"Lutherland": Wie aus katholischem Protest der Protestantismus erwuchs

21.08.2015 von Corinna Bertz in Forschung, Rezension, Wissenschaft
Ein schwer wiegendes Faktum der deutschen Geschichte: das „Lutherland Sachsen-Anhalt“, ins historische Visier genommen, auf rund 400 reich illustrierten Buchseiten komprimiert und vom Mitteldeutschen Verlag auf dem Markt gebracht. Gewissermaßen zur Einstimmung auf das halbtausendjährige Jubiläum, das 2017 – trotz aller Säkularisierung – in Sachsen-Anhalt, in Deutschland und weit darüber hinaus zu feiern sein wird.
Bei der Disputation in Wittenberg wird am kommenden Samstag über nachhaltige Entwicklung und globale Wirtschaftsethik diskutiert.
Bei der Disputation in Wittenberg wird am kommenden Samstag über nachhaltige Entwicklung und globale Wirtschaftsethik diskutiert. (Foto: Maike Glöckner)
Das Buch ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen.
Das Buch ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen.

Lutherkenner verschiedener Provenienz – von Bischöfen über emeritierte Professoren, Experten in Medien und Mundartforschung, einen renommierten Rechtshistoriker und den seit zwölf Jahren in diesem Amt wirkenden Direktor der Franckeschen Stiftungen bis zum ehemaligen Direktor der Lutherhalle Wittenberg – verlocken zu spannenden Erkundungen auf dem Feld frühneuzeitlicher Geschichte in Mitteldeutschland, einem schier unüberschaubar weitläufigen Terrain.

Zusammen mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg versammelte die Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt neun Autoren und eine Autorin, um den Spuren Martin Luthers in seiner Heimat nachzugehen, sein Wirken und Fortwirken unter diversen Aspekten zu beleuchten und beim Lesepublikum den Boden zu bereiten für ein würdiges Fest zum Jubiläum der Reformation. Das Buch lässt sich chronologisch lesen oder querbeet – für mich hieß der Einstieg „Martin Luther und die deutsche Sprache“, es folgten die Beiträge des Juristen, des Stiftungsdirektors und der Kirchenmänner.

Saskia Luther lässt die Charakteristika jener Sprachlandschaft lebendig werden, in die der Reformator hineingeboren wurde und auf deren weitere Entwicklung er prägend Einfluss nahm. Eine Karte (S. 189) zeigt das ostfälische Sprachgebiet „als sprachgeographisches Zentrum des Sächsischen Städtebundes“ etwa 100 Jahre vor Luther. Weit im Norden liegt Uelzen, im Westen Hameln, im westlichen Süden Göttingen; am äußersten östlichen bzw. südöstlichen Rand: Magdeburg, Halle und Merseburg. Das bedeutendste Sprachdenkmal der Vor-Lutherzeit in jener Region ist Eike von Repgows „Sachsenspiegel“, um 1225 entstanden und bis heute Forschungsgegenstand der (halleschen) Rechtsgeschichte.

Was Luthers Sprache angeht, schöpft die Verfasserin vor allem aus der sogenannten Weimarer Ausgabe. Diese 120 Bände mit insgesamt rund 80.000 Seiten umfassende „kritische Gesamtausgabe, die sämtliche Schriften Martin Luthers sowie seine von anderen aufgezeichneten mündlichen Äußerungen in lateinischer oder deutscher Sprache“ enthält, wurde 1883 zu seinem 400. Geburtstag begonnen und im Jahr 2009 beendet. Neben Luthers Schriften und Werken enthält sie 18 Bände Briefwechsel, 15 Bände Deutsche Bibel und 6 Bände Tischreden.

Heiner Lück meldet sich zweimal zu Wort: Die Leucorea als „geistigen Ausgangspunkt der lutherischen Reformation“ und „Rechtsprechung im Zentrum der lutherischen Reformation“ stellt er vor. Luthers nachhaltiges Wirken in Wittenberg begann (nachdem er 1508/09 wegen einer Vakanz in der zuvor vom Orden der Augustiner-Eremiten gelehrten Moralphilosophie ein erstes Gastspiel gab) im Jahr 1511, als er den endgültigen Wechsel von der alten Erfurter Hierana zur neuen, erst neun Jahre zuvor von Friedrich dem Weisen ins Leben gerufenen Universität Wittenberg vollzog.
Das Logo zum Reformationsjubiläum 2017.
Das Logo zum Reformationsjubiläum 2017.

Diese am Vorbild von Tübingen und Bologna orientierte Neugründung war die Folge der Aufspaltung der Dynastie der Wettiner in einen ernestinischen und einen albertinischen Zweig im Jahr 1485: Die seit 1409 bestehende wettinische Landesuniversität Leipzig lag nunmehr auf albertinischem Gebiet – die Ernestiner brauchten ein Pendant. In den ersten Jahren ihres Bestehens deutete noch nichts darauf hin, dass diese Hohe Schule bald einen wesentlichen Anteil daran haben würde, das Gesicht der christlichen Welt von Grund auf zu verändern.

1512 wurde Luther zum Doktor der Theologie promoviert. Als Professor für Bibelauslegung berufen, wirkte er zunächst wie viele seiner Kollegen – darunter Geistesgrößen wie Justus Jonas, Johannes Bugenhagen und Johann Agricola, ab 1518 Philipp Melanchthon – ganz im Sinne der konventionellen Kirche und des frühen Wittenberger „Augustinismus“. Allmählich erst wurde ihm und seinen Mitstreitern unter der Prämisse des Humanismus das Desiderat einer Kirchenreform bewusst. Dank der Erfindung des Buchdrucks verbreiteten sich die neuen Ideen schnell.

Studenten aus aller Welt kamen nach Wittenberg. Im 16. Jahrhundert studierten Tycho Brahe und Giordano Bruno hier, Ulrich von Hutten und Thomas Müntzer, im 17. Jahrhundert Paul Gerhardt und Martin Opitz sowie Benedikt Carpzov, der Begründer der deutschen Strafrechtswissenschaft, im 18. Jahrhundert als erster Schwarzafrikaner in Europa Anton Wilhelm Amo aus Ghana, Lessing und Novalis, Georg Wilhelm Steller und der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, Graf von Zinzendorf. Auch die Literatur spiegelte den Ruf der Leucorea: Hamlet und Dr. Faustus waren Studenten in Wittenberg.

In Halle hingegen wandelte „Francke in den Fußstapfen Luthers“ und sorgte für eine „Fortsetzung reformatorischer Anliegen im Halleschen Pietismus“ – im Herzen des „Lutherlands“, das als Markstein in der Geschichte des christlichen Glaubens quasi qua Amt auch katholische und protestantische Bischöfe fasziniert. Margarete Wein

► Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt in Zusammenarbeit mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg: Lutherland Sachsen-Anhalt, Halle 2015, 384 Seiten, zahlreiche Illustrationen, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-95462-475-1

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