„PopBio 2017“: Invasive Arten, Evolution und Klimawandel

11.05.2017 von Tom Leonhardt in Forschung, Wissenschaft
Weltweit sterben viele Pflanzenarten aus, während sich andere rasant verbreiten. Wie und warum das geschieht, erforschen Populationsbiologen weltweit. In der kommenden Woche treffen sich über 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Halle und tauschen sich von Donnerstag bis Samstag auf der „PopBio 2017“ über den aktuellen Stand ihrer Forschung aus. Der hallesche Geobotaniker und Mit-Organisator Prof. Dr. Helge Bruelheide spricht im Interview über die Hauptthemen der Tagung.
Mit Geräten wie dem Porometer können Biologen die Eigenschaften - hier den Wasserhaushalt - von Pflanzen im Feld untersuchen.
Mit Geräten wie dem Porometer können Biologen die Eigenschaften - hier den Wasserhaushalt - von Pflanzen im Feld untersuchen. (Foto: Maike Glöckner)

Seit mehreren Jahren beobachten Forscher einen extremen Rückgang der Artenvielfalt – welche Rolle spielt hier die Populationsbiologie?
Helge Bruelheide: Es stimmt – wir sehen, dass viele Arten aussterben, in bestimmten Gebieten oder auch weltweit. Populationsbiologen zählen die einzelnen Pflanzen einer Art in einem Gebiet und gehen der Frage nach, ob die Umwelt oder bestimmte Eigenschaften der einzelnen Arten für ihre Zu- oder Abnahme verantwortlich sind. Ein Grund für den Rückgang einer Art kann beispielsweise sein, dass sie pro Generation nur sehr wenige Nachkommen hat. Das kann weitreichende Folgen haben: Wenn etwa durch den Bau einer Autobahn die Populationsgröße einer bedrohten Art verringert wird, kann das der Punkt sein, die Zahl der Nachkommen so weit zu verringern, dass die Population dieser Art ausstirbt.

Helge Bruelheide von der Uni Halle und iDiv ist einer der Organisatoren.
Helge Bruelheide von der Uni Halle und iDiv ist einer der Organisatoren.
(Foto: iDiv)

Populationsbiologen suchen also nach den Gründen, warum eine Art ausstirbt?
Auch. Wir untersuchen aber nicht nur die Gründe, die zum Aussterben einer Art führen können: Auch die Charakteristika invasiver Arten, die außerhalb ihres natürlichen Lebensraum auftreten und native Arten verdrängen, spielen dabei eine große Rolle. Damit beschäftigt sich Dr. Jane Catford in ihrer Keynote. Wenn wir verstehen, warum manche Arten aussterben und andere sich rasant verbreiten, haben wir die zugrundeliegenden Mechanismen begriffen und können dort ansetzen, um gegenzusteuern.

Das klingt so, als sei die Forschung vor allem von lokalem Interesse.
Nein, im Gegenteil: Populationsbiologie wird immer globaler. Es stimmt, dass Einzelstudien von vielen Lehrstühlen weltweit betrieben werden. Dr. Roberto Salguero-Gómez, ein weiterer Keynote-Speaker, hat eine Datenbank entwickelt, in der diese lokalen Studien zusammengeführt werden. Daran lässt sich erkennen und vorhersagen, wie und ob eine Art global bedroht ist. Und es zeigt sich, dass diese kleinen Studien tatsächlich dabei helfen können, globale Muster zu erklären.

Wie können Sie das beobachten?
Evolution ist gemessen an der Lebensdauer von Pflanzen eigentlich ein sehr langsamer Prozess. Es gibt jedoch Organismen und Pflanzen, die sich sehr schnell entwickeln und entsprechend schnell auch auf äußere Einflüsse evolutiv reagieren. Wenn wir etwa verschiedene Populationen einer Art vergleichen, die unter verschiedenen Umweltbedingungen wachsen, können wir evolutionäre Veränderungen sehr gut beobachten. Unser größtes Freiland-Experiment ist der Klimawandel.

… ein sehr unkontrolliertes Experiment.
Absolut, aber wir können trotzdem Rückschlüsse auf die Umstände und die Evolution ziehen. Diesen Ansatz wird Dr. Stephen R. Keller in seiner Keynote vorstellen.

Gibt es neue Ansätze der in der Populationsbiologie, die auf der Tagung vorgestellt werden?
Es reicht nicht, Pflanzen isoliert zu betrachten. Wichtig ist zum Beispiel die Wechselwirkung mit Pflanzenschädlingen im Boden: Häufen sich mit wachsender Populationsgröße auch die Pathogene? Diese können für die jeweilige Pflanzenart tödlich sein. Es könnte einen Mechanismus geben, der die Größe eine Pflanzenpopulation von selbst nach unten reguliert, wenn sie zu groß wird und zu viele Pathogene auftreten. Hier ist einiges an Forschungsarbeit nötig.

Was erwarten Sie sich von der Tagung?
Die PopBio-Konferenzen dienen in erster Linie dazu, dass der aktuelle Stand der Populationsbiologie präsentiert und diskutiert wird. Für die Nachwuchswissenschaftler ist die Tagung  außerdem eine sehr wichtige und gute Gelegenheit, mit etablierten Forscherinnen und Forschern ins Gespräch zu kommen. Die jüngeren Teilnehmer haben die Möglichkeit, sich in einem Speed-Dating mit unseren Keynote-Speakern über ihre eigenen Projekte auszutauschen und nach Anknüpfungspunkten zu suchen.

PopBio 2017 – „Population Biology in a Changing World“

Donnerstag, 18. Mai, bis Samstag, 20. Mai
Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO)
Theodor-Lieser-Str. 2
06120 Halle (Saale)

Die „PopBio 2017“ wird vom Institut für Biologie der Uni Halle in Kooperation mit der Gesellschaft für Ökologie, dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig organisiert.

Weitere Informationen und das komplette Tagungsprogramm unter: http://www.popbio2017.de

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