Im Universitätsarchiv entdeckt: Die erste Studentin in Halle

06.03.2014 von Corinna Bertz in Varia
Es ist heute nur schwer vorstellbar, dass es für Frauen noch vor 106 Jahren nicht möglich war in Halle zu studieren. Im Universitätsarchiv Halle fand man nun den Namen der Frau, die sich 1908 als erste Studentin eingeschrieben hat. Ihr Name: Gertrud Küster, geborene Winkelmann. Das Matrikelbuch und andere Dokumente werden am Tag der Archive, Samstag, 8. März, ausgestellt.
Die erste Studentin trug sich 1908 ins Matrikelbuch ein.
Die erste Studentin trug sich 1908 ins Matrikelbuch ein. (Foto: Susanne Mondzech)

Eine erfolgreiche Suche: Dr. Michael Ruprecht, Leiter des Universitätsarchivs Halle, zeigt stolz auf den ersten Matrikeleintrag einer Frau an der Universität Halle im restaurierten Matrikelbuch. „Gertrud Küster muss am 19. Oktober 1908 früh aufgestanden sein. Sie schrieb sich nicht nur als erste Frau an der Uni Halle ein, sondern ihr Eintrag ist auch der allererste des Tages in das Matrikelbuch selbst“, sagt er.

Was heute ein elektronischer Prozess ist, war damals ein handschriftlicher Eintrag. Gertrud Küster hat sich als Nummer 599 im Jahr 1908 in das große Matrikelbuch eingetragen. Ihre geschwungene Schrift ist noch gut lesbar. Ruprecht konnte noch mehr über sie herausfinden. „Sie war 23 Jahre alt, als sie sich einschrieb, gebürtige Hallenserin und evangelisch. Erst im September 1908 hat sie ihr Reifezeugnis von der Oberrealschule zu Delitzsch erhalten. Außerdem wissen wir, dass ihr Vater Adolf Winkelmann Kaufmann war“, so der Archivar.

Gertrud Küster schrieb sich für Naturwissenschaften ein. Ihr Studienbuch verrät, welche Veranstaltungen sie besuchte. Sie hatte sich für einen abwechslungsreichen Mix aus Naturwissenschaften und Kunst entschieden. Neben Vorlesungen zur Biologie der Pflanzen, zur Einführung in die physikalische Chemie, zur Elektrochemie, gehörte auch Ästhetik der deutschen Klassik dazu. Für die Veranstaltung „Geschichte der Bildenden Künste in Deutschland im 15. und 16. Jahrhundert“ musste sie sogar 20 Mark bezahlen. Für die Zeit üblich war es einen Zweck des Studiums zu benennen. Auf ihrem blaugefärbten Matrikelschein gab sie dafür die „Fortbildung im Allgemeinen“ an. Laut Michael Ruprecht sei die Verwaltung der Universität damals noch gar nicht auf die Immatrikulation einer Frau vorbereitet gewesen, so dass Formulare handschriftlich geändert werden mussten.

Archivleiter Dr. Michael Ruprecht
Archivleiter Dr. Michael Ruprecht
(Foto: Maike Glöckner)

Am 13. Dezember 1909 exmatrikulierte sich Gertrud Küster nach nur zwei Semestern. „Danach verliert sich ihre Spur wieder“, wie Ruprecht bedauert. Der Leiter des Universitätsarchivs hat aber noch etwas Interessantes zu berichten: Gertrud Küster war nicht die einzige Frau, die sich zum Wintersemester 1908/09 immatrikulierte. Neben ihr schrieben sich noch 21 weitere Frauen an der Universität Halle ein, darunter eine Engländerin, eine Amerikanerin und eine Frau aus dem Baltikum.

Lange Zeit war es Frauen verwehrt, eine Universität zu besuchen

Um die Bedeutung des Immatrikulationseintrags von Gertrud Küster zu verstehen, erläutert Ruprecht den langen Kampf von Frauen für ein Universitätsstudium. Lange Zeit war es Frauen verwehrt, eine Universität zu besuchen. Erst ein Ministerialerlass erlaubte es ihnen, sich ab dem Wintersemester 1908/09 als Studentinnen in Preußen einzutragen. „Bis dahin mussten einige Widerstände überwunden werden - und diese waren enorm“, sagt Ruprecht. 1892 lehnte die Universität eine Anfrage des Ministeriums ab, Frauen aufzunehmen.

Ein erster Schritt war getan als sich 1896 auch weibliche Gasthörer eintragen durften. Sie waren jedoch auf das Wohlwollen des Dozenten angewiesen, sie an der Veranstaltung teilnehmen zu lassen. Der gute Ruf der Universität, vor allem im medizinischen Bereich, lockte auch viele Frauen aus dem Ausland nach Halle. „Studentinnenvereinigungen um 1900 verstärkten den öffentlichen Druck auf Universitäten in Preußen, Frauen die Immatrikulation zu erlauben“, so der Archivleiter. Eine Stellungnahme der Universität Halle aus dem Jahr 1902 zeigt, wie zwiegespalten die Meinungen dazu waren. „Drei Fakultäten stimmten für die Immatrikulation von Frauen an der Uni Halle, drei dagegen. Die Gründe dafür sind heute nicht mehr nachvollziehbar: Frauen seien physisch und psychisch nicht in der Lage ein Studium aufzunehmen“, so Ruprecht weiter. Mit dem Ministerialerlass vier Jahre später war es Frauen endlich gestattet auch in Preußen und somit in Halle zu studieren.

Matrikelbuch, Matrikelschein und Studienbuch von Gertrud Küster werden am Samstag, 8. März, am Tag der Archive mit dem Thema „Frauen – Männer – Macht“ im Stadtarchiv Halle ausgestellt. Von 10 bis 18 Uhr präsentieren sich alle halleschen Archive und zeigen Archivalien aus ihren Häusern zum diesjährigen Motto. Susanne Mondzech

Weitere Informationen: Veranstaltungen zum Tag der Archive

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