Zwei Humboldt-Stipendiaten erforschen Europas unbekannte Wurzeln

05.06.2014 von Corinna Bertz in Forschung, Wissenschaft
Heute sind sie eine kleine Minderheit von nur 800 Personen. Doch in der Antike waren die Samaritaner ein großes Volk, das seine Wurzeln mit den Juden teilt. Will man die Geschichte Europas und die Entstehung des Judentums erzählen, so fällt der kleinen Religionsgemeinschaft der Samaritaner eine bedeutende Rolle zu. Diese erforscht Professor Stefan Schorch zurzeit gemeinsam mit zwei renommierten Althistorikern aus Israel und Tschechien. Beide können dank eines Forschungsstipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung für neun bzw. zwölf Monate am Institut für Bibelwissenschaften arbeiten.
Von links: Professor Stefan Schorch und die beiden Humboldtstipendiaten Dr. Jonathan Bourgel und Dr. Jan Dušek vor dem Institut für Bibelwissenschaften
Von links: Professor Stefan Schorch und die beiden Humboldtstipendiaten Dr. Jonathan Bourgel und Dr. Jan Dušek vor dem Institut für Bibelwissenschaften (Foto: Michael Deutsch)

Die meiste Zeit verbringen sie allein, umgeben von Kopien jahrtausendealter Schriften in Griechisch, Hebräisch, Aramäisch oder Latein. Alttestamentler müssen viele Sprachen und Quellen kennen. „Aber keiner kann in all diesen Feldern Experte sein. Deshalb ist es für uns so wichtig, mit anderen Forschern zusammenzuarbeiten“, erklärt Stefan Schorch. „Wir arbeiten mit Fragmenten der Vergangenheit – zum Beispiel mit einem Schriftstück aus dem 2. Jahrhundert, das wir durch unsere Kenntnisse von Schriften aus dem 8. Jahrhundert ergänzen können“, sagt der Alttestamentler, der an einer wissenschaftlichen Edition des samaritanischen Pentateuch arbeitet – der Heiligen Schrift der Samaritaner.

Eine Heilige Samaritaner-Tora (Quelle: wikipedia.com / יוצר )
Eine Heilige Samaritaner-Tora (Quelle: wikipedia.com / יוצר )

Heute gehören nur noch 750 Menschen dieser Religionsgemeinschaft an. Wie die Juden stammen die Samaritaner vom Volk Israel ab. Sie machten in der Antike sogar den Großteil der Bewohner des Gelobten Landes aus. Wie sich diese Gruppe allmählich zu einer Minderheit entwickelt hat, diese Frage hat Dr. Jonathan Bourgel aus Tel Aviv bis nach Halle geführt. Seit November 2013 erforscht er im Haus 25 der Franckeschen Stiftungen, wie sich die Gemeinschaft der Samaritaner in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten entwickelt hat und wie andere Gruppen die Samaritaner gesehen haben. „Der wahre Wert meines Stipendiums liegt für mich in der engen Zusammenarbeit mit Professor Schorch, der zu den führenden Samaritanerforschern gehört“, sagt der 34-Jährige. „Dieser tägliche wissenschaftliche Austausch verändert den Blick auf meine eigene Forschung.“

„Heute mögen sie uns sehr fern und fremd erscheinen, aber die Samaritaner können uns helfen zu verstehen, wer wir heute sind“, erklärt Bourgel. Ihre Geschichte hat die Geschichte Europas indirekt beeinflusst. „Der Ursprung des alten Israel liegt bei den Samaritanern und im Judentum. Spannend ist für mich die Frage nach den gemeinsamen Ursprüngen dieser Kulturen.“ Darüber diskutiert Bourgel auch mit Dr. Jan Dušek aus Prag, der als zweiter Humboldt-Stipendiat im Februar zu Schorchs Arbeitsgruppe gestoßen ist.

Wie gehen wir mit Minderheiten um?

Dušek und Bourgel sprechen Französisch miteinander, denn beide haben eine zeitlang in Frankreich studiert. In Schorchs Arbeitsgruppe wird Hebräisch gesprochen. Entscheidend für ihre Arbeit mit den historischen Schriften sind außerdem die alten Sprachen - zum Beispiel Aramäisch: „Im 1. Jahrhundert vor Christi war diese Sprache von Ägypten bis nach Afghanistan das, was in Europa heute die englische Sprache ist“, sagt Schorch.

Jan Dušek zählt zu den weltweit führenden Experten für aramäische Inschriften. Für neun Monate wohnt der Tscheche nun mit seiner Frau und den drei Kindern im Internationalen Begegnungszentrum, das Gäste der Universität und der Leopoldina beherbergt. Er studiert die ältesten aramäischen Inschriften, um die Beziehungen zwischen den Königreichen von Samarien und Syrien in der Zeit vom 10. bis zum 8. Jahrhundert vor Christi zu erforschen. Zwischen seinen und Bourgels Forschungsthemen liegen also Jahrhunderte. Aber gemeinsam gelingt es ihnen, die Geschichte der Samaritaner Schritt für Schritt nachzuzeichnen.

Und diese Geschichte sei nicht allein für Historiker von Interesse, betont Stefan Schorch: „Anhand der Samaritaner lässt sich sehr gut nachvollziehen, welche Herausforderungen und Fragen der Identität sich für Minderheiten in Europa ergeben.“ Die Forschung seiner Arbeitsgruppe liefert historische Antworten auf Fragen, die in Europa bis heute stetig debattiert werden: Wie gehen wir mit Minderheiten um? Was passiert mit ihren Sprachen? „Wer heute solche Fragen stellt, für den ist die Geschichte der Samaritaner von hohem Interesse“, so der Wissenschaftler. Corinna Bertz

Humboldtianer gründen neue Regionalgruppe Halle-Leipzig

Im November 2013 haben Humboldtianer an den Universitäten Halle und Leipzig eine eigene Regionalgruppe gegründet. Ihr Ziel: Sich stärker mit deutschen und ausländischen Stipendiaten zu vernetzen, Rückkehrer aus dem Ausland zu reintegrieren, ausländische Stipendiaten in Deutschland zu unterstützen und insgesamt eine höhere Sichtbarkeit der internationalen Kontakte in Mitteldeutschland zu erreichen.

Mit den Humboldt-Forschungsstipendien ermöglicht die Alexander von Humboldt-Stiftung überdurchschnittlich qualifizierten Wissenschaftlern aus dem Ausland Forschungsaufenthalte in Deutschland. Bis zu 24 Monate können sie ein selbst gewähltes Forschungsvorhaben in Kooperation mit einem wissenschaftlichen Gastgeber an einer deutschen Forschungseinrichtung durchführen.

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