„In meinem Leben ist eigentlich die gesamte deutsche Geschichte“

14.10.2020 von Ronja Münch in Personalia
Der Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Wolfgang Lassmann hat mit der Ausgründung einer Software-Firma zusammen mit seinen Studierenden aus der Uni Halle großen Erfolg gehabt. Früh erkannte er die Relevanz von Computertechnologie und Künstlicher Intelligenz und arbeitete schließlich eng mit einem Nobelpreisträger zusammen. Heute unterstützt der emeritierte Professor mit einer Stiftung und Deutschlandstipendien junge Menschen an der MLU.
Der Universität ist Wolfgang Lassmann bis heute verbunden.
Der Universität ist Wolfgang Lassmann bis heute verbunden. (Foto: Maike Glöckner)

Auf das, was er in seinem Leben erreicht hat, ist Prof. Dr. Wolfgang Lassmann sichtlich stolz. Das Haus des 82-jährigen Unternehmers und emeritierten Wirtschaftsinformatikprofessors im Stadtteil Grünau in Leipzig ist fast ein kleines Museum seiner Geschichte. Überall hängen Fotos von Lassmann mit wichtigen Persönlichkeiten, denen er in seinem Leben begegnet ist. Der Politiker Hans-Dietrich Genscher, Leonid Witalyewitsch Kantorowitsch, Träger des Wirtschaftsnobelpreises, und die Tennislegende Steffi Graf gehören dazu ebenso wie seine eigene Familie – sein Treppenhaus gleicht einer kleinen Ahnengalerie. Von den Vorfahren bis zu den Enkeln haben alle ihren Platz.

Das alles zeigt Lassmann gerne, läuft während des Gesprächs mehrmals die Treppe hoch ins Obergeschoss, um weitere Bilder und Zeitungsartikel zu holen. Wie 82 wirkt er dabei kaum. Bis heute ist der Wissenschaftler aktiver Tennisspieler. „Es war mir immer wichtig, nicht nur den Geist, sondern auch den Körper zu trainieren“, sagt er. Seinen Keller hat er mit Tischtennisraum und „Folterkammer“ ausgestattet. Dafür, dass Lassmann heute wohlhabend ist, wirkt sein 1995 gebautes Haus dennoch recht bescheiden.

Sein Erfolg ist für Lassmann nicht selbstverständlich, denn besonders gut waren die Voraussetzungen dafür nicht – ein ganz wesentlicher Grund, warum er es heute als Herzensangelegenheit bezeichnet, Studierende und junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der MLU finanziell zu unterstützen. Seine Eltern verlor er im zweiten Weltkrieg, er wuchs zunächst bei seinem Großvater in der Lausitz auf. „Du bist das ärmste Kind von Schwarzheide“, habe der ihm damals gesagt. „Nur, wenn du etwas mehr lernst, als der Lehrer fordert, wirst du einmal Geld haben.“ Bald starb auch sein Großvater und Lassmann wurde von der evangelischen Kirche aufgefangen. Dort habe er viel Unterstützung bekommen, erzählt er, konnte in der Latina der Franckeschen Stiftungen in Halle sein Abitur machen. „Ich bin nicht streng religiös, aber ich empfinde der Kirche gegenüber eine große Dankbarkeit“, sagt Lassmann heute. Dank der guten Schulbildung konnte er schließlich in Leipzig Ingenieurwissenschaften studieren.

Der Weg nach Halle

Noch während seiner Zeit in Leipzig lernte er – zunächst in der Theorie – den Mann kennen, der sein Leben über Jahre beeinflussen sollte: den russischen Wissenschaftler Leonid Kantorowitsch. Als studentischer Mitarbeiter konnte er mit einem der ersten Rechner die sogenannte „Schattenpreistheorie“ des Mathematikers experimentell überprüfen. Kantorowitsch wendete mathematische Modelle auf ökonomische Fragestellungen an und begründete damit die sogenannte lineare Optimierung für Transportplanung. Aus Faszination für das Thema schloss Lassmann ein Studium für angewandte Mathematik und Rechentechnik an das Ingenieurstudium an und arbeitete nebenbei im Leipziger Industrie-Rechenzentrum. Im Rahmen seiner Promotion kam Lassmann dann 1967 an die Uni Halle, wo er anschließend als Oberassistent angestellt wurde und 1969 unter der Leitung von Prof. Dr. Hans-Georg Lauenroth den ersten Studiengang „Ökonomische Kybernetik“, später in Wirtschaftsinformatik umbenannt, im deutschsprachigen Raum einführte.

Reibungslos sei seine Karriere jedoch nicht verlaufen, so Lassmann. „Als Universitätsmitarbeiter verlangte man von mir, aus der Kirche aus- und in die Partei einzutreten. Das wollte ich beides nicht.“ Doch der Druck sei schließlich so groß geworden, dass sein Pfarrer ihm pro forma eine Austrittsurkunde ausstellte. Seine Söhne habe er später heimlich in seiner Datsche am Elster-Saale-Kanal taufen lassen. In die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) sei er dann auch eingetreten – und zwei Stunden später wieder aus. „Das war wahrscheinlich die kürzeste Parteimitgliedschaft aller Zeiten“, sagt er. Danach habe er allerdings keine politische Unterstützung mehr gehabt.

Das erschwerte ihm auch, Kantorowitsch von seinen Erfolgen mit dessen mathematischen Algorithmen zu berichten. „Ich wollte zu ihm nach Moskau, um ihm diese Ergebnisse mitzuteilen“, erzählt Lassmann. „Aber ich durfte nicht.“ Doch wieder schaffte er es, sich am System vorbei zu mogeln: Er meldete sich 1971 für eine Kulturreise nach Moskau an und traf den russischen Mathematiker inoffiziell an der Lomonossov-Universität. „Kantorowitsch war an unseren Forschungsergebnissen interessiert und ich habe dann auch mit ihm zusammengearbeitet! Das Ergebnis davon war schließlich meine Promotion B, vergleichbar mit der heutigen Habilitation“, sagt Lassmann. Auch heute noch strahlt sein Gesicht, wenn er von seiner gemeinsamen Geschichte mit dem russischen Wissenschaftler erzählt. 1975 erhielt Kantorowitsch dann den Wirtschaftsnobelpreis. „Ich weiß noch, wie ich damals in der Nähe von Schkeuditz mit meinem Trabi unterwegs war und diese Sensationsmeldung im Radio gehört habe“, so Lassmann.

Besuch aus Moskau

Für eine Konferenz habe er den Mathematiker wenig später nach Halle eingeladen. „Ich habe aber nicht damit gerechnet, dass er kommt und habe einen Schreck gekriegt, als ein Telegramm mit seiner Zusage kam.“ Die Geschichte ist ihm noch so lebhaft in Erinnerung, dass er beim Erzählen bis zu Details wie der Uhrzeit vordringt. Denn an dieser Stelle wurde die Sache zum Politikum. Das Zentralkomitee der SED wurde involviert, Kantorowitsch – als Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und Nobelpreisträger – sollte am Berliner Flughafen mit Staatsaufgebot empfangen werden. Doch der Mathematiker saß nicht in der Maschine um 9 Uhr, in der er sitzen sollte. „Was ich da erlebt habe, zwei Stunden lang, das kann man sich nur vorstellen, wenn man weiß, wie die Stasi arbeitet.“ Man habe ihm vorgeworfen, er habe das alles inszeniert, um die Parteiführung zu blamieren, und ihm mit dem sofortigen Ende seiner Karriere gedroht. Die Geschichte nahm dann jedoch ein glückliches Ende, Kantorowitsch kam mit der nächsten Maschine. Und für die Schweißtropfen, die Lassmann in diesen Momenten vergoss, wurde er später entschädigt. Er machte seine Zusammenarbeit mit dem Nobelpreisträger öffentlich, bekam für seine wissenschaftlichen Leistungen den Forschungspreis der Universität Halle, habilitierte sich und wurde 1984 schließlich zum Professor berufen. An der Uni wurde er nach der Wende Dekan der Juristischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und 2000 schließlich Prorektor für Informationstechnologien und universitäre Kommunikationssysteme.

„All das hätte ich ohne das akademische Umfeld an der Universität, die Kollegen, Mitarbeiter und Studenten, nicht erreichen können“, so Lassmann. Er habe sehr oft Glück gehabt. Schon als Kind, weil er die Bombenangriffe auf sein Dorf überlebte, später, weil er eine gute Ausbildung erhielt und schließlich Kantorowitsch kennenlernte. Aber auch, weil die Staatssicherheit der DDR ihn zwar überwachte, er aber einer Verhaftung entging und trotzdem als Wissenschaftler Karriere machen konnte. „In meinem Leben ist eigentlich die gesamte deutsche Geschichte drin“, sagt Lassmann. Die Wendezeit habe ihn beinahe die Position an der Universität gekostet. Zum einen habe man ihn der Stasi-Mitarbeit verdächtigt, bis seine Akte gefunden wurde. Zum anderen hielt man ihn für nicht geeignet für eine Universität. „Mir wurde gesagt, ich gehöre an eine Fachhochschule, weil ich viel zu viel in der Praxis arbeite“, erzählt er. Und empört sich darüber, zumal die USA damals längst erkannt hätten, wie wichtig es sei, Wissenschaft und Praxis zu verknüpfen. Was dann auch Lassmann tat, als er 1999 die Software-Firma itCampus – heute IT Sonix – aus der Universität ausgründete und damit auch finanziell Erfolg hatte.

Die Firma führen mittlerweile seine beiden Söhne. Doch sich voll dem Ruhestand zu widmen, ist für Lassmann bis heute keine Option. Als er vom Land Sachsen-Anhalt 2003 gegen seinen Willen in den Ruhestand geschickt wurde, arbeitete er zunächst 11 Jahre in der Schweiz weiter. Und auch jetzt ist er noch regelmäßig bei IT Sonix anzutreffen. Ein Lebenswandel, den er mit seiner Frau teilt: Diese ist mit 71 immer noch regelmäßig in ihrer ehemaligen Arztpraxis tätig.

Und auch der Uni hat Lassmann nie gänzlich den Rücken gekehrt. 2010 gründete er mit einem Startkapital von 100.000 Euro die Wolfgang-Lassmann-Stiftung, über die jährlich die Kantorowitsch-Forschungspreise für die beste Dissertation und Masterarbeit im Wirtschaftswissenschaftlichen Bereich vergeben werden. Seine Firma unterstützt über ein Deutschlandstipendium und Werkstudentenverträge den studentischen Nachwuchs, ein weiteres Deutschlandstipendium vergibt Lassmann privat. „Man muss sich um die Jugendlichen kümmern, die geistig fit, aber ökonomisch schwach sind“, sagt er. So wie man sich auch um ihn gekümmert und ihm so seinen heutigen Erfolg ermöglicht hat.

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