„Es geht darum, für kommende Pandemien besser gerüstet zu sein“

29.04.2020 von Ronja Münch in Wissenschaft, Forschung, Wissenstransfer
Prof. Dr. Andrea Sinz ist Expertin für Massenspektrometrie. Um ihren Beitrag im Kampf gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 zu leisten, arbeitet die Pharmazeutin an einer neuen Diagnosemethode, die Virusproteine im Speichel von Erkrankten erkennen kann. In einem europaweiten Netzwerk versuchen sie und ihre Kollegen zudem, die Krankheit besser zu verstehen.
Andrea Sinz erforscht, wie mit Massenspektrometern Covid-19 diagnostiziert werden kann.
Andrea Sinz erforscht, wie mit Massenspektrometern Covid-19 diagnostiziert werden kann. (Foto: Maike Glöckner)

Als Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Massenspektrometrie ist Andrea Sinz weltweit sehr gut vernetzt. Dadurch hat sie Kontakt zu Kollegen in Ländern, in denen die Corona-Pandemie weitaus drastischer verläuft als in Deutschland, etwa in Italien, Spanien oder Großbritannien. „Für meine Kollegen war es sehr wichtig, dass wir uns jetzt einbringen“, sagt sie. Deswegen haben die Wissenschaftler ein europaweites Netzwerk gegründet, die „Covid-19 MS Coalition“. Mithilfe von massenspektrometrischen Methoden will der Forschungsverbund die von dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 ausgelöste Krankheit besser verstehen und neue Diagnosemöglichkeiten entwickeln. „Wir haben jetzt eine Internetplattform, auf der wir Protokolle für verschiedene Methoden teilen“, so Sinz. Schon kleine Tricks könnten manchmal helfen, damit etwas funktioniert. „Es geht darum, dass man sich verbündet und so gemeinsam Lösungen findet, um gegen die Pandemie vorzugehen."

Mitarbeiter aus Sinz‘ Arbeitsgruppe probieren derzeit aus, ob sie Virusproteine in einer Lösung nachweisen können, mit der an Covid-19 Erkrankte gegurgelt haben. „Die Proteine vom Virus unterscheiden sich von menschlichen Proteinen“, erklärt Sinz. Die Proben, die sie von Dr. Astrid Kehlen und Prof. Dr. Stefan Hüttelmaier vom Uniklinikum Halle erhalten hat, sind sehr verdünnt und enthalten zum überwiegenden Teil menschliche Proteine. „Wir haben nur sehr wenig von der Gurgellösung erhalten. Aber wir haben trotzdem Bestandteile der Virusproteine gefunden“, so Sinz. „Das war ziemlich überraschend, ich habe selbst nicht damit gerechnet, dass das wirklich funktioniert.“ Trotz dieses Erfolges gehe es nicht darum, mit der PCR-Methode zu konkurrieren, die bisher üblich für den Nachweis des Virus ist. Die Massenspektrometrie könne möglicherweise als Ergänzung dienen, um noch mehr Tests durchzuführen. Die Arbeitsgruppe verbessert die Methode nun weiter und untersucht, ob sie ebenso sensitiv für den Nachweis der Coronaviren ist wie die PCR-Analyse. Bis es so weit ist, können aber noch Monate vergehen. Eine erste Vorabveröffentlichung auf dem Internetserver bioRxiv stieß jedoch schon auf reges Interesse, unter anderem vom Imperial College London. Auf bioRxiv können Studien vorveröffentlicht werden, die noch nicht von anderen Wissenschaftlern begutachtet wurden, um die Ergebnisse möglichst schnell für die Forschung frei verfügbar zu machen.

In der Arbeitsgruppe der halleschen Wissenschaftlerin wird normalerweise nicht mit Viren gearbeitet. „Wir sind keine Virologen.“ Sinz ist jedoch Expertin für Protein-Massenspektrometrie. „Es geht darum, für kommende Pandemien besser gerüstet zu sein“, so Sinz. Gerade ist ein neues Massenspektrometer in den Laboren eingetroffen, das auch die Analyse der Virusproteine verbessern könnte. Das neue Gerät kann neben der Masse auch die räumliche Struktur der Proteine bestimmen. „Damit können wir hochkomplexe Mischungen besser auftrennen“, so Sinz. Das Gerät sei zwar nicht für die Analyse der Covid-19-Proteine angeschafft worden, könne aber auch dafür vorteilhaft sein. Damit sei eine tiefergehende Analyse der Proben möglich.

Die Forschung in den Laboren geschieht derzeit unter erschwerten Bedingungen. Außer der nun begonnenen Forschung zu Covid-19 werden derzeit so gut wie keine Experimente durchgeführt. Der Laborbetrieb ist weitestgehend heruntergefahren, es dürfen maximal zwei Leute pro Labor arbeiten. Die Gurgelproben aus dem Uniklinikum wurden von zwei Mitarbeitern aus Sinz‘ Arbeitsgruppe bearbeitet. Die Messung am Massenspektrometer erfolgt automatisch, ausgewertet werden können die Daten von zu Hause aus. „Unsere Geräte sind alle vernetzt, wir können sie von zu Hause aus steuern und uns die Proben direkt anschauen“, so Sinz. Dafür brauche es nur die entsprechenden Programme auf dem heimischen PC.

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