Zwischen Performance Art und Programmmusik

19.01.2015 von Corinna Bertz in Varia
„Neulich las ich folgende Behauptung: Die Geschichte der Menschheit besteht aus einer langen Aneinanderreihung von Synonymen für denselben Begriff. Es gilt, diese Behauptung zu widerlegen.“ Die Worte aus dem Werk Corporel des slowenischen Komponisten Vinko Globokar (*1934), welches die vielfach prämierte Marimbaphonistin und Perkussionistin Marta Klimasara am Abend des 15. Januar 2015 in das Zentrum ihres Auftrittes in der Reihe der aula konzerte halle rückte, spiegeln in eindrücklicher Weise und gleichsam stellvertretend die kunstästhetische Essenz eines ebenso ungewöhnlichen wie mitreißenden Konzertabends: die kritische Reflexion der instrumentalen Spielkonventionen und mit ihr die Suche nach immer neuen Ausdrucksformen.
Marta Klimsara, Professorin für Schlagzeug, am Marimbaphon.
Marta Klimsara, Professorin für Schlagzeug, am Marimbaphon. (Foto: Maike Glöckner)
Einziges Instrument im Stück "Corperel" war der Körper der Musikerin.
Einziges Instrument im Stück "Corperel" war der Körper der Musikerin.
(Foto: Maike Glöckner)

Mit der virtuosen Darbietung etlicher kürzerer Werke zeitgenössischer Komponisten – unter ihnen auch Astor Piazzolla (1921–1992) und Iannis Xenakis (1922–2001) – ließ die Multiinstrumentalistin Klimasara ihr Publikum in eine oftmals betörend-meditative Klangwelt eintauchen, die immer fremd, aber zu keinem Zeitpunkt befremdlich wirkte. Nirgends trat dabei die expressive Innovationslust der Solistin deutlicher zutage, als in der musikalischen Körperkunst des Corporel – dessen einziges Instrument stellte der Körper der Musikerin selbst dar.

Mit dynamischem Trommeln auf Kopf, Armen und Beinen, lethargischen Schnarchlauten und wild hauchender Ferozität lieferte die Solistin eine ausdrucksstarke Interpretation der detailreichen Partitur Globokars. Der unbestrittenen Ausdruckskraft Marta Klimasaras zum Trotz blieben die überwiegend fein nuancierten, leisen Klänge des Werkes jedoch oftmals nur zu erahnen und schlossen somit die vollständige Entfaltung der emotionalen Tiefe des Stückes aus – eine Schwieigkeit, die durch die erschwerte Sicht auf die Akteurin noch verstärkt wurde, ist doch Sichtbarkeit bei einem dezidiert performativen Klangkunstwerk unablässlich.

Klimasara lieferte ein brilliantes Spiel auf teils exotischem Schlagwerk.
Klimasara lieferte ein brilliantes Spiel auf teils exotischem Schlagwerk.
(Foto: Maike Glöckner)

Jenseits dieses Werkes war der Vortrag Klimasaras auf dem Marimbaphon, der Kalimba und teils exotischem Schlagwerk geprägt von einem Höchstmaß spieltechnischer Brillanz. Insbesondere auf dem Marimbaphon gelang ihr durch feindifferenzierte Dynamik und makellose Präzision die eindrucksvolle Ausdeutung etwa der Reflections on the Nature of Water, einem sechsteiligen Zyklus Jacob Druckmans (1928–1996), und der programmatisch in Musik gesetzten prismatischen Lichtbrechungen des Stückes Blue Line von Marta Ptaszyńska (*1943).

Den Schlusspunkt dieses außergewöhnlichen musikalischen Abends, der – in durchweg positivem Sinne – mehr einen Einblick in die Ausdrucksformen der zeitgenössischen Musik bot als dass er wie ein stringentes Konzert wirkte, bildete das für Schlagwerk komponierte und von mathematisch-deterministischer Architektonik geprägte Rebonds b des griechischen Komponisten Iannis Xenakis.

Im Anschluss an das Programm lud Marta Klimasara das Publikum zum angeregten Austausch auf die Bühne. Ob es ihr gelang, die eingangs zitierte Behauptung zu widerlegen, sei dahingestellt – die ebenso begeisterten wie interessierten Reaktionen seitens des Publikums wenigstens sprachen dafür. Pascal Schiemann

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