Gerettete Moderne

23.07.2019 von Laura Krauel in Varia, Schlussstück
Ob Architekten, Bildhauer oder Maler: Viele Künstler haben Halle in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachhaltig verändert. Dass es Kunst der Moderne auch an der Universität zu entdecken gibt, beweist das Musikzimmer – zu finden im zweiten Obergeschoss der Burse zur Tulpe am Universitätsplatz.
Charles Crodels Wandmalereien im Musikzimmer der Burse zur Tulpe – und eine historische Aufnahme auf dem Laptop.
Charles Crodels Wandmalereien im Musikzimmer der Burse zur Tulpe – und eine historische Aufnahme auf dem Laptop. (Foto: Maike Glöckner, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass Hans Finsler)

Die oberen Stockwerke des Gebäudes werden heute vor allem für die universitäre Verwaltung genutzt. „Ursprünglich war die Burse aber ein Haus, in dem Studenten lebten“, sagt Dr. Ralf-Torsten Speler, ehemaliger Kustos und Archivleiter der Universität. 1929/30 wurde es modern umgebaut. „Darin gab es auch Räume, in denen man sich treffen konnte – zum Beispiel einen Speisesaal, einen Lesesaal und eben auch ein Musikzimmer.“

Alte Aufnahmen zeigen, dass in dem Raum auch einmal ein Flügel stand. Ein Blickfang sind aber vor allem die Wände: An einer Seite versammeln sich Tauben und Hühner neben einem Ameisenbären, einer Hyäne und vielen weiteren Tieren um Orpheus, eine Gestalt der griechischen Mythologie. Diese spielt, unter einem Baum sitzend, auf einem Instrument. Lässt man den Blick weiter schweifen, sieht man ein Paar mit einem kleinen Kind, darüber den Liebesgott Amor. Unter alltägliche Szenen, die Menschen beim Ackerbau oder Fischfang zeigen, mischen sich Motive wie ein verwundeter Krieger.

„Improvisationen über Leben und Tod“ – so heißt das Bild, das sich über alle Wandflächen des Zimmers erstreckt. Angefertigt hat es der Künstler Charles Crodel mit der sogenannten Secco-Technik, bei der die Motive auf trockenen Putz gemalt werden. Crodel (1894-1973) lehrte zeitweise Malerei und Grafik an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.

Dass die Malereien noch erhalten sind, ist nicht selbstverständlich: Wie andere Kunstwerke sollten sie zur Zeit des Nationalsozialismus zerstört werden und wurden mit einer weißen Kreideschicht überdeckt. Jahrzehnte später war das Musikzimmer Büro der SED-Hochschulparteileitung. Aufgrund von Raumnot wurden zusätzliche Wände eingezogen, deren Spuren im Wandbild noch heute deutlich zu erkennen sind. Nach dem Ende der DDR sind die Wände wieder entfernt worden – ebenso wie die Kreideschicht über Crodels Werk. Dafür eingesetzt hatte sich Kustos Speler, der 1993 als Denkmalschutzbeauftragter für die Freilegung des Bildes verantwortlich war: „Wir können stolz darauf sein, das Musikzimmer wieder nahezu in seinen früheren Zustand gebracht zu haben.“

Musiziert wurde in dem Raum im Übrigen nur am Anfang seiner Geschichte. Heute ist das Musikzimmer ein Lehrraum – sein Name ist ihm aber geblieben.

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