Den Neubeginn geleitet: Zum Tod von Gerhard Schmitt-Rink

15.06.2020 von Prof. Dr. Gunter Steinmann in Personalia
Er hat sich nach der Wende als Gründungsdekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät engagiert und unter anderem die „Halleschen Wirtschaftsgespräche“ ins Leben gerufen: Am 25. Mai ist Prof. Dr. Dres.hc. Gerhard Schmitt-Rink verstorben. Prof. Dr. Gunter Steinmann hat einen Nachruf auf ihn verfasst.
Gerhard Schmitt-Rink im Jahr 1993
Gerhard Schmitt-Rink im Jahr 1993 (Foto: Universitätsarchiv)

Am 25. Mai ist der Gründungsdekan und Ehrendoktor der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Professor Dr. Dres.hc. Gerhard Schmitt-Rink im Alter von 94 Jahren in Wiesbaden verstorben. Professor Schmitt-Rink studierte in Frankfurt Betriebswirtschaftslehre, aber wandte sich nach seinem betriebswirtschaftlichen Diplomexamen der Volkswirtschaftslehre zu. Er wechselte zur Universität Mainz, wurde dort 1962 promoviert und 1967 habilitiert. Er erhielt Rufe auf ordentliche Professuren an die Technische Hochschule Aachen und die Universität Tübingen, aber entschied sich 1970 für die ordentliche Professur für Volkswirtschaftslehre (Makroökonomie) an der neugegründeten Universität Bochum, die er bis zu seiner Emeritierung 1991 innehatte.  Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Wachstums- und Verteilungstheorie und Bevölkerungsökonomie. Professor Schmitt-Rink war Mitbegründer der European Society of Population Economics (ESPE) und international gut vernetzt. Er bekleidete Gastprofessuren in den USA, Indien und China und unternahm im Auftrag des Goethe-Instituts mehrere Vortragsreisen nach Südasien, Indonesien und Westafrika.

Gerhard Schmitt-Rink besaß großen Tatendrang. Ein „Leben im Ruhestand“ nach der Emeritierung war für ihn undenkbar und widersprach seinem Naturell. Daher war es sowohl für ihn als auch für unsere Fakultät ein glückliches Geschick, dass das Wissenschaftsministerium von Sachsen-Anhalt justament zum Zeitpunkt seiner Emeritierung einen renommierten, gut vernetzten und mit Organisationstalent ausgestatteten Wissenschaftler ohne eigene Karriereinteressen als Gründungsdekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Martin-Luther-Universität suchte und mit ihm fand. Professor Schmitt-Rink übernahm diese Aufgabe gerne und engagierte sich voll und ganz. Er lehrte selbst, er suchte Lehrkräfte zur Aufrechterhaltung des Lehrangebots für die verbliebenen Studenten der abgewickelten „Sektion Wirtschaftswissenschaften“, er leitete die Gründungskommission, er rekrutierte die ersten Professoren für die wiedergegründete Fakultät, er entwarf Prüfungs- und Studienordnungen. Er erreichte auf politischen Weg über seine Frau, Margret Funke-Schmitt-Rink, damals Mitglied der Bundestagsfraktion der FDP mit gutem Zugang zu Hans-Dietrich Genscher, dass das Institut für Wirtschaftsforschung IWH nach Halle kam, er half bei der Gründung des Instituts für Unternehmensforschung und Unternehmensführung, er gründete die Vortragsreihe „Hallesche Wirtschaftsgespräche“ mit prominenten Rednern aus Politik und Wirtschaft, er setzte sich für die Renovierung des Fakultätsgebäudes ein und sorgte für die effiziente Verwendung der Mittel aus dem Hochschulerneuerungsprogramm (HEP) des Bundes.

Auch nach Abschluss der Gründungsphase 1995 hielt Professor Schmitt-Rink weiter Vorlesungen an der Fakultät. 1996 erhielt er das Bundesverdienstkreuz I. Klasse und zum Ende seines Wirkens an der Martin-Luther-Universität wurde er von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.

Professor Schmitt-Rink war ein zurückhaltender Mensch und hat mir erst spät von seinem Los als Kind und Jugendlicher während der Zeit des Nationalsozialismus berichtet. Er wurde als uneheliches Kind geboren und hieß Willy Rink. Sein leiblicher Vater war Jude. Der spätere Ehemann seiner Mutter adoptierte ihn. Er wurde damit zum Gerhard Schmitt-Rink und konnte dadurch seine Herkunft vor den nationalsozialistischen Machthabern verborgen halten, obwohl er in einem jüdischen Wohnumfeld aufwuchs. Erst im Alter hat Professor Schmitt-Rink über sein Schicksal als Kind und Jugendlicher in dieser Schreckenswelt reden können und reden wollen. Er hat als 82-Jähriger der Nachwelt in seinem kleinen Buch „Das Judenhaus. Erinnerungen an Juden und Nichtjuden unter einem Dach. 1933–1945. Wiesbaden 2008.“ ein sehr persönliches, bewegendes Zeugnis hinterlassen.

 

Der Autor Prof. Dr. Gunter Steinmann hatte 1991/92 eine Vertretungsprofessur an der MLU inne und war ab 1992 Gründungsprofessor für Volkswirtschaftslehre, Wachstum und Konjunktur in Halle, zudem von 1993 bis 1995 Dekan der Wirt-schaftswissenschaftlichen Fakultät. Seit 2009 ist er emeritiert.

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