Vom Strafverteidiger zum Schriftsteller: Ferdinand von Schirach liest an der MLU

06.06.2019 von Katrin Löwe in Varia
Was ist gerecht? Sollte man heute noch Strafverteidiger werden oder sich lieber gleich der Schriftstellerei zuwenden? Wie mühselig ist das Schreiben und warum ist sein neues Buch so anders als die bisherigen? Fragen wie diese hat Bestsellerautor Ferdinand von Schirach am Mittwochabend an der Universität beantwortet. Auf Einladung von Prof. Dr. Henning Rosenau hat er in der Aula des Löwengebäudes aus seinen Werken gelesen.
Ferdinand von Schirach hat in der Aula der MLU gelesen und Fragen beantwortet.
Ferdinand von Schirach hat in der Aula der MLU gelesen und Fragen beantwortet. (Foto: Markus Scholz)

Sein neues Buch heißt „Kaffee und Zigaretten“. Und nein, sagt Bestsellerautor Ferdinand von Schirach gleich zu Beginn, „es ist kein Ernährungsratgeber“. Der ehemalige Strafverteidiger ist in den vergangenen zehn Jahren weltweit bekannt geworden mit seiner Trilogie „Verbrechen“, „Schuld“ und „Strafe“, dem Theaterstück „Terror“ oder auch dem jüngst fürs Kino verfilmten „Der Fall Collini“. Und selbst wenn das neueste Werk kein Ernährungsbuch ist: Anders als die bisherigen ist es sehr wohl.

Von Schirach liest in der voll besetzten Aula – im Publikum viele Jurastudierende – die Geschichte eines unglücklichen Jungen, der kurz vor seinem zehnten Geburtstag in ein Jesuiten-Internat kommt, mit 15 Jahren den Vater verliert und kurz darauf mit einem Selbstmordversuch scheitert, weil er zu betrunken ist. „Die Geschichte ist meine Geschichte“, sagt der Autor später auf Fragen aus dem Publikum. Er spricht von Wahrhaftigkeit, die es braucht, um das Band zwischen Schreibenden und Lesenden nicht zu beschädigen, davon, dass „Kaffee und Zigaretten“ für ihn das „nächste logische Buch“ war. Außerdem, so von Schirach mit Verweis auf seine Trilogie, könne er nicht immer das Gleiche schreiben. „Es ist auch so, dass es sich ein bisschen erschöpft mit der Zeit“, gibt er den potentiellen Strafverteidigern im Saal mit auf den Weg. „Frau bringt Mann um, Mann bringt Frau um, Mann bringt Kinder um, Kinder bringen Eltern um. Irgendwann ist es durch.“

Von Schirach beantwortet viele Fragen an diesem Abend. Er plaudert aus seinem Alltag, darüber, dass es sein schlechter Schlaf war, der ihn überhaupt zum Schreiben gebracht hat. Er erzählt, dass er fast wie ein Beamter arbeite, jeden Tag dreieinhalb bis vier Stunden schreibe – an einer Seite –, dann lese, recherchiere. „Jeder Satz ist bestimmt 30 Mal neu geschrieben worden“, sagt er. Der Mann, dessen Bücher heute millionenfach verkauft werden, spricht auch über sein erstes literarisches Werk, selbst wenn das ein bisschen peinlich sei, wie er zugibt. Es war ein Theaterstück, im Alter von 13 Jahren verfasst, eine Adaption der drei Musketiere. „Aber ich hatte nur zwei Schauspieler.“ Eine Zeitlang habe er für Freunde Liebesbriefe an Mitschülerinnen geschrieben – „bis die angefangen haben, die Briefe zu vergleichen“.

Gast und Gastgeber: Ferdinand von Schirach (li.) und Henning Rosenau
Gast und Gastgeber: Ferdinand von Schirach (li.) und Henning Rosenau
(Foto: Markus Scholz)

Natürlich geht es an diesem Abend auch um die großen Fragen: Fragen von Recht und Gerechtigkeit, die Faszination für Verbrechensgeschichten, gesellschaftliche Reaktionen auf das Theaterstück „Terror“, aktuell-politische Entwicklungen. Zum Ende seines Uni-Besuchs liest von Schirach eine Geschichte aus dem Band „Schuld“. Auf einem Volksfest wird eine 17-Jährige von einer Gruppe maskierter Musiker brutal vergewaltigt. Einer aus der Gruppe ist unschuldig, er ruft die Polizei. Doch weil am Ende alle schweigen und das Opfer den Unschuldigen nicht identifizieren kann, kommen die Männer auf freien Fuß – ein Prozess findet nie statt. Ist das gerecht? „Es ist besser, neun laufen zu lassen als diesen einen Unschuldigen zu Unrecht einzusperren“, sagt von Schirach in der Diskussion. „Das ist unbefriedigend, aber es hat Ihnen auch niemand versprochen, dass das Studium befriedigend sein wird.“

Apropos: Sollen die jungen Menschen, wie sie im Publikum sitzen, noch Strafverteidiger werden oder gleich in die Schriftstellerei gehen? Die Frage stellt kein anderer als Gastgeber Henning Rosenau, Lehrstuhlinhaber für Strafrecht, Strafprozessrecht und Medizinrecht an der MLU. „Literatur trifft Recht“ ist das Motto des Abends – zahlreiche Schriftsteller waren oder sind Juristen, hat Rosenau zum Auftakt der Lesung noch konstatiert. Allein in der deutschen Literatur komme man auf 200 namhafte Personen. Und von Schirach? Bis vor wenigen Wochen hätte er gesagt, er würde nicht mehr Strafverteidiger werden wollen, weil alle großen Fragen des Strafrechts durchgefochten seien, erklärt er. Sagt aber dann: Es lohnt sich doch. Der Mann, der 25 Jahre als Strafverteidiger gearbeitet hat, erzählt die Geschichte eines Harvard-Professors, der von seinen Aufgaben als Dekan eines Wohnheims entbunden wurde, weil er den wegen sexuellen Missbrauchs angeklagten Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein verteidigen wollte. Dagegen müsse man sich stellen. „Der Mann, der einen Mörder verteidigt, ist nicht ein kleiner Mörder, das ist der Verteidiger des Mörders – und auch nicht der Tat, sondern des Menschen“, sagt er.

Im Übrigen, und da wird es pragmatisch statt prinzipiell: Erfolg mit dem Schreiben zu haben, sei etwas Seltenes. „Als Anwalt sind Sie besser gestellt.“

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