Die Welt ist in Halle zu Hause

16.05.2013 von Tom Leonhardt in Studium und Lehre, Campus
Der zweite internationale Länderabend der MLU hatte hohen Besuch: Ministerpräsident Reiner Haseloff eröffnete den Kulturabend im Studentenclub Turm. Die hitzige Stimmung der Demonstration auf dem Universitätsplatz war dabei schnell vergessen.
Studierende aus Brasilien, China, Kolumbien und Russland stellten am Länderabend ihre Heimat vor.
Studierende aus Brasilien, China, Kolumbien und Russland stellten am Länderabend ihre Heimat vor. (Foto: Maike Glöckner)

Gerade musste er noch versuchen, sich gegen rund 3.000 laut protestierende Demonstranten auf dem Uniplatz durchzusetzen, kurz darauf sprach Ministerpräsident Reiner Haseloff vor einem deutlichen kleineren Publikum im „Turm“. Anlass war der zweite Internationale Länderabend, den das Studentenwerk Halle gemeinsam mit dem International Office und studentischen Initiativen veranstaltete. „Herzlich willkommen“, begrüßte Haseloff symbolisch die etwa 1.700 internationalen Studierenden, die an der Uni Halle eingeschrieben sind. Von ihnen waren über hundert der Einladung gefolgt.

Der Abend sollte dazu dienen, dass Vertreter aus vier Ländern ihr Land, ihre Kultur und ihre lokale Küche vorstellen konnten. In diesem Jahr waren das Brasilien, China, Kolumbien und Russland. Bei seiner Begrüßung wurde der Ministerpräsident aber nochmals mit vereinzelten Buh-Rufen konfrontiert. Uni-Rektor Udo Sträter rief in seinem Grußwort deshalb dazu auf, den „turbulenten Tag in Ruhe ausklingen“ zu lassen. An diesem Abend wolle man nicht mehr diskutieren, dafür sei ab morgen noch genügend Zeit. Der Abend solle unter dem Motto „Begegnungen“ stehen.

Und so kam es dann auch: Die beiden Moderatoren, Carolin Bräutigam und Adnan Ghanem, führten durch einen entspannten Abend, an dem internationale Studierende der Uni Halle ihr Land dem interessierten Publikum vorstellen. Neben „harten Fakten“ zu den einzelnen Länder gab es auch ein buntes Programm: Brasilien und China begeisterten die Gäste mit lebhaften Klavierstücken.

Beim kolumbianischen Cumbia wird mit Kerzen in der Hand getanzt.
Beim kolumbianischen Cumbia wird mit Kerzen in der Hand getanzt.
(Foto: Maike Glöckner)

Kolumbien ist mehr „Drogen und Krieg“

Zwei Studierende aus Kolumbien präsentierten einen ganz besonders Tanz, den Cumbia. Dafür hatte sich Camila Alfonsina Weffer extra ein ganz besonderes Kleid angezogen. „Beim Cumbia müssen die Männer die Frauen zum Tanz auffordern, aber nur die Frau entscheidet, mit wem sie tanzt“, erklärt die Romanistik-Studentin. Aber das ist noch nicht alles: Nicht nur, dass die Frau beim Tanz führt, sie hat auch noch Kerzen in der einen Hand – falls ihr der Mann zu nahe kommt, kann sie ihn damit „verscheuchen“. Camila ist seit fünf Jahren in Halle. Vor ihrem Studium an der Uni hatte sie noch einen Kurs am Studienkolleg hier belegt.

Die Anfangszeit war sie für nicht immer einfach: In ein Land zu kommen, dessen Sprache man nicht beherrsche, sei schwer. Aber heute gehe für Camila ein Traum in Erfüllung: Sie kann auf Deutsch über ihr Heimatland sprechen. Und zu erzählen hat sie viel – schließlich halte sich das Klischee von einem von Drogen und Kriegen geprägten Kolumbien noch immer hartnäckig. Dabei habe das Land so viel mehr zu bieten: „Vor allem Freunde, Tanz und Essen“, erzählt die Studentin.

Das Land des Lächelns

In China wird Kalligraphie schon in der Grundschule gelehrt. Erjie Zhang demonstrierte die Kunst des Schönschreibens beim Länderabend
In China wird Kalligraphie schon in der Grundschule gelehrt. Erjie Zhang demonstrierte die Kunst des Schönschreibens beim Länderabend
(Foto: Maike Glöckner)

Auf eine ganz andere Weise hat sich Erjie Zhang aus China mit Stereotypen beschäftigt. An seinem Landes-Stand steht eine große Tafel mit „Unterschieden zwischen China und Deutschland“. Während die Deutschen beispielsweise häufig nur einmal am Tag ein warmes Essen zu sich nehmen, gibt es in China drei warme Mahlzeiten. „Außerdem gibt es in Deutschland und China andere Schönheitsideale“, erklärt der angehende Wirtschaftsinformatiker. In Europa würde man sich bemühen, sich im Sommer zu bräunen – in China dagegen wäre die vornehme Blässe im Trend. Erije hat bereits seinen Bachelorabschluss in Sachsen-Anhalt gemacht: An der Hochschule Merseburg. Für sein Masterstudium ist er nun an die Uni Halle gekommen.

Während seiner Präsentation wird das Publikum auch in die Kunst der Kalligraphie eingeführt. Die Kunst des „Schönschreibens“ hat in China eine lange Tradition und wird dort auch in der Grundschule unterrichtet. So kommt es, dass Erije und seine Mitstreiter nach der Präsentation viele Zettel mit Namen überreicht bekommen, die sie dann auf Chinesisch schreiben.

Bilder vom Länderabend:

Für ein Semester nach Halle

Dass auch Anastasiia Iakimuk hier heute auf der Bühne steht, um die internationalen Gäste über russische Feiertage aufzuklären, das hat sich die Studentin vor wenigen Wochen sicherlich auch noch nicht gedacht. Erst am 8. April ist sie für ein Austauschsemester nach Halle gekommen. Und nun berichtet sie zum Beispiel über das russische Ostern, einem der zentralen religiösen Feiertage des Landes. Den Osterhasen gibt es in Russland nicht, dafür Osterkuchen und natürlich auch Ostereier – die werden wiederum aber nicht versteckt, sondern bemalt und verschenkt. Für Anastasiia war es heute eine „tolle Möglichkeit“, ihr Land zu präsentieren. In Russland, wo sie Germanistik, Erziehungswissenschaften und Englisch studiert, sieht ihr Studienalltag ganz anders aus: „Wir haben da einen komplett geplanten Stundenplan und ich bin häufig von 8 bis 16 Uhr in der Uni.“ In Halle sei das alles etwas lockerer, so habe sie zum Beispiel den ganzen Freitag frei und auch generell weniger Veranstaltungen.

Von Halle und der Uni begeistert ist auch Hecham Azamendia Bugdadi aus Brasilien. Bevor der BWL-Student in die Saalestadt kam, war er bereits in Bremen. Dort habe es ihm auch gut gefallen. Vor Halle machte Hecham noch einen Zwischenstopp in Wittenberg, um seine Sprachkenntnisse aufzubessern. Besonders belebend findet er den Austausch zwischen Kulturen: „Hier kann man immer etwas von den Menschen lernen, wie auch bei uns.“ Nach seinem Abschluss will er wahrscheinlich zurück nach Brasilien gehen, um dort zu arbeiten. Mit seinem Bachelor habe er da gute Chancen, einen Job zu kriegen – schließlich ließe es sich in Halle „exzellent studieren“.

Während des ganzen Abends ist die Stimmung entspannt und locker: Es wird gelacht und viel geredet – auf Deutsch, Spanisch, Englisch, Russisch, Portugiesisch und und und … nach den Präsentationen wird dann das internationale Buffet eröffnet. Alle Landesvertreter hatten extra für den Abend kulinarische Besonderheiten ihres Landes aufgetischt. Die meisten davon waren schon nach wenigen Minuten vergriffen. Jetzt hat auch Adnan Ghanem etwas Zeit, sich zu entspannen – er hat den Abend nämlich nicht nur mit moderiert, sondern auch mit organisiert. Der gebürtige Syrer lebt seit einiger Zeit in Halle und studiert hier Zahnmedizin. Der Abend sei für ihn ein persönliches Highlight gewesen: „Die Stadt hat wieder gezeigt, was für ein großes Herz sie hat.“ Er habe sich den ganzen Abend sehr wohl gefühlt. Text: Tom Leonhardt

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