Zwanzig Fragen an Frank Ursin

21.04.2016 von Corinna Bertz in Personalia
An dieser Stelle wird’s persönlich: Frank Ursin ist wissenschaftlicher Sprecher der Promovierenden Initiative Halle und beantwortet an dieser Stelle den Fragebogen des Unimagazins "scientia halensis". Der Doktorand der Alten Geschichte lehrt als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Halle. 1 Warum arbeiten Sie in Halle und leben in Leipzig?
Frank Ursin im Institut für Geschichte und Ethik der Medizin.
Frank Ursin im Institut für Geschichte und Ethik der Medizin. (Foto: Markus Scholz)

Die Konstellation ist sozusagen organisch gewachsen. Bevor ich begann in Halle am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin zu arbeiten, habe ich in Leipzig studiert, eine Familie gegründet und an der Universität Leipzig gearbeitet. Meine von der Gerda­-Henkel-­Stiftung mit einem Promotionsstipendium geförderte Dissertation war aber schon immer in der Alten Geschichte in Halle angesiedelt.

2 Wenn nicht Historiker, was wären Sie dann geworden?

Ich wollte schon immer Wissenschaftler werden, habe mich jedoch als Kind eher den Erlenmeyerkolben schwingen sehen. Daran ist meine leider zu früh verstorbene Großmutter mütterlicherseits Schuld. Sie war Chemikerin und ihr Nachlass an Reagenzgläsern diente mir immer zum Experimentieren. Aus heutiger Sicht hätte ich einen alternativen Beruf gewählt, der mir früher so nicht in den Sinn gekommen war: Gemüsegärtner. Aber das ist eine retrospektive Diagnose.

3 Was war an Ihrer Studienzeit am besten?

Die große Freiheit, über die eigene Zeit zu verfügen und sich den unzähligen Möglichkeiten hinzugeben. Ich habe stundenlang mit Kommilitonen über philosophischen Problemen gesessen, habe nächtelang intensivste Lektüre genossen und auch Musik gemacht. Ich habe dann relativ rasch schon während des Studiums Kinder bekommen, sodass sich diese Tätigkeiten aufgrund des geringeren Zeitbudgets heute eher verdichtet haben.

4 Welchen Rat fürs Überleben würden Sie den Studierenden heute geben?

„Studieren Sie etwas Vernünftiges.“ Aber das brauche ich Studierenden der Medizin nicht zu sagen. Besonders den Frauen würde ich aber gern sagen, dass sie ihre eigenen Ziele verfolgen sollen – auch wenn sie Mutter werden oder einen Partner haben, der wirtschaftlich erfolgreich ist. Es gibt in der Arbeitswelt leider immer noch (auch von manch junger Frau selbst) den unsinnigen Gedanken, dass man sich zwischen Kind und Karriere entscheiden müsse.

5 Wenn Sie Rektor einer Universität wären, was würden Sie als erstes tun?

Ich würde einen Promovierendenrat wählen lassen, Betreuungsvereinbarungen in allen Fakultäten obligatorisch machen und eine Mediationsstelle für Doktoranden und ihre Betreuer einrichten. Zudem würde ich die überflüssig restriktiven Verwaltungsvorgänge hinsichtlich der Befristungen nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz begrenzen. Junge Wissenschaftler brauchen eine Perspektive jenseits prekärer Beschäftigungsverhältnisse!

6 Was ist für Sie die erste Aufgabe der Wissenschaft?

Die größte Aufgabe der Wissenschaft ist es, der gesamten Gesellschaft auch einen niederschwelligen Zugang zu dem von ihr generierten Wissen zu verschaffen. Wissenschaftler sind auch nur Menschen, die erklären können sollten, warum ihre Arbeit wichtig ist. Danach fragt ja auch jeder und wir sollten darauf eine Antwort haben.

7 Was haben Intelligenz und Menschlichkeit miteinander zu tun?

Intelligenz setzt keine Menschlichkeit voraus. Sie können fachlich Weltklasse sein und trotzdem eine emphatische Niete. Menschlichkeit bedeutet für mich, dass ich keinen Unterschied zwischen mir und einem anderen Menschen mache – unabhängig von Alter, Geschlecht und Status. Ich bin nicht besser oder schlechter als der Kellner oder die erfolgreiche Professorin.

8 Worüber ärgern Sie sich am meisten?

Redundanz.

9 Was bringt Sie zum Lachen?

Zum Leid meiner Frau (aber zur Freude meiner Kinder): schlechte Witze vor allem mit Wortspielen oder KFZ­-Kennzeichen, die Wörter ergeben. Für Letzteres herrschen in HAL-LE ganz gute Bedingungen.

10 Was schätzen Sie an Ihren Freunden?

Ich schätze die Unaufgeregtheit der Beziehungen. Es ist kein Problem, ob wir uns drei Tage oder drei Monate nicht gesehen haben. Wir können den Dialog einfach fortsetzen.

11 Wo sehen Sie Ihre Stärken?

Meine Begeisterungsfähigkeit und die damit verbundene Ausdauer. Wenn mich ein Ziel erst einmal begeistert hat, werde ich es erreichen, auch wenn einige Steine auf dem Weg liegen oder Umwege in Kauf genommen werden müssen.

12 Was erwarten Sie von der Zukunft?

In der Vormoderne war die Zukunft immer nur die Aktualisierung der Vergangenheit, Utopien waren bereits einmal realisierte Ideale. Heute würde man sagen, dass dieses Bild einer fortschreitenden Depravation bis zur Gegenwart sehr konservativ ist. Ich würde es jedoch lieber positiv formulieren: Ich hoffe, dass die Zukunft weniger menschliche Fehler zulassen wird, die bereits mehrfach gemacht wurden und von denen wir wissen, welche Konsequenzen sie zeitigen werden. Daher baue ich auf ein stärkeres Vergangenheitsbewusstsein, das der Zukunft weder zu konservativ, noch zu fortschrittsoptimistisch gegenübersteht.

13 Woran glauben Sie?

Es lässt sich viel leichter sagen, woran ich nicht glaube und das sind Versicherungsschutz, der Wetterbericht und die Anbauhinweise auf Samentüten.

14 Welchen bedeutenden Menschen unserer Zeit hätten Sie gern als Gesprächspartner?

Ich hätte gerne viele Zeitgenossen als Gesprächspartner, jedoch sind diese höchstens für mich und nicht im geläufigen Sinne ‚bedeutend‘. Obwohl ich den Tenor der Antworten vermute, würde ich gerne Herrn Gysi fragen, was er von einigen Dingen hält.

15 Wer war oder ist für Sie der wichtigste Mensch in Ihrem Leben?

Die Mutter meiner Kinder, der ich bedauerlicherweise jedes Jahr aufs Neue verspreche, sie nächstes Jahr zu heiraten.

16 Welchen Ort der Welt möchten Sie unbedingt kennen lernen?

Die Orte, die mich als Historiker interessieren, liegen leider nicht in der Gegenwart. Ich hätte wirklich gern eine Zeitmaschine zur Verfügung, die mich entweder ins klassische Athen zu Sokrates oder ins kaiserzeitliche Griechenland zu Lukian oder Pausanias bringt.

17 Womit verbringen Sie Ihre Freizeit am liebsten?

Am Liebsten verliere mich an einem lauen Sommerabend in meinem Garten bei selbstgekeltertem Wein, einem Gericht aus selbstgezogenem Gemüse anlässlich eines zeitlosen Gesprächs mit den Menschen, die mir teuer sind.

18 Was wären Ihre drei Bücher für die Insel?

Ich lese viel und gern, also müssten es drei dicke Bücher sein. Zu allererst wäre da ein äußerst nützliches Gartenbuch: John Seymour, Das neue Buch vom Leben auf dem Lande. Weil essen und Handwerken alleine nicht reicht, wäre da unbedingt noch Wilhelm Schmids Philosophie der Lebenskunst, das mich immer auf den rechten Pfad der Tugend zurückholte. Zu guter Letzt vielleicht noch etwas Lustiges, etwa die Gesamtausgabe des Satirikers Lukian (die dann aber in einem Band erschienen sein müsste; doch die Auswahlausgabe von Karl Mras würde es auch tun).

19 Wenn Sie einen Wunsch frei hätten…?

Würde ich mir weitere Wünsche wünschen und relativ rasch dafür sorgen, dass wir unseren Planeten nicht zerstören.

20 Ihr Motto?

Nur unter Druck entstehen Diamanten.

Aus der Vita:

  • geboren 1986 in Nordhausen
  • 2005 bis 2011 Studium der Alten Geschichte, Journalistik und Philosophie an der Universität Leipzig
  • seit Oktober 2011 Promotion zur Erinnerungskultur der Griechen in der römischen Kaiserzeit
  • 2012 bis 2015 Promotionsstipendiat der Gerda-Henkel-Stiftung
  • seit 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin

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