Weltbiodiversitätsrat: Der Natur geht es schlecht

08.05.2019 von Tom Leonhardt in Wissenschaft, Forschung
Weltweit sind bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Viele Ökosysteme verkümmern oder sind bereits kollabiert. Schuld daran ist vor allem der Mensch. Das ist die düstere Hauptaussage des ersten Globalen Berichts des Weltbiodiversitätsrats IPBES, der in dieser Woche vorgestellt wurde. Dabei handelt es sich um die aktuellste und umfassendste globale Bestandsaufnahme zur Artenvielfalt und Ökosystemen, an der auch mehrere Forscher der MLU beteiligt waren.
Besonders bedroht von den Folgen der Übernutzung der Natur durch den Menschen und des Klimawandels gelten Korallenriffe.
Besonders bedroht von den Folgen der Übernutzung der Natur durch den Menschen und des Klimawandels gelten Korallenriffe. (Foto: Andrey Armyagov/Shutterstock.com (via IPBES))

Der Mensch hinterlässt überall auf der Erde seine Spuren und verdrängt die Natur dabei immer mehr: Allein die Fläche städtischer Gebiete hat sich seit 1992 verdoppelt. Fast ein Drittel der gesamten Landfläche der Erde nutzt der Mensch heute für die Produktion von Nutzpflanzen und Tieren. Die Verschmutzung der Erde durch Plastik hat sich seit 1980 sogar verzehnfacht. Dass das alles nicht ohne Folgen für Tiere, Pflanzen und ganze Ökosysteme bleiben kann, liegt auf der Hand. Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesen Themen beschränken sich jedoch auf einzelne Regionen. Bislang fehlte es an einer globalen Zusammenschau über das genaue Ausmaß, die Gründe und Folgen für die Ökosysteme, den Menschen und die Welt.

Genau das liefert der erste Globale IPBES-Bericht. „Wir haben es geschafft, in den letzten drei Jahren die aktuellsten Fakten zum weltweiten Zustand unserer Ökosysteme zusammenzutragen, Szenarien ihrer zukünftigen Entwicklung zu beschreiben und Handlungsoptionen aufzuzeigen. Ich glaube, dass wir damit eine sehr gute Wissens- und Entscheidungsbasis für diejenigen geschaffen haben, die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Verantwortung tragen“, sagt der Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Josef Settele. Er leitet am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) die Arbeitsgruppe „Tierökologie und sozial-ökologische Systeme“ und ist zudem Professor für Ökologie an der MLU. Seit 2016 hat er zudem gemeinsam mit Prof. Dr. Sandra Díaz aus Argentinien und Prof. Dr. Eduardo S. Brondízio aus Brasilien die Erarbeitung der ersten globalen Studie zur Artenvielfalt seit 14 Jahren geleitet. An dem Mammutprojekt waren etwa 450 Autorinnen und Autoren aus mehr als 50 Ländern beteiligt. Für einzelne Teil-Projekte bei IPBES engagierten sich zuvor auch mehrere Forscherinnen und Forscher der MLU, etwa die Biologen Prof. Dr. Robert Paxton, Humboldt-Professorin Dr. Tiffany Knight, Prof. Dr. Henrique Pereira, die Geowissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Fürst und der Landschaftsökologie Prof. Dr. Ralf Seppelt, gemeinsamer Professor von UFZ und MLU.

Das internationale Autorenteam hat aus den mehreren hunderttausend verfügbaren wissenschaftlichen und politischen Publikationen systematisch die etwa 15.000 relevantesten ausgewählt, sie bewertet und in einen Zusammenhang gebracht. Erstmals wurde dabei auch in großem Umfang indigenes Wissen und regionales Know-how einbezogen. Der neue Bericht zeichnet ein umfassendes Bild darüber, wie sich die Welt in den vergangenen 50 Jahren gewandelt hat und welchen Einfluss der Mensch darauf hatte. „Dieser Verlust lässt sich direkt auf menschliches Handeln zurückführen und er stellt eine Bedrohung für das menschliche Wohlergehen überall auf der Welt dar“, stellt Settele fest.

Eine Aufgabe des IPBES-Teams war es auch, Handlungsempfehlungen zu entwickeln, um diese negativen Entwicklungen mindestens abzufangen oder gar aufzuhalten. Hierfür seien enorme Anstrengungen und Wandlungen in der Gesellschaft nötig. „Dies umfasst Maßnahmen auf allen gesellschaftlichen Ebenen, vom einzelnen Bürger und Konsumenten über Gemeinden und Regierungen bis hin zur Wirtschaft und internationalen Gremien und Konzernen“, so Settele abschließend.

Weitere Details und Hintergründe zum ersten Globalen Bericht des Weltbiodiversitätsrats gibt es auf www.ipbes.net

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