Reils Straße

16.04.2012 von Corinna Bertz in Varia, Im Fokus
Dr. Usus Zeitgeist (Heft 2/2012) hat uns darauf hingewiesen, dass das „Erfinden“ nicht allein den Naturwissenschaftlern vorbehalten ist. Und er hat uns inspiriert: Es bedarf gar keines Blickes in die Ferne, um jemanden ausfindig zu machen, der Erfindergeist auch auf gewissermaßen geisteswissenschaftlichem Gebiet bewiesen hat. Ein Blick in die Geschichte unserer Alma mater halensis oder allein durch das Halle von heute genügt …

Wer in Halle eine „Fotografie“ seines Knochengerüsts benötigt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit mit dem Namen dieses Gelehrten konfrontiert. Auch den Blicken eines aufmerksamen Zoobesuchers wird seine Grabstätte nicht entgehen. Die Rede ist von Johann Christian Reil (1759–1813), zeitweise Studiosus der Martin-Luther-Universität, von 1787–1810 Mediziner und Ordinarius der Medizinischen Fakultät an der halleschen Universität.

„Ein Mediziner – ein Naturwissenschaftler!“, mag jetzt der ein oder andere denken, aber: Ruhig Blut.

Johann Christian Reil (1811). Quelle: wikipedia.org; H. Dähling (Zeichner), F.W. Bollinger (Stecher).
Johann Christian Reil (1811). Quelle: wikipedia.org; H. Dähling (Zeichner), F.W. Bollinger (Stecher).

Ja, Reil war Mediziner, bekannt sicherlich vor allem aufgrund seiner Verdienste im Bereich der Hirnanatomie. So beschrieb er z. B. erstmals im Jahre 1796 die Inselrinde, die nach ihm insula reilii benannt wurde ... Johann Christian Reil war aber auch: Denker, Philosoph. Reformer. Er wartete nicht nur mit einem Neologismus auf, sondern begründete die dazugehörige Disziplin, die aus unserer heutigen Welt nicht mehr wegzudenken ist: die Psychiatrie.

Im Jahre 1808 erwähnt Reil in seinem Artikel Ueber den Begriff der Medicin und ihre Verzweigungen, besonders in Beziehung auf die Berichtigung der Topik der Psychiaterie nicht nur erstmals den Begriff der „Psychiaterie“. In der beinahe 120 Seiten umfassenden Schrift erläutert er darüber hinaus, dass und warum eine eigenständige Fachrichtung für psychische Störungen innerhalb der Medizin erforderlich sei.

Schon in seinen Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, erschienen im Jahre 1803, kritisiert Reil: „Wir sperren diese unglücklichen Geschöpfe [psychisch Erkrankte] gleich Verbrechern in Tollkoben, […] in öde Klüfte über den Stadtthoren, oder in die feuchten Kellergeschosse der Zuchthäuser ein, wohin nie ein mitleidiger Blick des Menschenfreundes dringt, und lassen sie daselbst, angeschmiedet an Ketten, in ihrem eigenen Unrath verfaulen.“

Gern wird Reil aufgrund seiner Forderungen an die Behandlung psychisch Kranker als „deutscher Pinel“ bezeichnet, da er wesentliche Aspekte von dem Franzosen Philippe Pinel übernommen hat, der kurz vor ihm Mitte der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts mit der Behandlung solcher Fälle begonnen hatte.

Reil hatte jedoch nicht nur den Psychiater – vom griech. ψυχὴ (Seele) und ἰατρός (Arzt) – als Facharzt erfunden; er hat an die Idee des Psychiaters ein umfassendes wissenschaftliches Konzept geknüpft.

So sollte die Psychiatrie gleichwertig als dritte Disziplin neben der inneren Medizin und der Chirurgie etabliert werden. Die Universitäten sollten eigens dafür Lehrstühle einführen. Der Arzt, der als „Seelenheiler“ fungieren könne, müsse einer der besten sein, über „Scharfblick, Beobachtungsgeist, Witz, guten Willen, Beharrlichkeit, Geduld, Uebung, einen inponirenden Körper, und eine Miene, die Ehrfurcht gebietet“, verfügen.

Neben der Konzeption dieses neuen medizinischen Wissenschafts- und Behandlungszweiges bestand Johann Christian Reils größtes Verdienst aber wohl darin, die Öffentlichkeit seines Heimatlandes auf die widrigen Umstände im Umgang mit psychisch Kranken und die Notwendigkeit einer Reform desselben aufmerksam gemacht zu haben.

Mit Philosophie zum Seelenheil

Daselbst mag ihn seine Neigung zur Philosophie hingebracht haben, die für Reil stets große Bedeutung als nicht minder wichtiges Werkzeug zum Erkenntnisgewinn innerhalb der Naturwissenschaften hatte, wovon seine Schriften Zeugnis ablegen. Sie galt ihm als Mittel, um den Gesetzmäßigkeiten der Natur der Dinge auf die Spur zu kommen. Damit hat er seinerzeit trotz zunehmender Spezialisierung gewissermaßen für Universalgelehrtheit plädiert, die im Verschwinden begriffen war.

Karl Joseph Stieler: Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1835). Quelle: wikipedia.org.
Karl Joseph Stieler: Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1835). Quelle: wikipedia.org.

Etliche Kritiker warfen dem Mediziner seine Zugewandtheit zur Schellingschen Naturphilosophie vor, tatsächlich aber mag die partielle Beeinflussung Reils nicht nur durch das Schellingsche Denken seinem Innovationsvermögen ein Fundament gegeben, und seine Produktivität auf naturwissenschaftlichem Gebiet gesteigert haben.

Schelling zufolge gibt es für die Natur keinen externen Bewirker, keinen außenstehenden Beweger – die Natur folgt ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten. Materie ist der Ursprung aller Dynamik, aller Bewegung und Entwicklung, und unendlich. Diese Vorstellung von einer autonomen, sich selbst bewegenden Natur fand wohl am ehesten Reils Zustimmung.

Beeinflußt vom „ketzerischen“ Spinozistischen Pan(en)theismus, in dem Gott mit der Natur ineinsgesetzt, nicht mehr als „extraterrestrisches“, übernatürliches (Geist-) Wesen betrachtet wird, das in einer für den Menschen undurchsichtigen Weise in die weltlichen Zusammenhänge eingreift, und Kantischer Aufklärung, die die Diesseitigkeit erlaubt, war Johann Christian Reil „moderner Materialist“. Seine Überlegungen gediehen nicht auf theologischem Fundament, nicht auf der Grundlage von vitalistischen oder mechanistischen Konzeptionen, sondern vielmehr auf der Annahme, jedes Ding in der Welt lasse sich durch seine Zusammensetzung aus verschiedenen Eigenschaften der Materie und deren Konstellation erklären.

Es mag dieser entmystifizierten, abgeklärten Geisteshaltung Reils zu verdanken sein, dass er Gründe für Geisteskrankheiten eher in Disharmonien der materiellen Zusammensetzung des Körpers vermutete, „Irre“ infolgedessen nicht etwa als von Gott Bestrafte, sondern als normale, aber kranke Menschen betrachtete, daher für deren Gleichbehandlung eintrat und die Psychiatrie erfand.

Text: Melanie Zimmermann

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