Prägend für sein Fach: Zum Tod des Kardiologen Wilhelm Teichmann

04.04.2024 von Prof. Dr. Bettina-Maria Taute in Personalia
Am 5. Februar 2024, nur wenige Wochen nach seinem 90. Geburtstag, ist Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Teichmann verstorben. Er war Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III (Schwerpunkte Kardiologie und Angiologie) am Universitätsklinikum von 1993 bis zu seiner Emeritierung 1999 und hatte nicht nur an der MLU bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung seines Faches. Ein Nachruf von Prof. Dr. Bettina-Maria Taute.
Wilhelm Teichmann
Wilhelm Teichmann (Foto: Historisches Archiv der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie)

Prof. Dr. med. habil. Wilhelm Teichmann, Internist und Kardiologe, Hochschullehrer und Ordinarius für Innere Medizin und Kardiologie an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, hat in seinem vier Jahrzehnte umfassenden Wirken großen Einfluss auf die Entwicklung des Faches Kardiologie an der halleschen Universität genommen, begründete die kardiologische Intensivmedizin in der DDR und gilt als einer der namhaftesten Kardiologen in den neuen Bundesländern.

Am 24. November 1933 in Züllichau (im heutigen Polen) geboren und aufgewachsen, führten Flucht und Vertreibung die Familie 1945 nach Greußen in Thüringen, wo sie bei einer Freundin der Großmutter eine neue Heimat fand. Sein Vater kehrte nicht aus dem Krieg zurück, er fiel 1944 in Italien.

Nach dem Abitur in Greußen nahm Professor Teichmann 1952 das Studium der Humanmedizin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg auf, absolvierte von 1958 – 1959 Pflichtassistenz und Landjahr in Suhl und Zella-Mehlis und kehrte 1959 nach Halle (Saale) zurück, wo er im September in der II. Medizinischen Universitätsklinik als wissenschaftlicher Assistenzarzt unter dem Direktorat von Prof. Dr. med. Wilhelm Grunke seine Facharztweiterbildung begann. Assoziiert mit Schwerpunkten seiner dortigen klinischen Tätigkeit und Weiterbildung, publizierte er zu gastroenterologischen und endokrinologischen Themen. 1964 folgte er seinem Doktorvater Prof. Dr. med. Karl-Heinz Krosch, nach dessen Berufung, an die I. Medizinische Universitätsklinik und schloss dort 1965 seine Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin ab.

Bereits 1958 war Professor Teichmann mit der kardiologischen Arbeit „Die Bedeutung von Schenkelblöcken im EKG unter Berücksichtigung des Ventrikelgradienten auf die Prognose von Patienten“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zum Dr. med. promoviert worden. Sein besonderes klinisches und wissenschaftliches Interesse für die Kardiologie war geweckt, einem damals noch jungen und aufstrebenden Teilgebiet der Inneren Medizin. Die Anerkennung der Kardiologie als eine selbstständige internistische Disziplin vollzog sich in (Gesamt-)Deutschland 1962 mit der Berufung von Prof. Dr. med. Rudolf Zuckermann auf die erste Professur mit Lehrstuhl für Kardiologie durch die Universität Halle. Professor Teichmann zählte sich zu den Schülern Prof. Zuckermanns. Wenn er später über diese wertvolle Zeit des Lernens berichtete, so sprachen Dankbarkeit und Hochachtung aus seinen Worten.

1970 habilitierte sich Wilhelm Teichmann mit der Arbeit „Zum Einfluss von ß - Rezeptor - Blockade auf funktionelle Parameter am Altersherzen“ und in einem separaten Verfahren wurde ihm die „Facultas Docendi“ verliehen. Ebenfalls 1970 folgten seine Ernennung zum Oberarzt der I. Medizinischen Universitätsklinik und wenige Monate später zum Leiter der Kardiodiagnostischen Abteilung des Bereiches Medizin der Universität Halle.

Es ist bezeichnend für die damalige Zeit, dass innovative Leistungen der hochspezialisierten medizinischen Versorgung, die heute zu den Selbstverständlichkeiten des Alltags gehören, nur durch ein hohes Maß an Begeisterungsfähigkeit und größtem persönlichen Einsatz aller Beteiligten sowie kollegialer Hilfe und improvisierter Technik umsetzbar waren. So gelang unter anderem der Aufbau einer kardiologisch-internistischen Wachstation, die Konstruktion erster Überwachungsmonitore und externer Schrittmacher oder die Einführung einer bettseitigen Überwachung. Sein wichtigstes Anliegen sah Professor Teichmann immer darin, seinen Patienten die bestmögliche und modernste kardiologische Versorgung zukommen zu lassen.

Auch die Etablierung des „Halleschen Modells“ der prähospitalen Versorgung Myokardinfarktkranker mit dem Ziel der relevanten Verkürzung der prästationären Zeit soll an dieser Stelle Würdigung finden. Gleichsam handelte es sich um den Einsatz des ersten internistischen Notarztwagens außerhalb der Hauptstadt Berlin, umgesetzt durch ein Ärzteteam und über eine ärztliche Planstelle der I. Medizinischen Klinik: Ende der 1960er Jahre ein Meilenstein in der Geschichte des medizinischen Rettungswesens in der DDR.

Die erfolgreiche Forschungskooperation mit dem Physiologen Prof. Dr. J. Penáz von der Universität in Brno (in der damaligen ČSSR) zur kontinuierlichen indirekten Blutdruckmessung, publiziert 1976 in der „Zeitschrift für die gesamte Innere Medizin und ihre Grenzgebiete“, gilt als die am häufigsten zitierte wissenschaftliche Arbeit der klinischen Universitätsmedizin Halle aus der DDR-Epoche.

Schon in den 1960er Jahren hatte Wilhelm Teichmann realisiert, dass er als „Parteiloser“, Grenzen in seiner akademischen Laufbahn in Kauf nehmen musste. Erst 1978 erhielt er eine Hochschuldozentur und 1985 erfolgte die Berufung zum ordentlichen Professor für Innere Medizin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, verbunden mit der Leitung der kardiologischen Abteilung bzw. ab 1987 Leitung des Klinikbereichs III der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Kardiologie und Angiologie. Als herausragender akademischer Vertreter seines Faches wurde Teichmann 1993 auf die C4-Professur „Innere Medizin / Kardiologie“, berufen, der ersten Professur neuen Rechts dieser Denomination an der Universität Halle und als Direktor der nun selbstständigen Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III (Kardiologie und Angiologie) bestätigt, die er bis zu seiner Emeritierung 1999 leitete.

Seinen umfangreichen Lehraufgaben im Fach Innere Medizin und Kardiologie kam Professor Teichmann Zeit seines Wirkens an der Universität Halle immer mit Freude und großem Engagement nach. Allein seine legendäre, fakultative, jedoch von den Studenten hochfrequentierte EKG-Vorlesung bot er über drei Jahrzehnte hinweg an.

Zahlreiche Diplomanden und Doktoranden führte er zu erfolgreichen Abschlüssen ihrer wissenschaftlichen Graduierungsarbeiten und begleitete motivierend und fördernd die fachliche und wissenschaftliche Entwicklung seiner Assistenten und Mitarbeiter. Kollegialität und Wertschätzung, Integrität und Bescheidenheit prägten neben einer bewundernswerten Improvisationskunst seinen Führungsstil.

Sowohl seine Lehrerfahrung als auch sein Engagement in der ärztlichen Weiterbildung führten zur Wahl in die Zentrale Prüfungskommission „Kardiologie“ der DDR ab 1980 und nach der Wende in die Fach- und Prüfungskommission Innere Medizin und Kardiologie der Ärztekammer Sachsen-Anhalt. In der Nachwendezeit leistete er als gewähltes Mitglied des Fakultätsrates wichtige Aufbauarbeit bei der Erneuerung der Medizinischen Fakultät der Universität Halle.

Das wissenschaftliche Renommee von Professor Teichmann umfasst über hundert Originalarbeiten und Beiträge überwiegend zu kardiologischen Themen. Wichtige Schwerpunkte seines wissenschaftlichen Schaffens, wie seine Arbeiten zur Prähospitalphase und Akuttherapie des Myokardinfarkts, waren durch seine klinische Arbeit geprägt. Über Jahrzehnte hinweg gestaltete Professor Teichmann die Halleschen Symposien zur Frühphase des Herzinfarkts und anderen Themen der Akutkardiologie. In seiner Funktion als Leiter der Arbeitsgruppe "Intensivtherapie" der 1965 gegründeten Gesellschaft für Kardiologie und Angiologie der DDR hatte er diese wissenschaftliche Veranstaltungsreihe 1970 ins Leben gerufen und pflegte nicht nur eine enge Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Intensivtherapie der Gesellschaft für Innere Medizin der DDR, sondern belebte und förderte landesweit den wissenschaftlichen Gedankenaustausch.

Seine Wahl zum Tagungspräsident der Herbsttagung 1992 und seine Wahl in den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie bestätigten einmal mehr die große fachliche Anerkennung, die Wilhelm Teichmann im geeinten Deutschland zuteilwurde.

Sein Andenken werden wir stets in Ehren bewahren.

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Prof. Dr. med. Bettina-Maria Taute, die den Nachruf für die Mitarbeiter des Departments für Innere Medizin der Universitätsmedizin Halle verfasst hat, ist langjährig als Oberärztin, Hochschullehrerin und Leiterin des Arbeitsbereichs Angiologie an der Universitätsklinik und Poliklinik für Innere Medizin III (Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin) tätig. Seit 2012 ist sie außerplanmäßige Professorin an der MLU.

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