Feste Regeln für Nachhaltigkeit weltweit? - Streitgespräch in Wittenberg

28.10.2015 von Corinna Bertz in Varia
Zu Luthers Zeiten hängten Theologen ihre Thesen noch öffentlich aus, um anschließend mit anderen Gelehrten darüber zu streiten. In dieser Tradition steht die Disputation, zu der die Martin-Luther-Universität jedes Jahr am 31. Oktober nach Wittenberg einlädt. Worüber 498 Jahre nach Luthers Reformation gestritten wird, berichtet Ökonomie-Professor Oliver Holtemöller. Er wird die Veranstaltung in der Stiftung Leucorea am kommenden Samstag moderieren.
Bei der Disputation in Wittenberg wird am kommenden Samstag über nachhaltige Entwicklung und globale Wirtschaftsethik diskutiert.
Bei der Disputation in Wittenberg wird am kommenden Samstag über nachhaltige Entwicklung und globale Wirtschaftsethik diskutiert. (Foto: Maike Glöckner)
Prof. Dr. Oliver Holtemöller
Prof. Dr. Oliver Holtemöller
(Foto: Institut für Wirtschaftsforschung Halle)
Das Thema der Disputation 2015 ist die globale Wirtschaftsethik und der Geist des Kapitalismus. Was können die Zuhörer konkret erwarten? Oliver Holtemöller: Im Grunde geht es um die Frage: In welchem Rahmen wollen wir zusammenleben? Diese Frage finden wir in vielen aktuellen Themen wieder: Eurokrise, Klimaschutz oder nehmen Sie die Flüchtlingskrise. Es gibt zwar in Europa Regularien für den Umgang mit Flüchtlingen, aber diese Regeln werden im Moment nicht eingehalten, teilweise aus faktischer Notwendigkeit, teilweise aufgrund von Unzufriedenheit mit den Regeln. An welchen gesellschaftlichen Zielen sollen wir unser Handeln in einer solchen Situation orientieren? Welche Instanz sollte handeln? Was ist auf nationaler, was auf internationaler Ebene zu behandeln? Thilo Hoppe wirft mit seinen Thesen für die Disputation genau diese Fragen auf: Wie sollen bei unterschiedlichen Partikularinteressen im internationalen Kontext Entscheidungen zustande kommen und durchgesetzt werden? Ich erwarte eine theoretische Verortung dieser Fragestellung in der Diskussion und Ansatzpunkte für praktische Lösungen. Thilo Hoppe hat acht Thesen aufgestellt, die sich vor allem mit den 17 Zielen nachhaltiger Entwicklung beschäftigen, die von den Vereinten Nationen beschlossen worden sind. Worüber wird da zu streiten sein? 

Ich verstehe seine Thesen so, dass er sich eine internationale Instanz vorstellt, die weltweit verbindliche Regeln für eine nachhaltige Entwicklung durchsetzt. Darüber wird natürlich zu diskutieren sein. Wollen wir eine solche Instanz? Ist sie überhaupt sinnvoll? Sind die Ziele einer solchen Institution kompatibel mit denen der Menschen? Als Ökonom würde ich sofort die Frage der Anreize aufwerfen: Welche Anreize könnte es für Menschen geben, sich an solche Regularien zu halten? Thilo Hoppe lässt mit seinen Thesen viel Raum für Erläuterung und Diskussion.

Hoppe ist Grünen-Politiker und Vorsitzender der Kammer der Evangelischen Kirche. Wer sind seine Mitstreiter?

Wir erwarten Vertreter aus der Ethik, aus der Wirtschaftswissenschaft und aus der praktischen Wirtschaft auf dem Podium. Das ist ein heterogenes Feld, das aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln über das Thema und seine vielfältigen aktuellen Bezüge diskutieren kann. Interview: Corinna Bertz

Weitere Informationen

Die Disputation findet am 31. Oktober 2015 um 15 Uhr in der Stiftung Leucorea, Collegienstraße 62, 06886 Lutherstadt Wittenberg statt. Alle Interessierten sind dazu herzlich eingeladen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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