Tief empfunden und leidenschaftlich bewegt: Zwei Meister musizieren in der Aula

19.01.2012 von Corinna Bertz in Studium und Lehre, Campus
Die Veranstalter der aula konzerte halle besitzen ein feines Gespür und eine glückliche Hand dafür, hochkarätige Solisten und Musiker mit abwechslungsreichen Programmen für ihre Reihe zu gewinnen. So auch im Fall der beiden russischen Interpreten, die mit ihren exzellenten Darbietungen kammermusikalischer Werke von Robert Schumann, Alban Berg, Johannes Brahms, Camille Saint-Saëns und Francis Poulenc am 18. Januar einen facettenreichen Abend in der Aula der Universität gestalteten.
Mikhail Beznosov, der erste Klarinettist des Nationalen Philharmonischen Orchesters Russlands, und der meisterhafte Pianist Viacheslav Poprugin gastierten am 18. Januar in der Aula der MLU.
Mikhail Beznosov, der erste Klarinettist des Nationalen Philharmonischen Orchesters Russlands, und der meisterhafte Pianist Viacheslav Poprugin gastierten am 18. Januar in der Aula der MLU. (Foto: Maike Glöckner)
Mikhail Beznosov unterrichtet er am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium und der Gnessin-Musikakademie.
Mikhail Beznosov unterrichtet er am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium und der Gnessin-Musikakademie.
(Foto: Maike Glöckner)

Der Bogen reichte von scheinbar kleineren Werken für die Besetzung von Klarinette mit Begleitung des Klaviers zu großen Sonaten unterschiedlicher stilistischer Richtungen und eröffnete ein weites Feld für unterschiedlichste Klangspektren, stupende Virtuosität sowie ausgesprochen fein strukturierte musikalische Nuancen im Zusammenspiel beider Künstler.

Am Beginn standen die Drei Fantasiestücke op. 73 von Robert Schumann (1810–1856), die in einer sehr produktiven Schaffensphase des Komponisten entstanden. Auffallend sind die Abkehr vom traditionellen Sonatensatzbau und die Verwendung freier, lyrisch gehaltener Formelemente, die den Grundcharakter dieser Stücke prägen. Mihail Beznosov verstand es, die groß angelegten melodischen Bögen mit ebensolcher Atemspanne auszuführen. Die Tonbildung war unmittelbar direkt, steigerte sich in ausladenden Crescendi oder schwelgte in den weichen Tiefen empfindsam-nachdenklicher Momente. Viacheslav Poprugin unterlegte mit seinem innigen und klug ausbalancierten Begleitspiel diese duftigen Stimmungsbilder.

Schroffe Klanggebäude und wuchtige Apreggien

Einen denkbar großen Kontrast dazu boten die Vier Stücke op. 5 von Alban Berg (1885–1935). In kompromisslos freier Form, was sie so grundsätzlich von denen Schumanns unterscheidet, versuchte Berg seine eigene Tonsprache zum Ausdruck zu bringen. Fein angespielte Töne entwickeln sich zu schroffen Klangkonstruktionen voller abrupter dynamischer Wechsel und eigenwilliger Spieltechniken. Alle diese vielschichtigen Aspekte beleuchtete Mihail Beznosov mit einem eher zum Lyrischen neigenden Grundton statt einer zu ausgelassener Expression neigenden Spielweise. Viacheslav Poprugin meisterte das kantige, mit wuchtigen Arpeggien oder mal an einen Trauermarsch erinnernde Begleitgerüst dieser Miniaturen auf hervorragende Weise.

Johannes Brahms (1833–1897) komponierte 1894 zwei Sonaten für Klarinette und Klavier, von denen die zweite in Es-Dur op. 120 den folgenden Programmpunkt bildete. Erstaunlich, wie rein und ausgewogen es der Klarinettist verstand, die jeweiligen Themen mit ihren reichen Variationsketten abwechslungsreich zu gestalten. Jeder Ton wurde dabei zutiefst empfunden und intelligent phrasiert. Sein Begleiter realisierte diese so leidenschaftliche Musik mit kraftvollem, männlichem Spiel.

Saint-Saëns, zart koloriert

Eine Sonate von Camille Saint-Saëns (1835-1921) – ebenfalls in Es-Dur, op. 167 – eröffnete den zweiten Teil des Konzerts. In seinem letzten Lebensjahr entstanden, reflektiert und bündelt die Sonate das kammermusikalische Schaffen des in Frankreich der damaligen Zeit einst hoch angesehenen und als fortschrittlich geltenden Komponisten. An der Wende zum 20. Jahrhundert schlug er aber nicht, wie einige seiner komponierenden Zeitgenossen, den Weg in die Moderne ein, sondern blieb traditionellen Formen treu, was seinem Werk bald einen altväterlichen Ruf einbrachte. Solche Vorwürfe erweisen sich beim Hören dieser so amüsant verspielt-tänzerischen Musik als unhaltbar. Beznosov und Poprugin stellten ihre Virtuosität mit diesem zart kolorierten Glanzstück einmal mehr unter Beweis: Mit tragender Kantabilität, einem delikaten Wechselspiel zwischen den Instrumenten der jeweils solistisch hervortretenden Passagen und perlend melodischen Läufen wird das Kostbare dieses Werkes um so deutlicher hervorgehoben.

Zum Schluss erklang eine Sonate von Francis Poulenc (1899–1963) aus dem Jahr 1962. Die Gegensätzlichkeit könnte in diesem Werk nicht größer sein: Zwei langsamen, melodischen Sätzen folgt ein drittes, rhythmisch stark akzentuiertes und von schelmischer Motivik geprägtes Finale. Angeregt wurde diese Komposition durch den Jazzklarinettisten Benny Goodman, was Poulenc auch dazu veranlasste, einige Jazzformen in das Werk einzubeziehen. Das alles wurde ganz wunderbar gestaltet; beider Vortrag zeugte noch einmal von großem musikalischem Verständnis sowie profunder Einfühlungsgabe in die verschiedenen stilistischen Besonderheiten.

Die Reaktionen des Publikums äußerten sich in Jubelrufen und lautem Beifall, wofür sich beide Musiker mit zwei Zugaben bedankten: einer Canzonetta von Gabriel Pierné (1863–1937) und einer Bearbeitung der berühmten Vocalise von Sergej Rachmaninoff (1873–1943).

(Rezension: Tony Kliche)

Weitere Informationen: www.aulakonzerte.uni-halle.de

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