Virtuoses Gitarrenspiel und eine Weltpremiere

16.01.2014 von Corinna Bertz in Varia
Am 15. Januar 2014 eröffnete der russische Gitarrist Dimitri Illarionov die Reihe der aula konzerte halle im neuen Jahr und wusste dabei sowohl durch die Auswahl der dargebotenen Stücke, als auch durch die musikalisch höchst anspruchsvolle Interpretation derselben das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Neben barocken Kompositionen standen vorwiegend modernere Klänge, insbesondere die mit Spannung erwartete Uraufführung einer Passacaglia des zeitgenössischen Komponisten Andrey Zelensky, im Zentrum der musikalischen Aufmerksamkeit.
Der russische Gitarrist Dimitri Illarionov begeisterte das Publikum in der Reihe aula konzerte halle
Der russische Gitarrist Dimitri Illarionov begeisterte das Publikum in der Reihe aula konzerte halle (Foto: Maike Glöckner)

Den Auftakt des Abends aber bildete zunächst die Suite Nr. 13 in D des aus Schlesien stammenden und bereits zu Lebzeiten bekannten Lautenvirtuosen Silvius Leopold Weiss (1687–1750), die Illarionov auf der Barocklaute vortrug. Ließen sich dabei anfänglich noch geringfügige technische Ungenauigkeiten, vorwiegend in der eröffnenden Allemande, ausmachen, gelang es dem ansonsten virtuos aufspielenden Gitarristen mit der anschließenden Courante, spätestens aber mit der von kurzen, frischen Phrasen durchzogenen Angloise die Stimmung des Werks voll zur Entfaltung zu bringen. Die hohe musikalische Qualität des Vortrags, welche im Verlauf der Suite stetig zunahm, zeigte sich besonders in der dynamisch fein ausdifferenzierten Spielweise Illarionovs. So etwa zu beobachten in der abschließenden Passacaille, dem wohl bekanntesten Stück des Werkes: hohes Tempo trifft hier auf eine detaillierte Abstufung der Lautstärke bei gleichzeitig anspruchsvoller Verzierung. Die spieltechnische Umsetzung gelang dem Musiker auf emotionale und mitreißende Weise.

Es folgte die Uraufführung der – wie Illarionov das Werk im Voraus ankündigte – Passacaille mysterioso des russischen Komponisten Andrey Zelensky (*1963) und mit ihr der vorzeitige Höhepunkt des Konzertabends. Das Stück, für das der Instrumentalist von der Laute zur Konzertgitarre wechselte, offenbarte bereits in den ersten Takten den völlig eigenen musikalischen Duktus Zelenskys: Zerklüftete Melodielinien wechselten in hohem Tempo mit perkussiven Elementen, eingeschobenen Flageoletttönen und plötzlichen Pausen. Dabei verfügte der Gitarrist souverän über alle Mittel der musikalischen Gestaltung, variierte vielfältige Anschlagstechniken und veränderte beständig die Haltung seines Instruments, um den differenzierten Spielanweisungen Folge zu leisten.

Die eigentliche Form der Passacaglia blieb zwar oftmals nur schwer nachzuvollziehen, nicht aber die programmatische Ausdeutung des Werktitels, die in der Verdichtung des thematischen Materials zu einer immer wieder von chromatischen Melodieverläufen durchzogenen, geheimnisvollen Atmosphäre zum Ausdruck kam. Deutlich stärker noch als im vorangegangenen Stück schien Illarionov mit der Komposition zu verschmelzen, sich von deren ständigen Wandlungen mitreißen zu lassen. Der angestrebte mysteriöse Charakter der Passacaille kulminierte schließlich in ihrem szenisch anmutenden Schlussteil, in dem der Gitarrist die traditionellen Grenzen seines Instrumentes sprengte und vereinzelt gesungene Töne in dessen Klangkorpus hauchte. Illarionov, der bereits 2009 ein Werk Zelenskys zur Uraufführung gebracht hatte, demonstrierte in dem temporeichen und von beständigem Wechsel durchzogenen Stück nicht nur das Ausmaß seiner technischen, sondern ebenso seiner expressiven Fähigkeiten und konnte somit die außergewöhnliche Stimmung auf sein Publikum übertragen.

Auch im weiteren Verlauf stellte der Gitarrist moderne Kompositionen von Dušan Bogdanović (*1955) und Alexandre Tansman (1897–1986) mit bewusster Selbstverständlichkeit neben barocke Meisterwerke und schaffte somit ein vielgestaltiges und kontrastreiches, gleichzeitig aber ausgewogenes Programm. Besonders hervorzuheben ist die Interpretation der bekannten Chaconne aus der Partita Nr. 2 in d-Moll BWV 1004 Johann Sebastian Bachs (1685-1750) in einer eigenständigen Gitarren-Bearbeitung Illarionovs. In dieser gelang es dem Interpreten, trotz des hohen Schwierigkeitsgrades des Stückes, die häufig auftretenden extrem schnellen Zweiunddreißigstel-Figurationen nicht technisch-maschinell wirken zu lassen, sondern viel mehr musikalisch in ihrer gesamten emotionalen Tiefe zu entfalten. Die erneut bemerkenswert feine dynamische Abstufung sowie die klare Ausdifferenzierung der Einzelstimmen rundeten den Vortrag ab und machten die Chaconne in ihrer kompositorischen Anlage mit gleichbleibender Basslinie beeindruckend fassbar.

Mit zwei Werken des bedeutenden südamerikanischen Komponisten Agustín Barrios Mangoré (1885–1944) sowie dem Capriccio diabolico op. 85 des Italieners Mario Castelnuovo-Tedesco (1895–1968) – einer Hommage an den legendären Geigenvirtuosen Niccolò Paganini – spannte Illarionov erneut den Bogen zur modernen Gitarrenliteratur und setzte den offiziellen Schlusspunkt in einem insgesamt mitreißenden Abend.

Für den lautstarken Applaus der Zuhörerschaft, begleitet von frenetischen Beifallsrufen, bedankte sich Dimitri Illarionov mit einer zweifachen Zugabe, darunter ein technisch-verspielter Variationssatz basierend auf der populären Melodie zum Singspiel Mein Hut der hat drei Ecken.

Pascal Schiemann

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