Sarajevo–Wien und vorwärts zurück

11.04.2012 von Corinna Bertz in Rezension, Wissenschaft
Mile Stojić – Kenner nennen ihn „Dichter der metaphysischen Nostalgie“, „Dichter der großen jugoslawischen Tragödie“ und „Dichter der Liebe“ – zählt zu den bedeutendsten Lyrikern, Essayisten und Journalisten einer Heimat, die für ihn „Zwischen verfeindeten Völkern“ liegt. 1992 vertrieb ihn der Bürgerkrieg, die flüchtige Zeit sah ihn viele Jahre lang in Wien. Dort lebte und arbeitete er, mit Unterbrechungen, immer auf eine bessere Zukunft hoffend, bis zur endgültigen Rückkehr nach Sarajevo, wo er sich jetzt wieder zu Hause fühlt.
Mile Stojić: Cherubs Schwert. Gedichte und Essays. Aus dem Kroatischen von Cornelia Marks, in: bibliothek SÜDOST, neue lyrik, band 52, Leipzig 2012.
Mile Stojić: Cherubs Schwert. Gedichte und Essays. Aus dem Kroatischen von Cornelia Marks, in: bibliothek SÜDOST, neue lyrik, band 52, Leipzig 2012.

Hierzulande ist seine Leserschaft noch nicht sehr groß, obgleich schon Bücher von ihm in deutschen Übersetzungen erschienen sind: 2001 „Fenster Worte. Ein bosnisches Alphabet“ (Essays), und 2006 „Das ungarische Meer“ (Gedichte). Bereits im Jahr 1995 war er in Wien Mitherausgeber der Anthologie „In Schmerz mit Wut“ – ins Deutsche übersetzte bosnische Kriegsliteratur. Sowohl im früheren Jugoslawien als auch in Bosnien und Herzegowina wurde Stojić mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt. Bis heute wandert er unstet zwischen realen und literarischen Welten umher.

Ende 2011 brachte nun der Leipziger Literaturverlag – gefördert vom Kulturministerium der Republik Kroatien – in der Reihe „neue lyrik“ einen Auswahlband mit 60 Gedichten und 8 Essays des kroatischen Literaten heraus. Cornelia Marks, Slawistin und Absolventin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, hat die Texte ins Deutsche übertragen und nachgedichtet; sie steuerte auch eine aufschlussreiche und einfühlsame Analyse „Zum Motiv ‚Cherubs Schwert’ in der Lyrik Mile Stojićs“ bei. Das Schwert der Cherubim steht schon in der Bibel für die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies, den im Herkunftsland des Dichters von Tausenden tausendfach erlebten und erlittenen Heimatverlust. Und dennoch! „Der Leib ist müde, doch die Seele nicht, sie träumt noch leise …“, heißt es am Ende des Gedichts von „Cherubs Schwert“. Die Hoffnung stirbt, man weiß es, zuletzt.

Wer bisher nichts von Mile Stojić kennt, beginnt am besten mit dem zweiten Teil, mit den Essays. Sie lassen den zuvor Unbekannten bald vertraut erscheinen und stellen einen meist elegischen, sehr selten zaghaft hoffenden Grundton her, auf dem dann die lyrischen Farben umso kraftvoller strahlen, diese „Metaphern über Gut und Böse, / Über gute Zwerge und ein böses Schneewittchen, / Lügen von Rettung“, die Beschwörungen einer besseren Zeit, da die „… Zweige Winter, Frost und Schmerz vergessen / Mit jedem neuen Frühling und jeder neuen Blüte“ in den Morgendämmerungen einer tiefen Vorweihnachtszeit.

Mile Stojić ist in der deutschsprachigen Literatur fast so gut zu Hause wie in der eigenen, nicht erst seit seiner Zeit im österreichischen Exil. In seinen Gedichten und Aufsätzen finden sich oftmals Motive, Zitate, berührende Bezüge und auch Auseinandersetzungen von, zu und mit deutschen oder österreichischen Dichtern: Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Bertolt Brecht, Paul Celan, Peter Handke, Rainer-Maria Rilke und anderen. Im vorliegenden Band sind das vor allem das Gedicht „Notiz zur Todesfuge Paul Celans“ und der Prosatext „Eine Fuge für Ingeborg“ – deren wunderbare Gedichtsammlungen „Die gestundete Zeit“ und „Anrufung des Großen Bären“ für Stojić „Juwelen der modernen deutschen Sprache“ sind.

Welche Verse aus „Cherubs Schwert“ hier zu zitieren wären, um die Kauflust potenzieller Leser zu wecken, das ist ein nicht lösbares Problem; fast ausnahmslos jedes Gedicht hätte es verdient, erwählt zu werden. So soll es nochmals und nun im Ganzen das Titelgedicht sein:

Cherubs Schwert Es stach hindurch. So gut es konnte. Und es wusste. Durch Glut und Lava, vor des Cherubs Schwert, Über den Henkersplätzen, wo das Auge stehen musste, Die Lippe riss am Glas, der Wein war kaum geleert. Es stach hindurch. Wie es sich gab. Es wagte. Gesichter blieben eingefroren. da kein Lächeln lohnte. Die Seele schneite fort, im Leib, der nicht entsagte. Fragt sich, was für Gefilde sind das? Wer hier wohnte? Es stach hindurch. Frag nicht woher. Mit welcher Bürde. Der Leib ist müde, doch die Seele nicht, sie träumt noch leise, Dass bald ein Ende dieser eisigen Winter kommen würde, Oder vielleicht das Ende dieser quälend langen Reise.

Und noch etwas, das besonders Sprachbewanderte und -interessierte zum Erwerb des Buches bewegen sollte: Alle Gedichte von Mile Stojić sind hier in beiden Sprachen, Kroatisch und Deutsch, abgedruckt! Das gibt es nicht mehr oft – mit Wehmut denken polyglotte Lyrik-Fans an die legendäre „Weiße Reihe“, die von 1967 bis 1991 im Verlag Volk und Welt erschien und in 113 Bänden mit einer Gesamtauflage von fast fünf Millionen Exemplaren (!) Gedichte von Dichtern aus 36 Ländern vorstellte, stets in ihrer Muttersprache und auf Deutsch …

Text: Margarete Wein

► Mile Stojić: Cherubs Schwert. Gedichte und Essays. Aus dem Kroatischen von Cornelia Marks, in: bibliothek SÜDOST, neue lyrik, band 52, Leipzig 2012, 220 Seiten. Gebunden. 24,95 €, ISBN 978-3-86660-134-5.

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