„Mit meiner Ausbildung brauchte ich mich im Westen nicht verstecken“

31.01.2019 von Ines Godazgar in Varia
Hiltrud Werner ist die einzige Frau im Vorstand der Volkswagen AG. Als sie ihr Amt übernahm, steckte Europas größter Autokonzern im Dieselskandal. Seither steht sie im öffentlichen Fokus. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass nur vier der 30 deutschen Dax-Vorstände weiblich sind. Mindestens ebenso ungewöhnlich: Werners Geburtsort und die Wurzeln ihrer Ausbildung liegen im Osten. Sie hat an der MLU studiert. Besuch bei einer Frau, die es nach ganz oben geschafft hat.
Sie ist eine von vier weiblichen Dax-Vorständen in Deutschland: MLU-Alumna Hiltrud Werner.
Sie ist eine von vier weiblichen Dax-Vorständen in Deutschland: MLU-Alumna Hiltrud Werner. (Foto: VW)

Es war kurz nach der Wende, Hiltrud Werner war gerade mit dem Studium fertig und bei Verwandten in Wolfsburg zu Gast. Die niedersächsische Stadt, gelegen im so genannten Zonenrandgebiet, war der erste Ort, den die damals 23-Jährige im Westen besuchte. Aus Interesse nahm sie an einer Führung durch das VW-Werk teil. Eine Tour, die sie tief beeindruckte. „Vor allem die Logistik hat mich fasziniert“, erinnert sie sich. Heute, rund 30 Jahre später, arbeitet sie selbst am Stammsitz des Konzerns. Und seither ist es so, als habe sich für sie „ein Kreis geschlossen, der damals mit der Führung durch das Werk begann“.

Seit knapp zwei Jahren sitzt Hiltrud Werner im Vorstand von VW. Seitdem ist sie ausgerechnet für die schwierigen Bereiche Integrität und Recht verantwortlich. Felder, die sie übernahm, als ihr Arbeitgeber gerade mitten im Dieselskandal steckte und in denen es eine besondere Herausforderung war und ist, das Geschehen aufzuarbeiten und zugleich Vertrauen zurückzugewinnen. Dabei geht es auch darum, die Abläufe im Konzern so zu optimieren, dass Regelverstöße nicht mehr möglich sind. Compliance ist das neudeutsche Wort dafür. „Das ist ein sehr komplexes Thema“, stellt sie klar und ergänzt: „Allerdings bin ich hier nicht nur die Compliance-Tante, ich verstehe auch etwas vom gesamten Prozess.“

Hiltrud Werner kennt die Automobilbranche von Grund auf. Sie hat für MAN und BMW gearbeitet. Begonnen hat sie 1991 als Projektmanagerin bei einem Beratungsunternehmen für Informationstechnologie in München. Zuvor hatte sie sich im gesamten Bundesgebiet auf drei Stellen beworben und drei Zusagen erhalten. Für München entschied sie sich deshalb, weil ihr Bruder zu jener Zeit dort lebte und weil sie „ein Familienmensch“ ist. Damals war sie bereits Mutter eines knapp zwei Jahre alten Sohnes. Schon aus diesem Grund sei sie eine Ausnahme im Kreis ihrer Kollegen gewesen. „Ich war die einzige Frau, die Vollzeit gearbeitet hat.“

1996 wechselte sie zu BMW. Wenig später bekam sie ein weiteres Kind, diesmal eine Tochter. Von Anfang an musste sie viel reisen, was sie noch heute als glücklichen Umstand empfindet. Oft waren es dienstliche Touren, zum Beispiel nach Madrid, bei denen sie all die Metropolen zum ers-ten Mal sah, die für sie zu DDR-Zeiten auch mental so fern waren. „Ich bin jeden Tag dankbar für die Möglichkeiten, die ich bekommen habe“, sagt sie.

2003 zog sie für viereinhalb Jahre nach Großbritannien und übernahm dort die Leitung der BMW-Revisionsabteilung für Großbritannien und Irland, wo sie neben den BMW-Standorten für die Marken Rolls-Royce und MINI weltweit verantwortlich war. Mit dabei: ihre beiden Kinder. „Es gab Zeiten, da ist ein großer Teil unseres Einkommens für Kinderbetreuung draufgegangen. Oft musste man flexibel reagieren, zum Beispiel dann, wenn die Nanny plötzlich ausfiel.“ Eine Kompetenz, die im Übrigen für einen leitenden Job in der Wirtschaft durchaus hilfreich sein kann. Nicht nur deshalb engagiert sich Werner heute für berufstätige Geschlechtsgenossinnen. „Bis heute durchleben viele Frauen einen Karriereknick. Und ich glaube, dass das auch noch eine Weile so bleiben wird“, sagt sie.

Hiltrud Werner ist bei VW für die Bereiche Integrität und Recht verantwortlich.
Hiltrud Werner ist bei VW für die Bereiche Integrität und Recht verantwortlich.
(Foto: VW)

Möglichkeiten, die sich ihr boten, hat Hiltrud Werner jedenfalls immer genutzt. Mit mentaler Stärke und Durchsetzungsvermögen. Hiltrud, der altdeutsche Name steht für Kampf, Streit und Durchsetzung. Er ist bei ihr immer auch Programm gewesen, sagt sie. „Er passt zu mir.“ Und er ist doch auch untypisch für die Generation, in der sie aufwuchs. Er klingt, als sei die Trägerin in einem Pfarrhaushalt aufgewachsen. Und tatsächlich stammt sie aus einem christlich geprägten Elternhaus. Der Vater war als Diakon in den Neinstedter Anstalten im Harz tätig.

Werners beruflicher Weg verlief anfangs durchaus kurvenreich. Begonnen hat sie 1982 mit einer Lehre zur Facharbeiterin für Textiltechnik in Mühlhausen. Danach wollte sie eigentlich Berufsschullehrerin werden. Ein örtlicher Betrieb, der VEB Thüringer Obertrikotagen Apolda, delegierte sie zum Studium. Doch sie entschied sich anders.

Kurz zuvor war sie an der Martin-Luther-Universität auf den Studiengang Mathematische Methoden und Datenverarbeitung in der Wirtschaft (MDW) gestoßen. Heute heißt dieses Fach Wirtschaftsinformatik. Damals war eine solche Ausbildung eine Seltenheit in der DDR. Lediglich zwei Seminargruppen gab es pro Jahr. Eine in Berlin, eine in Halle. Werner bewarb sich und kam 1985 in die Saalestadt. „Das war eine sehr schöne Zeit“, sagt sie heute über die Jahre, in denen sie sich im Plattenbau-Wohnheim in Halle-Neustadt, das damals noch statt eines Straßennamens die Blocknummer 499 trug, ein Zimmer mit drei weiteren jungen Frauen teilte.

Aufgrund ihrer überdurchschnittlichen Begabung besuchte Hiltrud Werner schon bald die Lehrveranstaltungen höherer Fachsemester und ging für ein Jahr zum Studium an die Universität in der zentralrussischen Metropole Woronesch, wo sie nach eigenen Aussagen „tief in die russische Seele blickte“. Aber sie kam auch in ein Land, das ganz im Gegenteil zu dem, was sie aus der DDR kannte, bereits tief im politischen Umbruch war und wo man unter dem allgegenwärtigen Einfluss der Politik Michael Gorbatschows offen diskutieren durfte. „Von der Kraft dieser Bewegung profitiere ich noch heute“, sagt sie.

Kurz bevor die Wende die DDR hinwegfegte, beendete Hiltrud Werner ihr Studium an der Martin-Luther-Universität. Sie strebte eine Doktorarbeit an, und so bewarb sie sich an der MLU um ein Promotionsstipendium. Weil sie nicht in der Partei war, wurde es zunächst abgelehnt, dann doch bewilligt. Und so forschte sie am Institut für Informatik über Objektorientierte Softwareentwicklung. Einmal, kurz vor dem Mauerfall, fuhr sie nach Ungarn, um ihren Bruder zu besuchen, der dort - wie viele andere junge Menschen - ausharrte, geflohen vor den bleiernen Zuständen in der untergehenden DDR. „Als ich zurückkam, war mein Informatik-Professor total erstaunt. Er hatte einfach nicht damit gerechnet“, erinnert sich Hiltrud Werner.

Wenig später verließ sie Halle trotzdem. Nicht weniger als existenzielle Gründe waren dafür ausschlaggebend: Ihr Ex-Mann, der in Ilmenau studiert hatte, gehörte zur ersten Welle junger Menschen, die trotz Ausbildung ihren Job verloren, als die Treuhand seinen Betrieb abwickelte. Deshalb zog die Familie 1991 von Thüringen nach Bayern. „Dort habe ich schnell gemerkt, dass ich in Halle eine gute Ausbildung genossen hatte“, sagt Hiltrud Werner. „Ich konnte mich auf mein Wissen immer verlassen. Gerade im Fach Informatik hatte ich solide Grundlagen, mit denen ich mich im Westen nicht verstecken brauchte.“

Das sei übrigens auch später so gewesen. Letztlich gehe es irgendwie immer um ähnliche Grundkompetenzen. Fundierte theoretische Kenntnisse, permanentes Aktualisieren dieses Wissens, Erfahrungen und Gelassenheit im Umgang mit Unwägbarkeiten und Unsicherheiten sowie die eigene Persönlichkeit spielen dabei eine große Rolle. Das sei auch noch heute so, wo sie im obersten Stockwerk des neu gebauten backsteinfarbenen Verwaltungsgebäudes im Wolfsburger VW-Werk sitzt. Die Vorstandsetage, von der aus der Blick aus dem Fenster - wie sollte es anders sein - auf Autos fällt.

Apropos Autos: Die haben es Hiltrud Werner schon seit Kindertagen angetan. Aufgewachsen mit zwei älteren Brüdern lernte sie schon als kleines Mädchen, wie man die Zylinderkopfdichtung am Trabi repariert. Als Jugendliche lernte sie Motorradfahren. Und sogar einen Lkw-Führerschein nennt sie ihr Eigen. Erworben übrigens bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST). Das Auto zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Auch aus diesem Grund meint sie: „Die Automobilbranche ist für mich der richtige Platz.“

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Kommentare

  • Meller-Hannich am 01.02.2019 10:21

    ...nicht zu! verstecken...