"Mein Alltag hat eine komplette Kehrtwende vollzogen."

26.01.2012 von Corinna Bertz in Studium und Lehre, Personalia, Campus
Mit 26 Jahren ist Jan Wagner der jüngste Landtagsabgeordnete in Sachsen-Anhalt. Der Student der Bioinformatik an der MLU sitzt für die Partei "Die Linke" im Magdeburger Landtag. Studium und Mandat unter einen Hut zu bringen, bereite ihm noch große Probleme, verrät er im Interview.
Jan Wagner beschäftigt sich vor allem mit Netzpolitik.
Jan Wagner beschäftigt sich vor allem mit Netzpolitik.
(Foto: privat)
Seit wann sitzen Sie im Landtag und wie haben Sie Ihren ersten Tag dort erlebt?

Ich wurde bei der Landtagswahl im März 2011 in den Landtag gewählt und bin über die Liste der Linken eingezogen. Nach der Wahl hatte ich viele 'erste Tage' im Landtag, die erste Fraktionssitzung, die ersten formalen Begegnungen mit der Verwaltung und natürlich den Tag der ersten Landtagssitzung. Letzterer war doch besonders. Als jüngstes Mitglied des Landtages wurde ich als Schriftführer bestellt und war somit direkt in den Ablauf der ersten Sitzung inklusive der Wahl des Ministerpräsidenten involviert. Ich war nicht besonders nervös, aber sehr konzentriert. Ich habe jede Minute genau mitverfolgt und wollte von Anfang an möglichst alles richtig machen.

Wie hat sich Ihr Alltag seitdem verändert?

Mein Alltag hat eine komplette Kehrtwende vollzogen. Im Studium konnte ich mich an die 60-Stunden-Wochen gewöhnen, doch die reichen nun manchmal auch nicht mehr. Wenn ich einen Tag in Magdeburg bin, bedeutet dies für mich fast 400 km Straße oder 4 Stunden Zugfahrt. Das muss man organisieren. Zudem gibt es gerade in meiner Heimatstadt Naumburg immer mehr Situationen, die eigentlich weniger mit Alltag zu tun haben, da ich auf einem Mal erkannt werde, oft von Leuten, die ich nicht kenne.

Tatsächlich habe ich noch große Probleme Studium und Mandat unter einem Hut zu bringen. Ich werde dafür demnächst im Mandat ruhiger treten und mir einen Tag in der Woche nur für das Studium reservieren. Ich habe vielen Leuten in meinem Umfeld gesagt, sie sollen mir immer Druck machen, dass ich das Wesentliche – und das ist das Studium – bei allen tollen neuen Aufgaben nicht vernachlässige.

Warum wollten Sie in den Landtag?

Ich habe für den Landtag kandidiert, um zum einen den Belangen meiner Heimatregion stärkeres Gehör in Magdeburg zu verschaffen und zum anderen das noch relativ neue Thema Netzpolitik in der Landespolitik zu etablieren. Außerdem nutze ich das Mandat, um stärker als ausschließlich ehrenamtlich politische Jugendarbeit und Projekte zur Demokratieentwicklung vor Ort zu unterstützen bzw. zu initiieren.

Was sind Ihre politischen Schwerpunkte?

Mein Schwerpunkt ist die Netzpolitik. Das heißt, ich bearbeite Themen wie Politik des Internets, Open-Data-Projekte, Breitbandausbau, Gesellschaftsentwicklung durch Social Media, Landesdatennetz usw. Das sieht konkret so aus, dass ich erst einmal sehr viele Informationen sammeln muss, da Netzpolitik als solche noch nicht bearbeitet wurde und ich auf keine Vorleistungen aufbauen kann.

Was wollen Sie in den fünf Jahren als Landtagsabgeordneter erreichen?

Als Oppositionsabgeordneter ist mein Einfluss auf die tatsächliche Gesetzgebung gering. Das Thema Netzpolitik gebietet es zurzeit ja auch noch mehr, überhaupt für eine entsprechende Sensibilisierung in allen politischen Lagern zu sorgen. Wenn zur nächsten Landtagswahl 2016 das Land Sachsen-Anhalt eine effektive Strategie für schnelles Internet etabliert, ein referenzielles Open-Data-Projekt und den Umstieg auf freie Formate im Geschäftsbereich gestartet sowie das Landesdatennetz möglichst kostengünstig ausgebaut hat, wäre ich für meinen kleinen Bereich schon zufrieden.

Ist die Politik nach dem Studium Ihr berufliches Ziel?

Politik ist ein schlechtes berufliches Ziel. Abgeordneter ist man nur auf Zeit und ich bin der Meinung, man muss, wenn man Politik macht, einen beruflichen Erfahrungshintergrund besitzen, der über die Politik hinausgeht. Nichtsdestoweniger hat mir das Studium viel gebracht. Gerade das Thema IT-Sicherheit sowie die technischen und gesellschaftlichen Potenziale der vernetzten digitalen Welt helfen beim Thema Netzpolitik weiter.

(Interview: Corinna Bertz und Tom Leonhardt) Jan Wagner ist nicht der einzige studierenden Abgeordnete an der MLU:

Interviews mit Franziska Latta, Henriette Quade und Patrick Wanzek folgen nächste Woche im Onlinemagazin.

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