Syrische Studierende in Halle: Perspektiven gesucht

24.01.2013 von Corinna Bertz in Studium und Lehre, Campus
90 syrische Studierende und Promovenden der MLU bangen um Freunde und Familie in der Heimat. Ihre eigene Lage ist zum Teil ebenfalls kritisch: Manche wissen noch nicht, wie sie die nächsten Monate finanzieren sollen. Dadurch ist auch ihr Aufenthaltsstatus gefährdet. Am 22. Januar berichteten Betroffene im Melanchthonianum von ihrer Notlage. Auf Einladung von Studierendenpfarrer Johann-Hinrich Witzel waren auch Vertreter von Vereinen, Stadt, Medien und Uniangehörige gekommen.
Über die Probleme und Perspektiven syrischer Studierender an der MLU sprachen Betroffene und Unterstützer auf einer Abendveranstaltung der ESG.
Über die Probleme und Perspektiven syrischer Studierender an der MLU sprachen Betroffene und Unterstützer auf einer Abendveranstaltung der ESG. (Foto: Diakonie Mitteldeutschland)

„Meine Familie ist auf der Flucht. Aus Angst um sie kann ich mich nicht auf das Studium konzentrieren“, schreibt eine syrische Studentin, deren Brief an diesem Abend anonym vorgelesen wird. Über Facebook hat sie von der Ermordung eines Verwandten erfahren. Auch ihre finanziellen Nöte und der bald auslaufender Reisepass bereiten ihr große Sorgen. Entführung, Enthauptung, Selbstmord, Vergewaltigung – jeden Tag können neue Schreckensmeldungen aus der Heimat kommen. „Ich rechne immerzu mit Anschlägen auf Verwandte. Körperlich bin ich im Studium zwar noch anwesend, geistig und seelisch aber bin ich in Syrien, bei meiner Familie“, berichtet ein anderer Student.

Doktorand Jim Dakoury und Pfarrer Johann-Hinrich Witzel
Doktorand Jim Dakoury und Pfarrer Johann-Hinrich Witzel
(Foto: Corinna Bertz)

Hinzu kommt eine weitere Belastung: „Die Finanzierung durch Eltern oder durch syrische Stipendien ist seit anderthalb Jahren nicht mehr möglich“, sagt Jim Dakoury. Der Doktorand aus Aleppo ist seit fünf Jahren in Deutschland und fordert langfristige finanzielle Hilfe für die Betroffenen. Ende Januar laufen auch die Stipendien aus, die über die MLU für drei Monate an 28 Studierende und Promovenden verteilt werden konnte. Das Geld für Miete, Krankenkasse und Lebensmittel ist bei vielen syrischen Studenten knapp.

Einige hätten jetzt schon das Studium aufgegeben und sich fürs Arbeiten entschieden, berichtet Dakoury, denn: „Als Student aus dem Ausland dürfen wir nur ein paar Monate im Jahr arbeiten und dieser Verdienst deckt nur ein Drittel dessen ab, was wir jährlich brauchen.“ Aber selbst die Möglichkeit, Arbeiten zu gehen, bliebe vielen wegen ihres Aufenthaltstatus‘ verwehrt: „Drei-Monate-Aufenthaltsbescheinigungen reichen nicht, um arbeiten zu können“, kritisiert ein Student im Hörsaal. Oft werde zu langsam gehandelt. Die Ausländerbehörde Halle versuche alles, um zu helfen, versichert die Integrationsbeauftragte der Stadt Petra Schneutzer. „Wir reizen alles aus, was möglich ist.“

Innenminister Holger Stahlknecht kündigte diese Woche an, den syrischen Studierenden eine befristete Aufenthaltserlaubnis zu ermöglichen. „Solche Änderungen können nur erreicht werden, wenn Ihre Notlage auch bekannt ist", sagt Pfarrer Hinrich Witzel von der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG). Deshalb sei es auch wichtig, jemanden zu benennen, der für die Gruppe spreche und ihre Interessen vertrete. „Ihre Stimme muss gehört werden, auch in den Medien!“ Viele Betroffene befürchten aber, dass ein Schritt in die Öffentlichkeit ihre Familie in Syrien gefährden könnte.

Wer hilft wie?

28.000 Euro konnten aus dem ökonomischen Notfond der Diakonie Mitteldeutschland an syrische Studierende in Mitteldeutschland vergeben werden. „Diese Spenden waren schon einmal aufgebraucht. Jetzt können aber wieder Anträge gestellt werden“, sagt Pfarrer Witzel. Die ESG organisiert u.a. die Vergabe von Mitteln aus dem Ökumenischen Nothilfefonds des Diakonischen Werkes und steht mit vielen der Studierenden eng in Kontakt. Sie bietet auch Beratung und psychologische Betreuung an.

Der Verein „Hilfe für ausländische Studierende e. V.“ (HauS) an der MLU konnte bislang ein Dutzend Studierende finanziell unterstützen. „Wir haben zwei große anonyme Spenden speziell für syrische Studierenden erhalten“, erzählt die Geschäftsführerin Dr. Margarete Wein. Zuletzt rief HauS gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer Sachsen-Anhalt zu weiteren Spenden auf. Auch der hallesche Verein „Hilfe für Flüchtlinge und Aussiedler e.V.“ unterstützt zurzeit eine syrische Studentin über gesammelte Spenden.

Das International Office der MLU konnte für die Zeit von November 2012 bis Januar 2013 Mittel verteilen, die das Auswärtige Amt zur Verfügung stellte. „Dadurch konnten wir 28 syrische Studierende und Promovenden mit je 500 Euro monatlich unterstützen“, sagt die Leiterin des International Office Dr. Manja Hussner. Alle syrischen Studenten und Promovenden wurden vom International Office über diese Stipendien informiert. Jeder Antragsteller hat das Geld erhalten. Sieben Studenten und Promovenden mit Kind erhielten 300 Euro zusätzlich im Monat. Die Universität habe auch eigene Mittel zur Verfügung gestellt – beispielsweise aus Mitteln für Projekte im Nahen Osten, die aufgrund der Situation vor Ort nicht ausgeschöpft werden konnten.

„Wir wissen um die Probleme der syrischen Studierenden“, sagt Manja Hussner. In Gremiensitzungen suche man an der Universität derzeit nach neuen Wegen, um zu helfen. „Die Universität will jede Möglichkeit der Unterstützung ergreifen.“ Das Problem: „Uns stehen zurzeit keine weitere Mittel zur Verfügung.“ Auch das vom Bund über den DAAD vergebene Geld sei nur einmalig vergeben worden. Das International Office vermittelt weiterhin fremdsprachige und psychologische Beratungen. Das Career Center der MLU bietet für syrische Studierende Sondertermine zur Beratung an.

Das Studentenwerk Halle bietet verschiedene Beihilfen für Studierende in finanzieller Notlage. Dazu gehören die Übernahme nicht gezahlter Krankenversicherungsbeiträge für bis zu vier Monate, kostenfreie Mittagessen (Freitischessen), Buchbeihilfen von bis zu 50 Euro im Semester sowie ein rückzahlbares Studienabschlussdarlehen bis zu höchstens 8.040 Euro. "Bisher kamen 13 syrische Studierende zu unserer Sozialberatung, wobei neben finanziellen Schwierigkeiten insbesondere auch Fragen zum Aufenthaltsrecht im Vordergrund standen", sagt Studentenwerks-Sprecher Thomas Faust. "Wie kann ich länger in Deutschland bleiben?" oder "Wie kann ich meine Familie sie aus Syrien nach Deutschland holen?" seien dabei die häufigsten Fragen gewesen.

Auch der Studierendenrat (soziales@stura.uni-halle.de) bietet Beratungen und ein zinsloses Sozialdarlehen in Höhe von bis zu 1000 Euro an. Dies kann nach Ende der finanziellen Notlage in kleinen Beträgen von monatlich 20 Euro zurückgezahlt werden.

Wohin spenden?

Der gemeinnützige Verein "Hilfe für ausländische Studierende" an der MLU bittet weiterhin um Spenden auf das Spendenkonto:

Hypo Vereinsbank Halle

Bankleitzahl: 80020086

Konto-Nr.: 5100201323

Stichwort: Syrienhilfe

Die Diakonie Mitteldeutschland betreibt im Namen der Studierendengemeinden ein Onlinespendenportal. Die Spenden fließen in den Nothilfefonds, durch den syrische Studierende über die Evangelischen Studierendengemeinden in Halle, Magdeburg, Jena und Ilmenau unterstützt werden.

Ansprechpartner: Evangelische Studierendengemeinde

Johann-Hinrich Witzel

Telefon: 0345-960 197 84

E-Mail: witzel@halle-esg.de

Hilfe für ausländische Studierende e.V.

Dr. Margarete Wein

Sprechstunde mittwochs von 10 bis 12 Uhr

im Löwengebäude (Infothek links)

E-Mail: margarete.wein@haus.uni-halle.de

International Office der MLU

Esther Smykalla

Telefon: 0345-5521538

E-Mail: esther.smykalla@international.uni-halle.de

Dr. Manfred Pichler

Telefon: 0345-5521313

E-Mail: manfred.pichler@international.uni-halle.de.

Studentenwerk

Dr. Petra Bebert

Telefon: 0345-68473187

E-Mail: sozialberatung@studentenwerk-halle.de

Uta-Signeu Römbach

Telefon: 0345-6847520

E-Mail: sozialberatung@studentenwerk-halle.de

Text: Corinna Bertz

Schlagwörter

ESG

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