Alles Gefahrgut im Griff

08.11.2013 von Corinna Bertz in Personalia
Immer auf der Hut und deshalb alles gut beim Gefahrgut? Dr. Ingo Paleschke sorgt dafür, dass von der Leuchtstoffröhre bis zur hochgiftigen Chemiekalie alle Abfälle an der Universität sicher und ordnungsgemäß entsorgt werden. Zusammen mit seinem Kollegen, dem Umweltschutzbeauftragten Dr. Burkhard Rensch, wacht er seit 1991 innerhalb der damals neu gegründeten Abteilung mit Argusauge über jegliches Abfall- und Gefahrgut, das im akademischen Lehrbetrieb anfällt.
Dr. Ingo Paleschke über das Abfall- und Gefahrengut an der MLU.
Dr. Ingo Paleschke über das Abfall- und Gefahrengut an der MLU. (Foto: Michael Deutsch)

Eine Botschaft muss unbedingt voran gestellt werden: Seit 22 Jahren, seit die Abteilung Umweltschutz und Gefahrgutentsorgung an der Martin-Luther-Universität existiert, hat es in diesem Bereich keine Unfälle und Brände mehr gegeben. Kein einziges Mal musste die Feuerwehr gerufen werden. „Darauf sind wir auch mächtig stolz“, sagt Gefahrgutbeauftragter Dr. Ingo Paleschke.

Natürlich müssen auch an einer Universität jegliche Abfallstoffe nach geltenden gesetzlichen Vorschriften entsorgt werden. Das kann die eingetrocknete Lackdose vom Hausmeister sein, eine kaputte Leuchtstoffröhre aus dem Rektorat oder - woran man wohl zuerst denkt - eine giftige Chemikalie, die im Labor oder nach einer Experimentalvorlesung bei den Naturwissenschaftlern übrig geblieben ist.

„Generell sind wir Ansprechpartner für alle Institute - auch für die medizinische Fakultät und das Universitätsklinikum“, erzählt der 52-Jährige. Doch Stopp! Natürlich sei man nicht zuständig für die keimbehafteten Krankenhausabfälle. „Wir kümmern uns nur um Chemikalien aus der medizinischen Forschung. Zum Beispiel auch um so manchen giftigen Stoff, wie das Ethidiumbromid“, sagt Paleschke. Bei der recht schwer aussprechbaren Substanz, die sehr häufig anfalle, handele es sich um einen Farbstoff, der in der Molekularbiologie zum Nachweis von Nukleinsäuren verwendet wird.

Egal ob nun Pädagoge oder Chemiker: Hat man an der Uni etwas zu entsorgen, ist das Prozedere denkbar einfach. „Jeder kann sich seinen Entsorgungsantrag direkt von der Hochschulseite aus dem Internet herunterladen“, sagt Paleschke. „Die Abfallstoffe werden von uns entgegengenommen und zwischengelagert.“ Dafür hat die Universität 1993 extra ein Lager für Sonderabfall am Weinberg Campus errichtet, das in diesem Jahr schon 20 Jahre alt wird. Alle vier bis sechs Wochen werden Firmen mit der Abholung und Entsorgung beauftragt. Was heute ökologisch sauber eingespielt ist, war vor Jahren undenkbar.

Früher, selbst noch zu DDR-Zeiten, gab es eine Chemikaliengrube, in der so einiges entsorgt wurde. „Klar, wurde da mal ein Fass nach Leuna zur Entsorgung oder Verbrennung geschafft. Aber der Rest ging in die Kanalisation. So ehrlich muss man das schon sagen“, betont Paleschke, der in Halle Technische Chemie studierte und 1989 promoviert wurde. „Ende 1990 wurde die Stelle des Gefahrgutbeauftragten ausgeschrieben“, sagt der gebürtige Sachse. Er bekam die Zusage und konnte im Sommer 1991 seine Tätigkeit als Gefahrgutbeauftragter der MLU aufnehmen.

3000 Kilogramm Chemie

Natürlich musste er auch Lehrgeld zahlen. „Gerade in der Anfangszeit“, sagt der Gefahrgutbeauftragte und winkt lächelnd ab. „Um Geld zu sparen, hatten wir tatsächlich die Idee, das kleinteilige in ein großteiliges Sammel-System zu überführen.“ Mit anderen Worten: Es sollte nicht jedes kleine Fläschlein zwischengelagert werden. Gesagt getan. Um Einzelverpackungen zu sparen, wurden etwa Lösemittel in einem 1.000 Liter-Tank gesammelt. Das ging gut bis zu jenem Tag, wo es im Behälter zu brodeln anfing.

„Irgendjemand hatte was aufs Etikett geschrieben, was nicht in der Flasche drin war“. Alles verlief glimpflich. Aber die chemische Reaktion, rief eine menschliche hervor. Die zu mehr Vorsicht. „Seitdem verlassen wir uns auf niemanden mehr, der hier was abgibt. Aus Sicherheitsgründen wird jede Chemikalie, egal wie klein die Menge auch ist, bis zur Entsorgung separat aufbewahrt.“

Übrigens: Bei der Durchsicht der zu entsorgenden Chemikalien fallen oft Substanzen an, die noch gebrauchsfähig sind. „Oft sind sie noch originalverpackt und es wäre Unsinn, diese wegzuschmeißen. Deshalb stellen wir diese Stoffe kostenlos mittels einer Chemikalienbörse allen Mitarbeitern der Universität zur Verfügung. Natürlich nur gegen den Nachweis zur Verwendung.“ Seit 1996 wurden so über 3.000 Kilogramm Chemikalien universitätsintern umgesetzt. Ebenso verhält es sich mit Laborglasgeräten.

Das wird aus Überbeständen und Laborauflösungen zur weiteren Verwendung hauptsächlich an Studenten kostenlos abgegeben. Der Vorteil: „Wir sparen Entsorgungskosten - der studentische Börsianer spart sich die Neuanschaffung von Glasgerät.“ Um welche Größenordnungen es da geht, ist eindrucksvoll. Dank der Glasbörse wurde von 2008 bis 2012 rein rechnerisch - aus Entsorgungsersparnis und Neubeschaffungswert - ein fiktiver Umsatz von 141.000 Euro gemacht.

Und plötzlich klingelt das Handy von Dr. Ingo Paleschke. Na, es klingelt eigentlich nicht, sondern meldet sich mit brachialer Rockmusik aus der Hosentasche. Ist das nicht Gefahrgut für seine Ohren? Der 52-Jährige lacht. „Ich liebe Rockmusik, schon immer, früher hörte ich Deep Purple oder Pink Floyd.“ Dank seines Sohnes Maximilian sind heute eher Rammstein, Die Ärzte oder In Extremo angesagt. Wie bitte? „Ja, wir gehen gemeinsam zu Konzerten“, überrascht der Chemiker. Zu alt sei man dafür nie, erst recht nicht heutzutage. „Die Kartenpreise sind so teuer. Die kann sich die Jugend doch gar nicht mehr alleine leisten.“

Michael Deutsch

Zur Chemikalienbörse: http://bit.ly/chembörse

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