Lässt uns das Internet verblöden?

27.01.2012 von Corinna Bertz in Studium und Lehre, Varia, Campus
„Vernetzt, verquatscht, verloren“ titelte der Spiegel schon vor Jahren. Haben wir unser Gehirn bereits an Google und Wikipedia abgetreten? Wozu sich noch Dinge merken, wenn die Facebook-Chronik unser Leben doch besser kennt als wir? Ein twitternder Medienwissenschaftler und ein bloggender Politikwissenschaftler argumentieren für und wider das Internet und seinen Einfluss auf den Geist.
Haben wir unser Gehirn bereits an Google abgetreten oder ist, wer im Netz verblödet, selber schuld? (Zeichnung: Oliver Weiss)
Haben wir unser Gehirn bereits an Google abgetreten oder ist, wer im Netz verblödet, selber schuld? (Zeichnung: Oliver Weiss)
Pro - Dr. Florian Hartling, Department für Medien & Kommunikation
Pro - Dr. Florian Hartling, Department für Medien & Kommunikation
(Foto: privat)
Dr. Florian Hartling PRO - Das Internet verdummt!

Sprechende Katzen, flimmernde Werbung, dünner Smalltalk. Es fällt schwer, sich an die großen Hoffnungen der frühen Jahre zu erinnern, wenn man heute sieht, was im Netz kursiert und womit sich seine Nutzer beschäftigen. Das Medium ist den Kinderschuhen entwachsen und zu keinem wertvollen Mitglied der Gesellschaft geworden.

Die Vision einer unendlichen Enzyklopädie wurde nicht eingelöst, stattdessen bildet die „Wikipedia“ vor allem einen Tummelplatz für wütende Rechthaber. Es ist kein Wunder, dass sich kaum ein Wissenschaftler für eine Mitarbeit interessiert – aber es überrascht, wie sehr immer mehr Menschen den Inhalten blind vertrauen. Und es ärgert den Hochschullehrer, wenn die Recherche bei der Wikipedia nicht nur beginnt, sondern leider oft auch gleich wieder endet.

Die alte Hoffnung auf eine eigene Kreativität der Nutzer bleibt unerfüllt. Apple & Co. haben das Internet vor allem zu einem Abspielgerät umfunktioniert, in dem Inhalte nur gezeigt und vom Zuschauer brav konsumiert sowie – wichtig! – bezahlt werden. Damit ist es auch nur konsequent, wenn man mit den neuesten Computern, seien es Netbooks oder Tablets, gerade eben nicht arbeiten kann. Sind die Nutzer dann produktiv, simulieren sie das weitgehend nur. Artikel, Haus- und Abschlussarbeiten werden frei flottierend zusammencollagiert, man „googelt“ sich so durch. Das „Google-Copy-Paste-Syndrom“ – wie es Stefan Weber treffend bezeichnet hat – bedroht massiv die Qualität und auch Sinnhaftigkeit wissenschaftlichen Arbeitens. Die aktuell des Plagiats verdächtigen und teilweise auch überführten Autoren von Dissertationen haben sich gern auch im Internet bedient, sie haben kaum Unrechtsbewusstsein erkennen lassen.

Ausgiebige Lektüre, besonnenes Bedenken des Gelesenen, Anwendung des Wissens auf neue Zusammenhänge und schließlich das mühevolle Ringen um die richtigen Argumentationen: All diese Kulturtechniken werden in den Zeiten des Web 2.0 torpediert von bunten Chatfenstern, Nachrichtenfeeds und Kommunikationsbrocken, die alle „Hier! Hier!“ schreien. Hektisch tippend werden die Nutzer hineingesaugt in das Echtzeit-Netz und existieren fortan nur noch in einem Strom von „Gefällt mirs“ und „+1“.

Dr. Michael Kolkmann, Lehrbereich Politikwissenschaft,
Dr. Michael Kolkmann, Lehrbereich Politikwissenschaft,
(Foto: privat)
Dr. Michael Kolkmann CONTRA - Nicht das Internet ist das Problem!

Der amerikanische Technologiekritiker Nicholas Carr hat vor einigen Jahren in einem Aufsatz im Atlantic Monthly sein dank des Internets chronisch wachsendes Aufmerksamkeitsdefizit beschrieben. Ehrlich gesagt ist das nicht neu – nur das Medium ist nun ein anderes. Auch jenseits des Internets ist die Gefahr der Ablenkung groß, was jeder passionierte Zeitungsleser bestätigen kann. Schon T. S. Eliot beschrieb das Unglück des modernen Menschen damit, er werde ,,abgelenkt von der Ablenkung durch Ablenkung''.

Für Wissenschaftler ist es ein Traum, online Zeitschriften und Bücher aus der ganzen Welt lesen zu können – „at your fingertips“, wie der Amerikaner sagt. Informationen sind jederzeit und von jedem überall abrufbar. Die Rolle des Internets und der sozialen Netzwerke im arabischen Frühling 2011 ist dafür ein beredtes Beispiel.

Das Internet hat politische Prozesse transparenter gemacht und ein Stück weit demokratisiert, und zwar auch jenseits von prominenten Beispielen wie Wikileaks. Gerade in einer Zeit, in der beklagt wird, dass sich die Bürger aus politischen Zusammenhängen zurückziehen (was Jürgen Habermas schon in den 1960er Jahren als „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ beschrieb, infolgedessen der Wähler zum Verbraucher werde), bieten Blogs, Online-Diskussionsforen und Informationsplattformen die Möglichkeit, im Rahmen des Web 2.0 Vernetzungsfähigkeit auf höherem Niveau zu praktizieren und in einen Diskurs einzutreten.

Auch trägt das Internet zur Vernetzung von Wissenschaftlern bei – ganz davon abgesehen, dass man im Netz auf frühere (Schul-)Freunde stoßen kann (wobei sich die Freude in Bezug auf einige sicher in Grenzen hält).

Klar ist auch: Das Internet macht Betrug einfacher. Die Beispiele zu Guttenberg, Koch-Mehrin, Charismakis und Mathiopoulos haben aber gezeigt, dass es auch einfacher geworden ist, Plagiatoren auf die Spur zu kommen. Dafür sollten gerade wir in der Wissenschaft sensibilisiert sein.

Das Problem ist also nicht das Internet selbst, sondern unser Umgang damit. Lässt uns das Internet verblöden? Nein. Es kommt darauf an, was wir daraus machen. Wie schrieb die FAZ neulich so treffend? Selbst schuld, wer im Netz verblödet.

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