Armenien II: Das vergessene Wörterbuch – oder: Armenisch für Fortgeschrittene

25.01.2012 von Corinna Bertz in Studium und Lehre, Campus
Halle-Armenien. Das ist eine Route, die die MLU-Sprachwissenschaftler Professor Gerhard Meiser und Professor Hans-Joachim Solms schon seit einigen Jahren regelmäßig einschlagen. Scientia halensis hat nachgefragt, was das kleine Land im Kaukasus für sie so reizvoll macht.
Filigrane Handschriften wie diese werden im Matenadaran-Archiv in Jerewan restauriert und untersucht. Der hallesche Sprachwissenschaftler Prof. Gerhard Meiser hat sich eines besonders bedeutsamen Schriftstücks angenommen
Filigrane Handschriften wie diese werden im Matenadaran-Archiv in Jerewan restauriert und untersucht. Der hallesche Sprachwissenschaftler Prof. Gerhard Meiser hat sich eines besonders bedeutsamen Schriftstücks angenommen (Foto: Frank Sauerbier)
Die Armenier identifizieren sich stark über ihre Sprache. Da verwundert es nicht, dass sie dem Heiligen Mesrop Maschtoz  ein Denkmal gesetzt haben: Er gilt als Entwickler des neuen armenischen Alphabets
Die Armenier identifizieren sich stark über ihre Sprache. Da verwundert es nicht, dass sie dem Heiligen Mesrop Maschtoz ein Denkmal gesetzt haben: Er gilt als Entwickler des neuen armenischen Alphabets
(Foto: Ingrid Stude)

„Mit seiner Lage zwischen Europa und Asien, zwischen Christentum und Islam ist Armenien aus kultureller Sicht ein höchst interessantes Land“, betont Professor Gerhard Meiser vom Orientalischen Institutder MLU. „Zudem besitzt das Land eine uralte, einzigartige und in hohem Maße für die Bevölkerung identitätsstiftende Kultur – in der sich aber auch starke europäische Impulse wiederfinden und die wiederum selbst die europäische Kultur beeinflusst hat.“ Die Verbindung mit Armenien sei deshalb nicht nur für den Austausch von Studierenden und Lehrenden sondern auch für die Forschung ein Glücksfall, stimmt Germanistik-Professor Hans-Joachim Solms zu.

Aktuell bereitet Meiser in Kooperation mit der Staatlichen Universität Jerewan und dem Matenadaran-Handschriften-Forschungsarchiv die Edition des mittelarmenischen Wörterbuchs von Josef Karst vor. Was auf den ersten Blick eher unspektakulär erscheint, birgt jedoch einiges an Brisanz. „Denn zum einen ist Matenadaran nicht nur irgendein Archiv, sondern der Tempel der Identifikation für die Armenier“, betont Meiser, „Schrift und Sprache haben für die kulturelle Tradition der Armenier eine besondere Bedeutung.“ Zum anderen sei eben jenes Wörterbuch das einzige in derart umfangreicher Qualität. „Dieses Wörterbuch ist eine richtige Fundgrube der mittelarmenischen Kulturgeschichte“, erklärt der Sprachwissenschaftler. Das Lexikon enthält neben Wortangaben auch zahlreiche Anmerkungen und Kommentare zu verschiedensten Sachgebieten – von der Rechtsgeschichte über die Medizin bis hin zu Sagen.

Restaurationswerkstatt im Matenadaran-Handschrifteninstitut
Restaurationswerkstatt im Matenadaran-Handschrifteninstitut
(Foto: Frank Sauerbier)

Abgesehen von diesen Forschungserkenntnissen erhofft sich das Team um Meiser von seiner Arbeit perspektivisch auch eine Verbesserung der lexikalischen Situation. „In ganz Jerewan gibt es nämlich bisher kein adäquates Deutsch-Armenisches oder Armenisch-Deutsches Wörterbuch“, sagt er mit halb lachendem, halb weinendem Auge.

Auch Germanist Solms plant demnächst eine größere Veröffentlichung im Armenien-Kontext: „Schon seit längerer Zeit bestehen unsererseits Kontakte zur Armenischen Akademie der Wissenschaften. Vor acht Jahren kam dann die Idee auf, ein gemeinsames Forschungsprojekt bezogen auf die mittelalterliche Literatur der beiden Länder zu initiieren.“ Zwei Forscherkonferenzen in Wittenberg und Jerewan folgten. In deren Verlauf stellte sich heraus: Deutsche und armenische mittelalterliche Literatur sind sich gar nicht unähnlich, beispielsweise hinsichtlich verwendeter Motive oder literarischer Strukturen.

Deutlich sichtbar sind die christlichen Spuren in Armenien: Kreuzsteine verzieren Kirchen, Klöster, Landschaften und Felsen
Deutlich sichtbar sind die christlichen Spuren in Armenien: Kreuzsteine verzieren Kirchen, Klöster, Landschaften und Felsen
(Foto: Ingrid Stude)

„Das Besondere an dem Projekt ist zudem der interkulturelle Ansatz“, führt Solms an. „Wir arbeiten mit deutsch-armenischen Forschungstandems.“ Nicht ohne Stolz fügt er hinzu, dass auch internationales Interesse an dem Projekt herrsche, das in diesem Jahr mit einer zweisprachigen Publikation zum Abschluss gebracht werden soll. Eine Folgearbeit ist indes auch schon in Sicht: So habe die Akademie den Wunsch formuliert, einen Vergleich neuzeitlicher Literatur anzustellen.

Allerdings sind Kultur und Historie Armeniens nicht nur für die beiden Sprachwissenschaftler reizvoll. Was Goldforscher Gregor Borg im armenischen Bergland entdeckt hat, verrät er morgen im Unimagazin.

(Text: Claudia Misch)

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