Von der Geburt der „Psychiatrie“ bis zur Wendezeit

27.09.2013 von Corinna Bertz in Rezension, Wissenschaft
Vor 200 Jahren, am 22. November 1813, starb der berühmte hallesche Mediziner Johann Christian Reil – der Todestag war Anlass für mehrere Publikationen. Eine reicht weit über übliche Darstellungen von Leben und Werk hinaus, indem sie zusätzlich die Zeit vor Reil beleuchtet und die Entwicklung der halleschen Psychiatrie von Reils Tod bis zum Ende der DDR in den Blick nimmt.
Prof. Dr. Andreas Marneros war bis 2012 Direktor der halleschen Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik
Prof. Dr. Andreas Marneros war bis 2012 Direktor der halleschen Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik
(Foto: UKH)

Andreas Marneros, bis 2012 Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der MLU, zeichnete gemeinsam mit drei Medizinerkollegen – Valenka M. Dorsch, Philipp Gutmann und Frank Pillmann – den Weg der universitären Psychiatrie in Halle nach.

Nicht das Wissen um die Psychiatrie, wohl aber die Benennung, hat der 1758 in Ostfriesland geborene und 1788 an der Fridericiana als Nachfolger Goldhagens zum Medizinprofessor berufene Pastorensohn „erfunden“ – der Sache nach schon 1803 in seinen „Rhapsodieen“ (zu Wirkung und Grenzen der Psychotherapie), wörtlich genommen 1808 in seiner Abhandlung „Über den Begriff Medicin und ihre Verzweigungen, besonders in Beziehung auf die Berichtigung der Topik der Psychiaterie“ (sic!), die in der Zeitschrift „Beyträge zur Beförderung einer Kurmethode auf psychischem Wege“ erschien.

Seither gilt Halle als Wiege der Universitätspsychiatrie. Seit 1816 werden regelrechte „Psychiatrie-Vorlesungen“ angeboten, zuerst von Reils Lieblingsschüler Christian Friedrich Nasse, später von Heinrich Damerow und Johannes Moritz Koeppe.

Johann Christian Reil (Universitätsarchiv Halle)
Johann Christian Reil (Universitätsarchiv Halle)

Reil, der sich sein gesamtes Medizinerleben lang mit psychischen Erkrankungen, dem Zusammenhang zwischen Physis und Psyche und der Suche nach Behandlungs- und Heilungsmöglichkeiten befasste, war der festen Überzeugung: „Psychiater dürfen nur die tüchtigsten Ärzte werden!“

Und so stellte er sie sich im Idealfall vor: „Ihre Rede sey kurz, bündig und lichtvoll. Die Gestalt des Körpers komme der Seele zu Hülfe und flöße Furcht und Ehrfurcht ein. Er sey groß, stark, muskulös; der Gang majestätisch; die Miene fest; die Stimme donnernd [...]“. Welche der halleschen Psychiater diesem Wunschbild wirklich entsprachen, ist ungewiss.

Eduard Hitzig richtete 1879 erstmals einen eigenen, unabhängigen Lehrstuhl für Psychiatrie ein. Zwölf Jahre später wurde der von ihm initiierte neue Gebäudekomplex für Psychiatrie und Nervenheilkunde in der Julius-Kühn-Straße eingeweiht – Jahrzehnte lang weltweit als Paradebeispiel architektonischer und humaner Konstruktion für psychisch Kranke geltend und bis heute sichtbares Zeichen für sein Lebenswerk.

Im 20. Jahrhundert stehen zunächst Gabriel Anton (Jahrgang 1858) und Albert Hauptmann (Jahrgang 1881) für widersprüchliche Aspekte der Psychiatrie, besonders während des Nationalsozialismus. Hauptmann war seit 1926 ordentlicher Professor und Direktor der Universitätsnervenklinik Halle, seit 1929 Mitglied der Akademie der Naturwissenschaftler Leopoldina (1937 als „Nichtarier“ aus deren Matrikelbuch gestrichen). Er war Jude und mit einer Jüdin verheiratet. Trotzdem nahm er noch im Januar 1934 mit einem seiner („arischen“) Kollegen an einem erbbiologisch-rassehygienischen Lehrgang für Psychiater in München teil.

Zum 1. Januar 1936 wurde er, ungeachtet aller Verdienste, entlassen. 1939 emigrierte er mit Frau und Tochter in die USA, wo er 1948 „an gebrochenem Herzen“ starb. Nachfolger an der halleschen Universitätsnervenklinik waren Paul Hilpert (1936–1939), der als „kommender Mann der NS-Zeit“ galt, und Fritz Flügel (1939–1945), der nach recht genauer Überprüfung vorheriger Verstrickungen im April 1946 wieder in alle Ämter eingesetzt wurde und diese bis Oktober 1949 wahrnahm. Dann kehrte er von einer Reise in die Bundesrepublik Deutschland nicht nach Halle zurück und wurde wenig später zum ordentlichen Professor der Universität Erlangen ernannt.

Für seine Nachfolge legte er seinen ehemaligen Kollegen Karl Pönitz ans Herz. Trotz dessen zweifelhafter Vergangenheit in der NS-Zeit folgte die Universität, auch mangels anderer Kandidaten, der Empfehlung: Pönitz leitete die hallesche Universitätsklinik für Psychiatrie und Nervenheilkunde bis 1958. Nach seinem Ausscheiden prägten Helmut Rennert (1958–1986) sowie Helmut Späte (1984–1992) als direkter Vorgänger von Andreas Marneros das Bild.

Kurzbiografien aller Kliniksdirektoren und ein Literaturverzeichnis (mit 172 Titeln!) runden das Buch ab, das nicht nur Fachkollegen, sondern auch interessierten Laien viel zu bieten hat.

Margarete Wein

► Andreas Marneros, Valenka M. Dorsch, Philipp Gutmann, Frank Pillmann: Reil und seine Nachfolger. Zwei Jahrhunderte Universitätspsychiatrie am Geburtsort der „Psychiatrie“, 390 Seiten, Köln 2012, ISBN 978-3-931906-17-7

Mehr über die Veranstaltungen in Halle anlässlich Reils 200. Todestages im Onlinemagazin

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