Naturkapital Deutschland: Ein Preisschild für Wald und Wiesen?

14.07.2015 von Tom Leonhardt in Forschung, Wissenschaft
Egal ob Bienen, Bäume oder Hecken: Die Natur arbeitet für den Menschen, ganz ohne Honorar oder Stundenlohn. Deshalb geraten diese kostenlosen Leistungen häufig in den Hintergrund. Das Projekt „Naturkapital Deutschland – TEEB-DE“ möchte das ändern und zeigen, welchen wirtschaftlichen Nutzen die Natur für uns hat.
Im Projekt Naturkapital Deutschland – TEEB-DE soll auch der wirtschaftliche Nutzen der Natur für den Menschen aufgezeigt werden.
Im Projekt Naturkapital Deutschland – TEEB-DE soll auch der wirtschaftliche Nutzen der Natur für den Menschen aufgezeigt werden. (Foto: Colourbox.de)

Mit Zahlen tut sich Prof. Dr. Bernd Hansjürgens schwer. Obwohl er Ökonom ist. Im Projekt Naturkapital Deutschland ist es seine Aufgabe, den Nutzwert der Natur in Deutschland für den Menschen zu bestimmen. Es gibt bereits wissenschaftliche Studien, die den Geldwert eines Baumes beziffern: rund 2.600 Euro erwirtschaftet ein Baum im Jahr, indem er Sauerstoff produziert, CO2 bindet und zum Beispiel Schatten spendet. „Diese Zahlen sind aber immer angreifbar“, erklärt der Professor für Umweltökonomik an der Uni Halle, der am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig arbeitet. Schließlich sei hier immer die Frage, welche Leistungen wie berechnet werden.

Das Problem, mit dem sich Hansjürgens und seine Kollegen beschäftigen, ist ernst: „Es gibt eine Studie, die belegt, dass weltweit ein großer Teil der Ökosysteme geschädigt ist und sich der Trend weiter verschlimmert.“ Jahr um Jahr werden auch mehr Grünflächen bebaut und Wälder abgeholzt. „Dadurch verlieren wir ständig weitere Tier- und Pflanzenarten. Wir wissen noch gar nicht, wie schlimm das ist.“

Prof. Dr. Bernd Hansjürgens lehrt an der Uni Halle und forscht am UFZ.
Prof. Dr. Bernd Hansjürgens lehrt an der Uni Halle und forscht am UFZ.
(Foto: André Künzelmann/UFZ)

Den Wert eines jeden Baums, einer jeden Biene zu berechnen – das sei aber nicht Ziel des Projekts. „Wir wollen den Wert der Natur allgemein sichtbar machen und in der Gesellschaft dafür ein Bewusstsein schaffen“, fasst er zusammen. Anstatt sich also in Detailberechnungen zu verlieren, sollen große Themenfelder analysiert und Empfehlungen für die Politik entwickelt werden. Die Natur erbringe für uns Menschen drei große Arten von Leistungen: „Sie versorgt uns mit Nahrung und Rohstoffen, reguliert den Wasserhaushalt, Boden, Luft und Klima und bereichert unser kulturelles Leben, indem sie uns zum Beispiel Räume zur Erholung bietet.“

Auen: Natürlicher Hochwasserschutz und Kläranlagen

Diese vielfältigen Leistungen bleiben bei normalen Kosten-Nutzen-Rechnungen in der Regel verborgen. „Wenn die Kosten für die Bebauung einer Fläche ermittelt werden, geht es nur um die Baukosten“, so Hansjürgens. „Auf der Nutzenseite stehen der Flächengewinn, die verbesserte Infrastruktur und die Vorteile durch die Bewirtschaftung.“ Bei Flussauen etwa werde nicht erwähnt, dass sie einen kostenlosen, natürlichen Hochwasserschutz darstellen. „Auen wirken auch wie kleine Kläranlagen. Sie filtern Schadstoffe aus dem Boden und sind außerdem Orte der Artenvielfalt.“

Werden die Flächen trockengelegt und bebaut, muss mehr Geld für Deiche und Filteranlagen ausgegeben werden. Für ihre Arbeit haben die UFZ-Wissenschaftler die Kosten für den technischen Hochwasserschutz ermittelt und mit den Kosten verglichen, die ein nicht-technischer Hochwasserschutz durch Auenüberflutung mit sich bringt. Gleichzeitig haben sie den Nutzen dieser Maßnahmen errechnet. „Es wäre ökonomisch gesehen oft günstiger, dem Fluss seinen natürlichen Raum wiederzugeben.“

Blick auf die Peißnitz in Halle. Sie bietet dem Menschen einen Rückzug- und Erholungsort, Schutz vor Hochwasser und beherbergt viele Arten.
Blick auf die Peißnitz in Halle. Sie bietet dem Menschen einen Rückzug- und Erholungsort, Schutz vor Hochwasser und beherbergt viele Arten.
(Foto: Harald Henkel; CC BY-ND 2.0)
Naturschutz, der sich lohnt?

Mehr Grünflächen erhalten und weniger Baugebiete ausweisen. Viele Ansätze und Ideen der Wissenschaftler legen nahe, dass der Schutz der Natur nur durch Verzicht erreicht werden kann. Doch damit ist Hansjürgens nicht einverstanden: „Es geht auch darum, die Effizienz in bestimmten Bereichen steigern.“ Außerdem wäre es in vielen Sektoren sogar wirtschaftlicher, sich an bestimmte Vorgaben zu halten, weil dadurch Folgekosten reduziert werden können. „Die Wasserwerke Leipzig zahlen Prämien an Landwirte, die ihre Flächen nachhaltig bewirtschaften“, berichtet der Ökonom. Durch eine nachhaltige Landwirtschaft würden weniger Nähr- und Schadstoffe ins Grundwasser gelangen. Diese Stoffe nachträglich aus dem Wasser herauszufiltern sei teurer, als im Vorfeld Boni für die Vermeidung der Stoffeinträge zu zahlen.

Auch in Halle gibt es eine Initiative aus dem Bereich Umweltschutz, die den Nutzen von Natur fördert. Im Projekt I Plant A Tree ist es möglich, gegen eine Spende Bäume pflanzen zu lassen. Ein Zähler auf der Website erfasst, wie viele Bäume bereits gepflanzt worden sind und wie viel CO2 durch die Bäume gebunden werden konnte.

Keine Revolution

Die Studien und Publikationen der Wissenschaftler werden von vielen Naturschützern positiv aufgenommen, treffen aber nicht überall auf Anklang. „Wir werden von einigen Naturschützern dafür kritisiert, dass wir die Natur ökonomisieren wollen“, räumt Hansjürgens ein. „Wir wollen aber eigentlich nur zeigen, welches Potential in der Natur steckt, das es zu erhalten gilt.“ Natürlich gebe es viele weitere Gründe, die Natur zu erhalten.

Für einen sinnvollen und wirtschaftlichen Naturschutz sei keine Revolution nötig: „An vielen Stellen müssen bestehende Regeln einfach konsequenter umgesetzt werden“, sagt er und meint damit unter anderem Bebauungspläne von Städten. Es gebe bereits Auflagen, welche Gebiete einer Stadt als Grünflächen erhalten werden. Diese würden aber häufig zu Gunsten anderer wirtschaftlicher Interessen wieder verändert werden. Der ökonomische Nutzen der Natur, den die Wissenschaftler berechnen, könnte hier als Hilfsmittel dienen, um bestimmte Entscheidungen zu überdenken. „Uns geht es darum, an den Verhaltensweisen der Menschen anzuknüpfen.“ Bis es aber soweit ist, dass sich neben dem Finanz- und dem Humankapital auch das Naturkapital in allen Köpfen etabliert hat, werden wohl noch einige Jahre vergehen. Tom Leonhardt

Weiterführende Informationen und Links zum Projekt: Link zur Projektseite von Naturkapital Deutschland – TEEB-DE Bernd Hansjürgens im Gespräch mit Karsten Schwanke bei ARD-alpha:

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