Straßenbahnführerschein für die Forschung

15.03.2016 von Corinna Bertz in Forschung, Wissenschaft
Der Beruf des Straßenbahnfahrers ist ein stressiger Job, der mit einer Reihe von Problemen behaftet ist: Er trägt nicht nur Verantwortung für sich und die Fahrgäste, es kommen auch andere Faktoren, wie Zeitmanagement, Isolation und Schichtarbeit hinzu. Zu diesen Punkten forschen Therese Kästner und Florian Henze vom Institut für Psychologie der Uni Halle. Nebenbei sind die Psychologen auch auf den Gleisen der Stadt Halle unterwegs: Die beiden sind ausgebildete Straßenbahnfahrer.
Florian Henze und Therese Kästner von der Abteilung Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie der Uni Halle forschen zum Gesundheitszustand von Straßenbahnfahrern.
Florian Henze und Therese Kästner von der Abteilung Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie der Uni Halle forschen zum Gesundheitszustand von Straßenbahnfahrern. (Foto: Maria-Luise Kunze)

„Meine Lieblingslinie ist die Linie 5 Richtung Merseburg“, sagt Florian Henze und fügt hinzu: „Die Fahrt dauert anderthalb Stunden, es ist eine angenehme Strecke und man fährt sogar an Alpakas vorbei.“ Zusammen mit seiner Kollegin Therese Kästner hat er im Rahmen des Forschungsprojektes „Psychische Belastungen bei Berufsfahrern analysieren, bewerten und gestalten“ den Straßenbahnführerschein absolviert. Seit Frühling 2015 sind die beiden offiziell neben ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiter der Abteilung Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie auch als Zusatzfahrer bei der Halleschen Verkehrs-AG (HAVAG) tätig. Schon in der Vergangenheit hat die Abteilung mit den Stadtwerken zusammen gearbeitet, zu denen die HAVAG seit 2009 gehört. In diesem Zusammenhang entstand auch das Projekt zur Gesundheit von Straßenbahnfahrern.

Seit 2013 muss die Gefährdung von psychischen Belastungen durch den Arbeitgeber ermittelt werden, so schreibt es das Arbeitsschutzgesetz vor. Dadurch sind vor allem Arbeitspsychologen für die Erstellung von Gefährdungsbeurteilungen für Unternehmen wichtige Ansprechpartner. „Unsere Aufgabe ist es festzustellen, ob es bei Straßenbahnfahrern psychische Belastungen gibt, die dauerhaft eine Gefährdung für die Gesundheit der Beschäftigten darstellen können“, erläutert Therese Kästner. Die HAVAG habe großes Interesse an der Gesundheit ihrer Mitarbeiter und unterscheide sich mit der Realisation eines solchen Projekts von anderen Verkehrsunternehmen. Zudem habe die aktuelle Forschung kaum etwas in Bezug zu Belastungen bei Straßenbahnfahrern vorzuweisen.

Für ihr Forschungsprojekt arbeiten die Arbeitspsychologen Kästner und Henze mit der HAVAG zusammen.
Für ihr Forschungsprojekt arbeiten die Arbeitspsychologen Kästner und Henze mit der HAVAG zusammen.
(Foto: Maike Glöckner)

„Unser Ziel war es zunächst, den Straßenbahnfahrern den Sinn unseres Projektes zu vermitteln, damit sie wissen, warum sie mitmachen sollen und motiviert sind“, sagt Henze. Die subjektive Befragung ist bereits abgeschlossen und wird gerade ausgewertet: Die Fahrer wurden interviewt und mithilfe von Fragebögen zu ihren Arbeitsbedingungen und ihrem Erleben bei der Arbeit befragt. Ein interessantes Ergebnis ist, dass die Straßenbahnfahrer einzelne Arbeitsbedingungen teilweise sehr unterschiedlich einschätzten, obwohl sie objektiv gesehen nahezu identische Bedingungen an ihren Arbeitsplätzen haben. Wie dies zu erklären ist, wollen Kästner und Henze noch herausfinden.

Blick hinter die Kulissen dank Straßenbahnführerschein

Zurzeit begleiten die Arbeitspsychologen die Fahrer bei ihren Diensten. „Wir wollen feststellen, was alles bei einer Schicht passieren kann und mit welchen Problemen Straßenbahnfahrer täglich konfrontiert werden“, meint Therese Kästner. „Viele Fahrgäste haben sich wahrscheinlich noch nie Gedanken darüber gemacht, dass die kleinste Störung während der Fahrt für den Fahrer bedeuten kann, dass seine einzige Pause in zwei Stunden statt sieben Minuten nur noch zwei Minuten lang ist.“

Was Kästner und Henze von anderen Forschungsgruppen der Psychologie unterscheidet? Zusätzlich zur subjektiven Analyse mittels Fragebögen nutzten sie objektive Methoden, die einen Blick auf die Arbeitsbedingungen unabhängig von der individuellen Sicht der Betroffenen zulassen. Sie schauen sich nicht nur das Verhalten an, sondern auch die Verhältnisse: „Alles was von außen als Belastungen auf den Menschen einströmt, hat zur Folge, dass gewisse Beanspruchungen entstehen, zum Beispiel kann der Fahrer müde sein oder Stress empfinden“, erklärt Henze.

Erste Ergebnisse werden 2016 ausgewertet

Ziel müsse es sein, die Arbeitsverhältnisse dem Fahrer so gut es geht anzupassen. Bei dem Beruf des Straßenbahnfahrers sei dies besonders spannend, denn hier sei der Gestaltungsspielraum relativ gering. „Im Vergleich zu jemandem, der im Büro arbeitet, kann ein Straßenbahnfahrer nicht viel an seiner physischen Situation und der Umgebung verändern“, sagt Kästner.

Im Laufe des Jahres 2016 sollen die Ergebnisse gemeinsam mit den Straßenbahnfahrern und der HAVAG besprochen werden. „Wir wollen erste Vorschläge zur Verbesserung unterbreiten. Diese sollen dann in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen und den Fahrern geprüft, umgesetzt und im Verlauf des Jahres 2017 hinsichtlich ihrer Wirksamkeit getestet werden“, so Henze.

Bis dahin werden Therese Kästner und Florian Henze selbst hinter dem Steuer sitzen. So können sie die Belastungen der Fahrer nachvollziehen. Für beide sei die Isolation in der Fahrerkabine das Schlimmste. „Man freut sich umso mehr über jegliche Geste und ein Dankeschön von Fahrtgästen“, sagt Henze. Maria-Luise Kunze

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Psychologie

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