Mozart Piano Quartet begeistert mit virtuosen Interpretationen

08.05.2014 von Corinna Bertz in Varia
Klavierquartette stehen in der kammermusikalischen Rezeption oftmals im Schatten der gattungsgeschichtlich traditionsreicheren Triobesetzung mit Klavier, Violine und Violoncello, was sich nicht nur am schmaleren Werkekanon der Gattung, sondern auch an ihrer vergleichsweise seltenen Aufführung zeigt. Dass Klavierquartette jedoch hinsichtlich ihrer musikalisch-expressiven Qualitäten in keiner Weise hinter Trio- oder Quintettbesetzungen zurückstehen, zeigt sich dann, wenn sie durch herausragende Interpretation aus ihrem vermeintlichen Schattendasein gerissen werden, wie das Mozart Piano Quartet am Abend des 7. Mai 2014 in der Reihe der aula konzerte halle eindrucksvoll unter Beweis stellte.
In der Aula spielte das "Mozart Piano Quartet" Werke von Werke Felix Mendelssohn Bartholdys, Johannes Brahms sowie von Wolfgang-Andreas Schultze.
In der Aula spielte das "Mozart Piano Quartet" Werke von Werke Felix Mendelssohn Bartholdys, Johannes Brahms sowie von Wolfgang-Andreas Schultze. (Foto: Maike Glöckner)

Die Darbietung des mit hochkarätigen Solisten besetzten Ensembles umfasste dabei hochromantische Werke Felix Mendelssohn Bartholdys (1809-1847) und Johannes Brahms‘ (1833-1879) sowie eine zeitgenössische Komposition Wolfgang-Andreas Schultzes (*1948). Mit dem in klassischer Sonatenform gehaltenen Kopfsatz des Klavierquartetts in f-Moll op. 2 Felix Mendelssohn Bartholdys läutete das Ensemble den musikalischen Abend ein.

Im Jahre 1823 vom 14-jährigen Mendelssohn komponiert, zeigt sich das Werk im Allegro molto nach dramatisch-bewegter Streichereröffnung dominiert von virtuos geprägten Klavierfigurationen und stellt damit höchste Ansprüche an eine ausgeglichene Interpretation: weder darf das Klavier die Streicher in solistischem Überschwang totsprechen, noch sich ihnen allzu kraftlos unterordnen. Umso mehr brillierte die inspirierte Darbietung des Quartetts, in welcher Paul Rivinius, der Pianist des Ensembles, in leidenschaftlichem und präzisem Spiel, gepaart mit außerordentlichem Feingefühl für das musikalische Zusammenwirken des Ensembles, den schmalen Grat einer gelungenen pianistischen Umsetzung scheinbar mühelos beschritt. Die hohe technische wie auch expressive Qualität der Darbietung vermochte das Publikum über den gesamten Verlauf des Werkes mitzureisen, allem voran die tief empfundene und leidenschaftlich bewegte Interpretation des zweiten Satzes, einem Adagio, dessen lyrisch tiefschürfenden Duktus Mark Gothoni an der Violine mit bemerkenswerter Eindrücklichkeit wiedergab.

Über das Stück von Komponist und Musikphilosoph Wolfgang-Andreas Schultz aufgeführt wurde, sprach Schultze persönlich einleitende Worte.
Über das Stück von Komponist und Musikphilosoph Wolfgang-Andreas Schultz aufgeführt wurde, sprach Schultze persönlich einleitende Worte.

Auch mit der nachfolgenden Interpretation der 2013 fertiggestellten Komposition Landschaft mit der Verstoßung der Hagar des zeitgenössischen Komponisten und Musikphilosophen Wolfgang-Andreas Schultz, welcher vorab eine Einführung in die philosophischen Grundgedanken und musikalischen Strukturen seines Quartetts gab, legten die Musiker Zeugnis ihrer herausragenden Qualität ab.

Das Werk orientiert sich in seiner dramatischen Konzeption an der biblischen Erzählung von der ägyptischen Sklavin Hagar, welche Ismael, den ersten Sohn des Ahnvaters der abrahamitischen Religionen, gebärt, bevor der darauffolgende Konflikt mit Abrahams Frau, Sara, in der Verstoßung von Mutter und Kind in die Wüste kulminiert. Inspiriert von zwei Gemälden Claude Lorrains (Die Verstoßung der Hagar und Hagar und Ismael in der Wüste) weist die Komposition eine eindrückliche Ausdeutung der Erzählung auf, indem die Rollen der Personen auf die Instrumente verteilt sind: Ismael wird durch die Violine, Hagar durch die Viola und Abraham durch das Violoncello symbolisiert.

Die tiefgreifende Thematik des Stückes wurde dem Publikum in der musikalischen Umsetzung durch das Mozart Piano Quartet eindrucksvoll nähergebracht, wobei die ungewohnten Dreivierteltonschritte in den Streicherstimmen, in Kombination mit dem in europäischer Tradition stehenden Klang des Klaviers, jene dominierende Kraft der Vereinigung unterschiedlicher Zeiten und Stile als die bestimmende Idee des musikphilosophischen Denkens Schultzes fasslich machten. In heterophoner Stimmführung und einer in „arabischem Stil“ gehaltenen Leitmotivik, exponierten die herausragenden Musiker das Konfliktpotential der Komposition und schöpften aus deren kultureller Vielfalt eine mitreisende Synergie.

Die abschließende Aufführung des Klavierquartetts in c-Moll op. 60 von Johannes Brahms führte das Mozart Piano Quartet zurück in die Epoche der Romantik. Im Kopfsatz der Komposition, einem der wohl erschütterndsten Mollsätze des gesamten Œuvres des Komponisten, gelang es dem Ensemble die von autobiographischem Charakter geprägte, melancholische „Werther-Atmosphäre“ einzufangen, welche Brahms selbst gegenüber dem Verleger Fritz Simrock äußerte.

Wieder überzeugte die Interpretation, trotz erstmaliger, jedoch nur geringfügiger spieltechnischer Ungenauigkeiten, durch das ausgewogene Zusammenwirken von Klavier- und Streicherstimmen innerhalb des ergreifenden, von rhapsodisch anmutender Beschleunigung durchzogenen Satzes. Mit der virtuosen Umsetzung des Finales setzte das Quartett den eindrucksvollen Schlusspunkt eines musikalisch auf höchstem Niveau liegenden Kammermusik-Abends. Für den aufbrausenden Applaus der Zuhörerschaft bedankte sich das Mozart Piano Quartet, im Zeichen des Strauss-Jahres, mit dessen Ständchen in G-Dur aus dem Jahr 1882. Pascal Schiemann

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