Wissenschaft in Szene setzen

12.02.2016 von Tom Leonhardt in Forschung, Wissenschaft
Geologie begreifbar machen: Die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Peter Wycisk erstellt seit 2007 geologische 3D-Glasmodelle, die deutschlandweit großen Anklang finden. Die Städte Halle, Staßfurt, Magdeburg und Berlin haben die Forscher schon abgebildet – Wien und Halle-Neustadt wurden gerade fertig gestellt. Im Interview spricht Peter Wycisk über seine Motivation, wissenschaftliche Forschung anschaulich zu gestalten.  
Peter Wycisk erstellt mit seiner Arbeitsgruppe 3D-Glaswürfel-Modelle
Peter Wycisk erstellt mit seiner Arbeitsgruppe 3D-Glaswürfel-Modelle (Foto: Markus Scholz)

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, geologische Modelle in Glaswürfeln abzubilden?

Peter Wycisk: Ich war vor Jahren auf einer Tagung in Asien. Dort sind die Glaslasergravuren bereits weit verbreitet. Am Flughafen habe ich dann Tierfiguren gesehen, die in sehr hoher Qualität in solche Würfel gelasert worden waren. Das fand ich interessant. Modelle für geologische Strukturen im Untergrund waren bislang immer undurchsichtig. Es gibt eine Reihe von Methoden zur Darstellung, aber es gibt keine, die in einem transparenten Festkörper Geologie komplett durchgängig darstellen kann. Ich war dann der Erste, der versucht hat, geologische Daten über einen transparenten Körper in hochwertigem Glas umzusetzen.

Wollten Sie die Technik verwenden, um die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit oder Ihren Kollegen zu präsentieren?

Das geht ein wenig ineinander über. Der Öffentlichkeitsaspekt ist für mich immer wichtig gewesen. Gerade die Bevölkerung von Halle hat eine recht enge Verbindung zur Geologie, aufgrund des Salzes und der Hallestörung. Deshalb habe ich mich auch mit der Möglichkeit beschäftigt, wie man so etwas darstellen und kommunizieren kann.

Was passiert mit Wissenschaft, wenn man sie in einem Gegenstand darstellt?

Sowie man Wissenschaft sichtbar und vollständig begreifbar macht, ist das aus meiner Sicht mit einer gewissen Trivialisierung verbunden. Man muss den Gegenstand nicht trivialisieren, aber Modelle sind vereinfachte Darstellungsformen. Diese Trivialisierung, dieses völlig Gegenständliche wirkt ein wenig entzaubernd und manchmal vielleicht auch nicht mehr ganz so wissenschaftsnah.

Woran liegt das?

In der Wissenschaftskommunikation gibt es zu einem gewissen Grad die Wahrnehmung: Je unverständlicher, desto wissenschaftlicher.

Würden Sie das denn unterschreiben?

Nein. Ich denke, man muss bei jeder Art von Kommunikation sein Gegenüber vor Augen haben. Wenn ich mit einem Fachkollegen spreche, werde ich natürlich Fachtermini verwenden, die er sofort versteht und fachliche Bezüge herstellen kann. Wenn ich aber mit Studierenden oder der interessierten Öffentlichkeit spreche, brauche ich jeweils andere Bilder und Begrifflichkeiten, die deutlich machen, was ich transportieren will.

In den USA gibt es einen Comic-Zeichner, der technische Prinzipien und wissenschaftliche Sachverhalte mit den 1.000 am häufigsten verwendeten Wörtern der englischen Sprache erklärt. Ist das eine Übertreibung?

Mein Zugang ist hier ein etwas anderer. Mir geht es nicht um die Kommunikation von Wissenschaft um jeden Preis. Mit unseren innovativen Darstellungsformen erzeugen wir beim Betrachter einen anderen Zugang und eine andere Wahrnehmung als bei einem gedruckten Bild oder einer Bildschirmpräsentation. Der Betrachter muss sich zum Beispiel bewegen, um die Bilder zu sehen und kann dabei immer neue Details entdecken. Im Bereich der Wissenschaftskommunikation müssen wir Aufmerksamkeit erzeugen. Ein Glaswürfel in einem blauen Licht, der in seinem Kristallglanz strahlt, erzeugt bei jedem Bürger Interesse. Verständliche, ergänzende Erläuterungen schaffen dann den Kontext zur Sache. Diese Modelle sind ja nicht automatisch selbsterklärend.

Kann ich trotzdem alle Details darstellen, die in der Forschung wichtig sind?

Wenn Sie das Datenmodell des Untergrundes einer Stadt vollkörperlich visualisieren wollen, brauchen sie dafür sehr gute Modelle. Sie dürfen keine Fehler haben – die würde man alle auf den Millimeter genau sehen. Damit sind die Modelle aus der Wissenschaftssicht durchaus interessant, denn es ist eine Art Qualitätsüberprüfung. Das hat nicht nur etwas mit Optik zu tun. Die Modelle, die wir zeigen, sind primär von der Wissenschaft getrieben.

Wie entscheiden Sie, was Sie darstellen wollen?

Jedes Modell, das man herstellt, ist eine neue Herausforderung. Wir betrachten zum Beispiel die Modelle, die wir für Halle-Neustadt im Rahmen des Wettbewerbs Zukunftsstadt entwickelt haben, als eine Art gläsernen Wissensspeicher. Da steckt alles an Information drin, was zurzeit geologisch verfügbar ist. Diese Darstellungen werden aber so dicht und komplex, dass man es zwar noch lasern kann, es ist aber nicht mehr so gut anzuschauen. Wenn man vereinfacht, muss man sich die Frage stellen: Will ich jetzt die Komplexität und die Vollständigkeit – oder will ich aus bestimmten Gründen ein Thema stärker herausstellen, damit es leichter begreifbar ist.

Aufsicht auf das Modell des Staßfurter Salzsattels
Aufsicht auf das Modell des Staßfurter Salzsattels
(Foto: Peter Wycisk)

Wie waren die Rückmeldungen Ihrer Kollegen auf die ersten Modelle?

Vor über einem Jahr haben wir eine große Ausstellung in der Bundesanstalt für Geologie in Hannover organisiert. Dort arbeiten knapp 800 Geowissenschaftler. Die meisten Reaktionen gab es auf unseren größten Glasblock, der den Untergrund von Staßfurt zeigt. Da haben die Kollegen gesagt, dass sie selbst als Fachleute nie gedacht hätten, dass der Abbau und die Lage der Abbaukammern im Salzgestein so flächendeckend und dicht sind.

Solche Arbeiten kosten Sie als Wissenschaftler viel Zeit. Als Forscher muss man sich auch entscheiden, ob man seine Zeit in Forschung investiert oder zum Beispiel in die Kommunikation von Wissenschaft.

Als Geowissenschaftler arbeiten wir sehr regionalbezogen. Damit hat man eventuell eine etwas stärkere Offenheit für die Kommunikation vor Ort. Es stimmt: Öffentlichkeitsarbeit kostet Zeit. Mir selbst war sie persönlich immer wichtig, weil Geowissenschaften für manche ein bisschen exotisch ist, obwohl unser Alltag recht stark davon geprägt ist. Deswegen lässt sich das für mich auch gut verbinden. In den Modellen steckt die wissenschaftliche Arbeit mehrerer Jahre – allein um sie am Computer zu generieren. Häufig bleibt man im Wissenschaftsbetrieb bei den virtuellen Modellen und ihrer unmittelbaren wissenschaftlichen Nutzung stehen. Das ist ein Teil meiner Kritik im Fach. Der frühere Pressesprecher der Deutschen Forschungsgemeinschaft Dieter Hüskens hat mal gesagt: Wissenschaft muss man, um sie wahrnehmen zu können, inszenieren. Dieses Inszenieren ist vielen Wissenschaftlern fremd.

Hat sich der Aufwand gelohnt?

Es hat sich gelohnt, war aber ein langer Weg. Unsere Technik wurde 2007 und 2012 schon im Bundeswettbewerb Land der Ideen ausgezeichnet. Nach fünf, sechs Jahren hat die Fachwelt das wahrgenommen und Interesse gezeigt. Innovationen brauchen Zeit. Nachdem wir kontinuierlich über Jahre immer neue Modelle, aus Halle, Magdeburg, Staßfurt, präsentiert haben, kam 2015 der Hype mit Berlin und Wien. Und die nächsten Projekte bahnen sich auch schon an. Dabei ändert sich unsere Rolle auch: Wir haben früher die Modelle selbst erarbeitet. Jetzt kommen wir in die Rolle der Mittler oder Berater für andere, die schon eigene Modelle am Computer haben.

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