Neu aufgeschlagen: Die Zukunft

14.11.2017 von Friederike Stecklum in Varia, Schlussstück
Geht ein Germanist in die Bibliothek und liest ein altes Buch. Das ist soweit nicht ungewöhnlich. Dass der Aufklärungsforscher Prof. Dr. Daniel Fulda sich jedoch wissenschaftlich mit der Zukunft befasst, kommt nicht häufig vor. Aber manchmal wirken Marketingstrategien auch 300 Jahre später noch sehr gut.
Frontispiz aus dem Buch von Friedrich Gladov „Versuch einer vollständigen und accuraten Reichs-Historie. Halle 1717.
Frontispiz aus dem Buch von Friedrich Gladov „Versuch einer vollständigen und accuraten Reichs-Historie. Halle 1717. (Foto: Frontispiz aus Friedrich Gladovs: Versuch einer vollständigen und accuraten Reichs-Historie)

Fulda suchte in der Bibliothek des Aufklärungszentrums nach so genannten reichshistorischen Werken, die um 1700 in Halle entstanden sind. „Ziel dieser Bücher war, die Geschichtsschreibung zu verändern. Dafür stellte man das Wissen vom Vergangenen in den Dienst der Gegenwart und versuchte es für die Bewältigung der Zukunft zu nutzen“, sagt er.

Da fiel ihm ein Band mit ungewöhnlichem Bild auf der Seite gegenüber des Titelblattes auf: Ein sogenanntes Frontispiz blickte ihm entgegen. Diese Innengestaltung sollte das Interesse des Lesers wecken. Das Ziel war erreicht: Daniel Fulda beschäftigte sich mit dem Buch. Und es entpuppte sich als Rarität. Nicht nur, weil Frontispize für reichshistorische Werke eher untypisch sind. „Mich machte vor allem die Darstellung neugierig.“

Frontispiz aus dem Buch von Friedrich Gladov „Versuch einer vollständigen und accuraten Reichs-Historie. Halle 1717.
Frontispiz aus dem Buch von Friedrich Gladov „Versuch einer vollständigen und accuraten Reichs-Historie. Halle 1717.
(Foto: Frontispiz aus Friedrich Gladovs: Versuch einer vollständigen und accuraten Reichs-Historie)

Denn was es da zu sehen gab, waren abstrakte Vorstellungen der Vergangenheit, der Gegenwart und: der Zukunft. In der Mitte der Grafik sitzen die personifizierte Geschichte Historia und der Zeitgott Chronos. Und weil niemand weiß, was die Zukunft bringt, tappen die Figuren links im Bild wortwörtlich im Dunkeln. Da Historia weiß, wie es früher war, ist die Vergangenheit rechts im Bild hell gestaltet.

Fulda recherchierte, wie originell diese Darstellung tatsächlich ist. Er fand vergleichbare Fronti­spize, diese waren aber deutlich jünger. „Bisher war man davon ausgegangen, dass sich die Vorstellungen von Vergangenheit und Zukunft im späten 18. Jahrhundert verändert haben und hat dafür vor allem sprachliche Quellen ausgewertet“, sagt er. Schmoren in der Hölle oder himmlische Freuden – so stellten sich die Menschen lange ihre Zukunft vor. „Die Entdeckung lässt den Schluss zu, dass sich die Vorstellungen von der Zukunft schon ein halbes Jahrhundert früher auf menschliche Selbsttätigkeit ausrichteten, als bisher angenommen“, sagt Fulda. Der Blick, den das Frontispiz in die Zukunft wirft, ist zudem ein moderner: „Das Bild ist deshalb so gut gelungen, weil es abstrakt ist und zeigt, dass wir von der Zukunft nur wissen, dass sie anders sein wird als das Bisherige.“

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