Gleichstellung gearbeitet und hat 2017 die Idee zu gender*bildet maßgeblich entwickelt. In ihrer Promotion befasst sie sich jetzt mit der Karriereorientierung von Studierenden, einem Thema an der Schnittstelle von Hochschul- und Genderforschung. Dr. Sabine Gabriel war nach dem Studium der Ethnologie, Soziologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Halle und dem Promotionsstudiengang der Qualitativen Sozial- und Bildungsforschung in Magdeburg an mehreren wissenschaftlichen Arbeiten zu dem Thema Gender und soziale Differenz beteiligt – zuletzt zum Beispiel an einer Studie zu Dating-Apps.

Stange und Gabriel setzen auch einen weiteren Teil der Arbeit von „gender*bildet“ fort: ein interdisziplinäres Verzeichnis von Lehrveranstaltungen an der MLU, die sich mit Genderthemen befassen. Es macht nicht nur die Forschung und Lehre in diesem Bereich sichtbar, sondern bietet vor allem einen Überblick für Studierende sowie Gasthörerinnen und Gasthörer, die das „Zertifikat Gender Studies“ erwerben möchten. Dabei handelt es sich um eine Zusatzqualifikation, für die 20 Leistungspunkte aus den gelisteten Veranstaltungen notwendig sind. „In der Regel sind das vier Lehrveranstaltungen“, sagt Gabriel. Die MLU sei in Sachsen-Anhalt die einzige Hochschule, die ein Zertifikat anbiete. Es könne als Nachweis beim Berufseinstieg hilfreich sein. Es wird aber auch als Zulassungsvoraussetzung anerkannt, wenn man ein Masterstudium Genderwissenschaften aufnehmen will, wie es zum Beispiel die Uni Köln anbietet.

Rund 400 Lehrveranstaltungen hat „gender*bildet“ seit 2018 gelistet – anfangs waren es zwei, allein im vergangenen Semester aber schon über 100. Sie befassen sich mit Genderthemen im engeren Sinne, berücksichtigen aber im weiteren Sinne auch Aspekte wie soziale Herkunft und Ungleichheit, Rassismus oder Machtbeziehungen. Zu dem Vorlesungsverzeichnis für das Zertifikatsprogramm zählen eigens von „gender*bildet“ organisierte Veranstaltungen wie das Abschlusskolloquium. Ein Großteil der Seminare und Vorlesungen wird an den Fakultäten selbst angeboten - überwiegend an den Philosophischen Fakultäten, sagt Stange. „Unser Ziel ist aber, auch die Naturwissenschaftlichen Fakultäten stärker einzubinden.“ Ein Ansatzunkt dort seien zum Beispiel Debatten um Künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit und Gender.

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