„Die Vertreibung war eine flächendeckende Maßnahme“

01.10.2013 von Corinna Bertz in Im Fokus
Die Gedenkrede für die zwischen 1933 und 1945 entlassenen Hochschullehrer an der Martin-Luther-Universität am 27. November 2013 hält Prof. Dr. Rüdiger vom Bruch. Der inzwischen emeritierte Wissenschaftshistoriker von der Berliner Humboldt-Universität gilt als ausgewiesener Experte für die Erforschung der Geschichte wissenschaftlicher Einrichtungen. Im Interview gibt er einen Überblick über den Stand der Aufarbeitung an deutschen Hochschulen und ordnet das hallesche Projekt ein.

Herr Professor vom Bruch, ab 1933 wurden massenhaft jüdische Angestellte aus dem Staatsdienst entlassen. Darunter waren auch viele renomierte Hochschullehrer. Können Sie erklären, wie es dazu kam?

Rüdiger vom Bruch: Grundlage für die Entlassungen war das Inkrafttreten des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933. Danach wurden in ganz Deutschland vor allem so genannte „nicht arische“ Beamte und Angestellte aus dem Staatsdienst entfernt. Aber auch politisch unliebsame, zumeist linke oder pazifistisch orientierte Persönlichkeiten verloren ihren Beruf.

Professor Rüdiger vom Bruch
Professor Rüdiger vom Bruch
(Foto: Humboldt-Universität zu Berlin)
Wie gingen diese Entlassungen konkret von statten und wer genau waren die Täter?

Dienstherr der Professoren war das Ministerium. Die Universität in Halle gehörte damals in den Bereich des preußischen Kultusministeriums. Dieses war ab Frühjahr 1933 dafür zuständig, alle Maßnahmen zur Umsetzung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zu koordinieren. Aus dieser Behörde wurde 1934 das Reichserziehungsministerium, das von Bernhard Rust geleitet wurde. Die Täter lassen sich also konkret benennen: Neben Minister Rust waren es in diesem Fall natürlich auch die Ministerialbeamten. Ihre Vorgaben wurden an den Universitäten umgesetzt. Dort war der Kanzler der formale Dienstherr der Beamten.

Wie sah die Situation an der Uni Halle aus?

In Halle waren immerhin etwa zwölf Prozent des Lehrkörpers betroffen. Nach derzeitigem Kenntnisstand mussten mindestens 43 Hochschullehrer gehen. Damit lässt sich einschätzen, dass Halle sowohl prozentual als auch in absoluten Zahlen etwas weniger von diesen schrecklichen Säuberungen betroffen war, als andere Hochschulen. Dafür gibt es zwei Gründe: Einerseits war die hiesige Universität vor 1933 keine NS-Hochburg wie es etwa im benachbarten Jena der Fall gewesen ist. Darüber hinaus war sie auch nicht in so starkem Maße nationalkonservativ orientiert wie die Universität in Tübingen, an der schon vor 1933 kaum jüdische Lehrkräfte eine Chance hatten.

Welche Hochschulen waren in besonderem Maße betroffen?

An den Hochschulen in Berlin, Frankfurt am Main, Köln und Hamburg hat die Säuberungswelle besonders schwere Spuren hinterlassen. Dort lag der Anteil an vertriebenen Lehrkräften bei bis zu einem Drittel.

Ausschnitt: Fragebogen des Psychiaters und Neurologen Alfred Hauptmann aus den Personalakten des Universitätsarchivs (Quelle: UAH PA 7386)
Ausschnitt: Fragebogen des Psychiaters und Neurologen Alfred Hauptmann aus den Personalakten des Universitätsarchivs (Quelle: UAH PA 7386)
Wie sieht es mit der Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels an deutschen Hochschulen aus?

Die Aufarbeitung ist ein schwieriges Kapitel. In den 1950er Jahren ist praktisch gar nichts passiert. Im Osten Deutschlands sprach man zwar darüber, jedoch kam man dabei nicht über eine plakative und wenig fundierte Schwarz-Weiß-Diskussion hinaus.

Wie muss man sich die Situation an den Hochschulen nach dem Krieg vorstellen?

In den 1950er Jahren waren unter den Mitarbeitern im großen Stil Entlastungskartelle im Gange. Netzwerke, die sich in Wissenschaftskreisen gegenseitig Persilscheine ausstellten. All das führte dazu, dass Verfechter der alten Ideologie weiter in ihren Ämtern blieben. Dadurch konnte auch keine Aufarbeitung in Gang kommen.

Wann begann sich das zu ändern?

Anfang der 60er Jahre. Da gab es einen Generationenwechsel an den Hochschulen. Außerdem wurde das Ganze durch die DDR befeuert. 1962/63 gab man dort so genannte Braunbücher heraus. Darauf musste man im Westen reagieren, denn die Quellen sprachen für sich.

Ab wann kann man denn von einer echten Aufarbeitung sprechen?

Eine echte Aufarbeitung begann erst in der zweiten Hälfte der 70er Jahre. Und auch da eher zögerlich. In den 80er Jahren waren dann die beiden Universitäten Hamburg und Göttingen Vorreiter. Diese Front wurde in den 90er Jahren breiter.

Wie schätzen Sie die Methodik der bisherigen Aufarbeitung an Deutschlands Hochschulen ein?

Es ist die richtige Gewichtung, sich vor allem mit der Opferseite auseinanderzusetzen, schließlich war der Prozess ihrer Vertreibung aus dem Wissenschaftssystem eine flächendeckende Maßnahme. Was die Täter anbelangt, so ist die Suche nach Antworten schwierig, wenn man diese ausschließlich im Bereich der Universitätsgeschichte vermuten würde. Schließlich verfügten die Täter über Ressourcen, die außerhalb der Hochschulen angesiedelt waren. Ein Beispiel dafür ist der Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Konrad Meyer. Im Rahmen seiner Professur an der Universität Berlin hatte er kaum die Möglichkeit, im großen Stil für die Nazis tätig zu werden. Jedoch lieferte ihm dieses Amt die Grundlage für den Einfluss, den er gewann. Als Spartenleiter im Reichsforschungsrat, einem der heutigen Deuteschen Forschungsgemeinschaft ähnlichen Gremium, entschied er über die Vergabe von Forschungsmitteln. Außerdem entwarf er in seiner Funktion als Obersturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt für Heinrich Himmler den so genannten Generalplan Ost. Damit lieferte er außerhalb seiner Alma Mater eine „wissenschaftliche“ Grundlage, wie in den eroberten Gebieten systematisch Ansiedlungen erfolgen sollten.

Kommen wir noch mal zur Aufarbeitung an der Martin-Luther-Universität. Wie schätzen Sie den Stand der bisherigen Aufarbeitung und das neue Projekt ein?

Ich begrüße das Projekt ausdrücklich. Zumal die beteiligten Wissenschaftler eine hervorragende Quelle nutzen können. Dabei handelt es sich um eine Dissertation, die der Historiker Henrik Eberle angefertigt und später publiziert hat. Sie basiert auf umfangreichen Quellen. Dieses Buch ist eine solide Grundlage. Sehr positiv ist aus meiner Sicht, dass sich im Rahmen des Projekts nun mehrere Wissenschaftler direkt mit ihren Amtsvorgängern während der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen. Das Beispiel von Prof. Dr. Heiner Lück, der seit vielen Jahren persönliche Kontakte zu den Nachfahren eines seiner Amtsvorgänger hält, ist sehr zu begrüßen. Der persönliche Bezug macht deutlich, dass die Aufarbeitung nicht als bloße Auftragsarbeit begriffen wird, sondern, dass sich die Professorenschaft von heute tatsächlich für die Aufarbeitung verantwortlich fühlt.

In Halle wurden in den 90er Jahren durch den damaligen Rektor Prof. Dr. Dr. Gunnar Berg während der NS-Zeit aberkannte Doktorentitel zurückgegeben. Wie sieht es mit der Rehabilitierung solchen Unrechts an den deutschen Hochschulen aus?

Das Wort „Rehabilitierung“ bedeutet ja eigentlich volle Wiedergutmachung. Das hätte bedeutet: Alle betroffenen Hochschullehrer dürfen nach Kriegsende auf ihre alten Professuren zurück. Dem war natürlich nicht so, selbst, wenn die Betroffenen den Krieg überlebt haben. Insofern kann man also auch nicht von einer Rehabilitierung im großen Stil sprechen. Das einzige, was tatsächlich systematisch erfolgte, war die Rückgabe entzogener Doktorentitel und Approbationen. Das setzte in den 1990er Jahren ein, insofern gehört die Universität Halle tatsächlich zu den Vorreitern in diesem Bereich.

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