„Ich kann hier viel offener sein“

16.01.2020 von Ronja Münch in Personalia, Campus
Ihre Anstellung ist ein Erfolg für sie selbst und ein Novum für die Universität: Seit September arbeitet Melanie Schlag an der MLU. Sie hat Trisomie 21. Für Menschen mit Downsyndrom gibt es nach wie vor viele Barrieren auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Das neue Bundesteilhabegesetz machte die Beschäftigung der 22-Jährigen möglich, in den Details sind jedoch noch viele Fragen offen.
Melanie Schlag übt mit Pascal Kurz ein Interview für ein Forschungsprojekt.
Melanie Schlag übt mit Pascal Kurz ein Interview für ein Forschungsprojekt. (Foto: Maike Glöckner)

Ungewohnte Klänge dringen aus dem Büro in der Hochschullernwerkstatt der Erziehungswissenschaften. „Du hast mich tausendmal belogen ...“ die Musik von Andrea Berg schallt aus den Boxen auf Melanie Schlags Schreibtisch. Eben waren noch Excel-Tabellen mit Ausleihlisten geöffnet, doch jetzt ist Frühstückspause. „Seit die Melli hier ist, ist Schlager ein wichtiger Bestandteil der Lernwerkstatt geworden“, sagt Pascal Kurz und lacht. Er arbeitet hier als studentischer Mitarbeiter. Als eine Fotografin ein Bild von Melanie Schlag machen möchte, schnappt diese sich stattdessen Pascal Kurz für ein spontanes Duett. Ihrer Leidenschaft für Schlager kann sich hier keiner entziehen. Schlager-Playbackpartys gehören mittlerweile zu jeder Veranstaltung der Lernwerkstatt dazu und Melanie Schlag steht selbstverständlich auf der Bühne.

Den Kolleginnen und Kollegen den deutschen Schlager näher zu bringen, ist freilich nur ein Nebeneffekt. Seit September ist Melanie Schlag an der Universität Halle angestellt. Dass die 22-Jährige nun an der Uni arbeitet, war nur möglich, weil sich viele für sie eingesetzt haben. Mit Trisomie 21 gilt sie offiziell als nicht erwerbsfähig. Finanziert wird ihre Stelle daher größtenteils über das „Budget für Arbeit“, also aus Bundesmitteln, welche die Teilnahme am ersten Arbeitsmarkt fördern. Die Uni Halle übernimmt damit eine Vorreiterrolle, sie ist die erste Hochschule des Landes, die die Gelder nutzt. In Sachsen-Anhalt sind bisher nur 39 Menschen über das Budget für Arbeit angestellt. Für Menschen wie Melanie Schlag bleibt in Deutschland oft nichts anderes als Werkstätten für behinderte Menschen – dort arbeiten in Sachsen-Anhalt rund 11.000 Beschäftigte, für die das Budget theoretisch in Frage käme.

Viel mehr Möglichkeiten

Auch an der Universität arbeitet Melanie Schlag zwar größtenteils in einer Werkstatt, aber in einer ganz anderen. Die Lernwerkstatt der Erziehungswissenschaften bietet Studierenden und allen anderen Interessierten die Möglichkeit, Methoden auszuprobieren oder kreative Projekte umzusetzen. Dafür stehen verschiedenste Materialien und Literatur bereit. Von Montag bis Donnerstag öffnet Melanie Schlag die Lernwerkstatt. Sie kümmert sich um die Inventarisierung, um Ausleihen und Rückgaben, nimmt Telefonate an, beantwortet E-Mails. Sie nimmt an Seminaren der Lernwerkstatt teil und arbeitet in einem kleinen Forschungsprojekt mit zwei studentischen Mitarbeiterinnen zusammen. „Die Idee ist, dass Melanie immer mehr selbständig macht“, sagt Kathrin Kramer, Leiterin der Lernwerkstatt. Als Backup gibt es eine Arbeitsassistenz, dafür ist eine weitere studentische Mitarbeiterin eingestellt worden.

„Ich kann hier viel offener sein und einfach meine Arbeit machen. Ich kann auch mal was Neues ausprobieren. Ich habe hier viel mehr Möglichkeiten“, sagt Melanie Schlag. Ihr Highlight sei, dass sie in Seminaren frei ihre Ideen einbringen könne. „Es ist auch meine Leidenschaft drin, der deutsche Schlager und das Thema Klima.“ Auf dem Weg zur Uni habe sie schon wieder Müll auf der Straße liegen sehen. „Das fand ich nicht so toll.“

Wohl noch wichtiger sind ihr aber die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Es macht mir Spaß, mit netten Kollegen zusammenzuarbeiten, die auch Witze machen“, sagt sie. „Pascal, die anderen Kollegen, Kathrin – ich habe hier auch Freundinnen gefunden und zum Beispiel eine Mensa-Gruppe.“

Melanie Schlag und Kathrin Kramer kennen sich seit drei Jahren, damals hat Kramer in der Hochschullernwerkstatt angefangen. Melanie Schlag ist allerdings schon länger regelmäßig an der Uni. Während der Berufsschulstufe der Integrativen Saaleschule machte sie Praktika im Zentrum für Lehrerbildung und in der Lernwerkstatt. Ihr Berufswunsch: Sekretärin. Doch nach dem Schulende ging es für sie zunächst in eine Werkstatt für behinderte Menschen. Nur noch einmal in der Woche war sie an der Uni. Glücklich war sie damit nicht. Das machte sie in Gesprächen mit einer Vertreterin der Werkstatt, ihrer Mutter und Kathrin Kramer deutlich. „Wir waren froh, dass Melli das so klar kommuniziert hat“, sagt Kramer. Viele Gespräche mit Familie, Freunden und Uniangehörigen aus verschiedenen Abteilungen folgten. Melanie Schlag verließ die Werkstatt für behinderte Menschen, wurde Gasthörerin an der Uni und machte weiterhin Praktika. Insbesondere ein damaliger Professor und eine weitere Mitarbeiterin vom Institut für Rehabilitationspädagogik setzten sich jedoch für eine dauerhafte Lösung ein. „Wir wollten eine langfristige Alternative und dass sie für ihre Arbeit auch entlohnt wird“, so Kramer.

"Eine Bereicherung für beide Seiten"

Doch die Steine auf dem Weg zur Anstellung waren und sind zahlreich. „Eine neue Stelle zu schaffen ist nicht so einfach“, so Kramer. Erst durch ein Treffen mit dem Örtlichen Teilhabemanagement der Stadt Halle wurde sie auf das sogenannte „Budget für Arbeit“ aufmerksam. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Lehrstuhl für Arbeitsrecht, der Personalabteilung der Uni sowie der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) wurden hinzugezogen und trieben die Idee weiter voran. Mit dem 2016 beschlossenen Bundesteilhabegesetzes soll die Teilhabe an Arbeit für jene Menschen verbessert werden, denen der Arbeitsmarkt aufgrund ihrer Behinderung kaum Chancen gibt. In diesem Jahr tritt es voll in Kraft. Das „Budget für Arbeit“ ist eines der Instrumente, mit dem der Bund bereits seit 2018 entsprechende Arbeitsplätze fördert. Es gibt einen Lohnkostenzuschuss von 75 Prozent für den Arbeitgeber und Gelder für eine Arbeitsassistenz.

25 Prozent trägt die Uni selbst bei. Diese Finanzierung gelang kurzfristig durch eine neuberufene Professorin. „Ich unterstütze das als Inklusionspädagogin natürlich sehr“, sagt Prof. Dr. Tanja Sturm, seit September Professorin für Inklusive Bildung. Deswegen hat sie in ihre Berufungsverhandlung Melanie Schlags Stelle aufgenommen. Perspektivisch möchte Sturm sie auch in ihre Lehrveranstaltungen einbeziehen, dort kann sie beispielweise über ihre Schulzeit im inklusiven Kontext berichten. Erfahrungen, die kaum Studierende mitbringen. Bei einer Fachtagung zum Thema Inklusion im kommenden Jahr wird Melanie Schlag bei Anmeldung, Garderobe und Postergestaltung mitmachen. „Ich finde, das ist eine Bereicherung für beide Seiten“, sagt Sturm. „Für Melanie Schlag ist das eine tolle Möglichkeit und ihre fröhliche Art bricht den Arbeitsalltag in der Uni für uns auf. Sie kennt hier jeden“, erzählt die Professorin.

Jeden Montag ist Melanie Schlag außerdem in der Zweigbibliothek der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA). Dort kann sie verschiedene Arbeitsfelder ausprobieren. Sie kümmert sich beispielsweise um das Abgleichen von Verleihlisten, sucht Bücher für Fernleihen raus und übernimmt die Ausleihe und Rückgabe.

Es sind jedoch noch längst nicht alle Hürden überwunden. Zum einen ist die Anstellung von Melanie Schlag zunächst auf zwei Jahre befristet. Zum anderen stellt das „Budget für Arbeit“ zwar Gelder für die Lohnkosten und die Arbeitsassistenz zur Verfügung, aber nicht für den Arbeitsplatz. Die Mittel dafür wurden beim Integrationsamt des Landes beantragt. Damit der Platz auch auf Melanie Schlags spezielle Bedürfnisse abgestimmt ist, ist zudem ein Sehtest nötig – und ein weiterer Antrag, um die Gelder dafür zu erhalten. Die Lernwerkstatt schuf zunächst mit alten Geräten eine Übergangslösung.  „Die Unistrukturen sind so schon nicht einfach, aber in Kombination mit diesem Pilotprojekt noch komplizierter“, sagt Kathrin Kramer. Oft ist zunächst nicht klar, wer etwas unterschreiben muss, wer was koordiniert und wer wofür zuständig ist. „Wir hoffen, den Weg zu ebnen für zukünftige Angestellte, die die klassische Arbeitsstruktur bisher ausgrenzt. Die nächsten haben es dann hoffentlich einfacher.“ Denn trotz all der Schwierigkeiten – dass Melanie Schlag überhaupt eine Beschäftigung nach Tarifvertrag bekam, ist alles andere als selbstverständlich. Für Menschen ohne Berufsausbildung, die noch dazu als nicht erwerbsfähig eingestuft sind, wäre normalerweise keine Anstellung möglich. „Das ist ein großer Erfolg, dass wir das geschafft haben“, sagt Dr. Monika Lücke, Schwerbehindertenvertretung der Uni.

Für Melanie Schlag jedenfalls ist die Uni der richtige Weg. „Ich fahre mit strahlendem Lächeln nach Hause“, sagt sie. „Das ist ein wahnsinnig gutes und intensives Gefühl.“ Ihr Wunsch für die Zukunft? „Dass ich weiterhin hier arbeiten kann. Ja, das ist meine Zukunft und mein Ziel.“

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