Psychologie im Dienst der Stasi

11.03.2020 von Ronja Münch in Wissenschaft, Kontext
Die Staatssicherheit (Stasi) nutzte ganz gezielt psychologische Methoden, um dem System unliebsame Bürger zu diskreditieren und damit „mürbe“ zu machen. In den 1970er Jahren führte die Stasi in ihrer Hochschule in Potsdam-Golm sogar das Fach „Operative Psychologie“ ein. Wie die Psychologie in den Dienst der Stasi geriet und welche Folgen das hatte, erklärt der Psychologe Prof. Dr. Dr. Uwe Wolfradt.
Jürgen Fuchs (rechts) – hier bei einem Treffen mit den Bürgerrechtlern Christian Kunert, Gerulf Pannach und Wolf Biermann (von links) in West-Berlin, war psychologischen Methoden der Stasi ausgesetzt.
Jürgen Fuchs (rechts) – hier bei einem Treffen mit den Bürgerrechtlern Christian Kunert, Gerulf Pannach und Wolf Biermann (von links) in West-Berlin, war psychologischen Methoden der Stasi ausgesetzt. (Foto: Robert-Havemann-Gesellschaft/Johanna Elbauer/RHG_Fo_HAB_17672)

Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im Jahr 1976 war eine Zäsur. Sie sorgte für massive Proteste von Künstlern und Intellektuellen in der DDR. Unter ihnen war auch der Psychologe und Schriftsteller Jürgen Fuchs, der daraufhin verhaftet und neun Monate später abgeschoben wurde. Doch auch im Westen hatte Jürgen Fuchs keine Ruhe vor der Stasi. Er sollte zum Beispiel durch nächtliche Anrufe verunsichert werden; auch wurden Zeitungen geliefert, die er nicht bestellt hatte, nicht beauftragte Taxis und Schlüsseldienste kamen hinzu. Um Systemfeinde zu diskreditieren, nutzte die Staatssicherheit gezielt psychologische Methoden, die ihre Opfer destabilisieren sollten.

Inwieweit die Universitäten dabei eine Rolle spielten, ist jedoch noch nicht abschließend aufgearbeitet. Grundsätzlich kann man sagen, dass die akademische Psychologie in der DDR keinen besonders leichten Stand hatte. Denn sie ist eine Wissenschaft des individuellen Verhaltens und Erlebens von Menschen. Das Individuum stand jedoch in der sozialistischen Gesellschaft nicht im Vordergrund. Die Staatsform konzentrierte sich auf das Kollektiv, auf Gruppen und die Gesellschaft. Um einen der wenigen Studienplätze für Psychologie in Berlin, Leipzig, Jena und Dresden zu erhalten, musste man nicht nur gute Noten haben, sondern auch im Sinne der DDR dem Staat gegenüber loyal sein. Es gab Erwartungen der SED, die an diese Institute auch formuliert wurden, wie man psychologisches Wissen aktiv in die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft einbringen sollte.

Die Psychologie als Wissenschaft kann man gebrauchen oder missbrauchen, wie jede andere Wissenschaft auch. Man kann sie als ein Analyseinstrument zum Nachweis staatlicher Manipulationen gebrauchen, sie hat eine emanzipatorische Bedeutung und kann für Diktaturen gefährlich werden. Denn mit der Psychologie kann man Herrschaftstechniken und Propaganda hinterfragen. Aber ebenso ist das Gegenteil möglich: Die Überlegung, psychologische Methoden für die Staatssicherheit zu nutzen, ist in den 1970er Jahren in der Hochschule der Staatssicherheit in Potsdam-Golm entstanden. So wurde der Begriff „Operative Psychologie“ eingeführt. Das Ziel war, mit psychologische Methoden Erkenntnisse über die Gedanken und Gefühle von „Systemfeinden“ zu erhalten, um diese in irgendeiner Weise zu beeinflussen, zu überwachen oder zu entlarven und „zu zersetzen“. Außerdem wollte man operative Mitarbeiter, die man schon für die Arbeit gewonnen hatte, zu „tschekistischen“ Persönlichkeiten und Kampfkollektiven entwickeln. Psychologische Erkenntnisse wurden auch für die Gewinnung Inoffizieller Mitarbeiter genutzt, beispielsweise zur Einschätzung der Persönlichkeit.

Dazu wurden Studenten der Hochschule Golm zum Psychologiestudium an die Universitäten abgeordnet, zum Beispiel nach Jena. Nach ihrem Studium sollten sie das erworbene psychologische Wissen den Angehörigen der Staatssicherheit vermitteln. Für die Mitstudierenden an den Universitäten war nicht klar, dass es sich um Angehörige der Staatssicherheit handelte. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die Vorstände der Institute Bescheid wussten. Ich glaube aber, den wenigsten Dozenten war damals klar, wie die Psychologie für die Zwecke der Staatssicherheit genutzt wurde.

Die Eigenschaft eines Geheimdienstes ist nun mal, dass er konspirativ arbeitet. Auch heutzutage gibt es eine Nachrichtenpsychologie des Bundesnachrichtendienstes, Polizeipsychologie und so weiter. Wir leben aber heute in einem freiheitlichen Staat mit einem Grundgesetz, mit Persönlichkeitsrechten, die wir einklagen können. Das war in der DDR nicht möglich, deswegen kann man dies nicht vergleichen. Aber es wäre sicherlich sehr einseitig zu sagen, Psychologie sei nur in der DDR negativ genutzt worden.

Man darf die „Operative Psychologie“ auch nicht überbewerten. Wenn man sie mit den Gesamtzahlen der operativen Vorgänge der Staatssicherheit vergleicht, waren diese so genannten Zersetzungsmaßnahmen vergleichsweise selten. Die Fälle sind durch den Film „Das Leben der Anderen“ bekannt geworden, weil es sehr perfide Methoden waren. Man hat damit gerade in der Endphase der DDR versucht, Oppositionsgruppen zu diskreditieren. Da wurden beispielsweise einem Pfarrer Weinflaschen vor die Tür gestellt, um zu suggerieren, er sei Alkoholiker. Oder – ganz perfide – man hat das Gerücht gestreut, eine Person sei Mitarbeiter der Staatssicherheit, damit sich andere von ihr abwenden. Es wurden Gegenstände in Wohnungen verändert, falsche Liebesbriefe an Ehepartner geschickt.

Für Opfer ist es ein großes Problem, diese Vorgänge nachträglich zu belegen. Wenn Akten vernichtet wurden oder nicht auffindbar sind, gibt es dafür kaum Möglichkeiten. Viele leiden aber sehr unter den Folgen, sind traumatisiert. Als Oppositionelle haben sie bereits zu DDR-Zeiten gelitten, auch weil ihnen Lebenswege verschlossen wurden. Nach der Wende hatten sie deswegen schlechtere Startbedingungen, viele müssen zudem die Erfahrungen psychotherapeutisch aufarbeiten. Weil es nicht so viele Fälle gibt, ist diese Gruppe lange zu wenig beachtet worden. Wenn man eine gewisse Zeit im Gefängnis war, bekommt man zumindest eine Opferrente. Das ist bei „Zersetzungsopfern“ fast ausgeschlossen. Seit 2019 gibt es aber immerhin die Möglichkeit, eine einmalige Zahlung zu erhalten, um Betroffenen eine gewisse Wiedergutmachung zu geben.

Am Untergang der DDR 1989 konnte dann auch „Operative Psychologie“ nicht viel ändern. Glücklicherweise, muss man sagen. Man weiß nicht, was geschehen wäre, wenn die Staatssicherheit die heutigen Möglichkeiten der sozialen Medien gehabt hätte oder Gesichtserkennung und Nachrichtenfilter wie heute in China.

 

Der Text stammt aus der Print-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "scientia halensis" und steht in der Rubrik „Kontext“. Darin setzen sich Wissenschaftler der Martin- Luther-Universität mit einem aktuellen Thema aus ihrem Fach auseinander, erklären die Hintergründe und ordnen es in einen größeren Zusammenhang ein.

Uwe Wolfradt
Uwe Wolfradt
(Foto: Markus Scholz)

Prof. Dr. Dr. Uwe Wolfradt ist seit 2009 außerplanmäßiger Professor am Institut für Psychologie der MLU. Er ist Mitglied der Historischen Kommission "Instrumentalisierung der Psychologie in der DDR" der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und der Rektoratskommission der MLU zur Aufarbeitung der Universitätsgeschichte in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

Kontakt:
Prof. Dr. Dr. Uwe Wolfradt
Institut für Psychologie
Tel.: +49 345 55 24356
E-Mail: uwe.wolfradt@psych.uni-halle.de

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