Joachim Dietze 80 Jahre – Bibliotheksdirektor setzte Meilensteine

12.10.2011 von Corinna Bertz in Personalia
Einst jüngster Bibliotheksdirektor in der damaligen DDR und 1996 bei seiner Pensionierung dienstältester Direktor in der 300-jährigen Geschichte der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt (ULB). Das sind herausragende Attribute, die auf Prof. Dr. Joachim Dietze zutreffen, der am 16. Oktober 2011 seinen 80. Geburtstag feiert.
Joachim Dietze im Jahre 1996
Joachim Dietze im Jahre 1996 (Foto: Gabriele Gromann)

Aus einer Dresdner Arbeiterfamilie stammend, studierte Joachim Dietze Slawistik, Germanistik und Bibliothekswissenschaft in Leipzig und Berlin. Seit 1954 arbeitete er im wissenschaftlichen Bibliothekswesen. Über Weimar und Leipzig führte sein Weg nach Halle. Auf Grund seiner außerordentlichen Fachkompetenz wurde er im Februar 1965 – obwohl weder der SED noch einer Blockpartei angehörend – zum Direktor der Universitäts- und Landesbibliothek berufen und wurde so mit 33 Jahren zum jüngsten Bibliotheksdirektor in der ehemaligen DDR. Bei seiner Pensionierung 1996 war er der dienstälteste Direktor in der 300-jährigen Geschichte der Universitätsbibliothek Halle.

Dazwischen liegen drei Jahrzehnte erfolgreichen Einsatzes für die Weiterentwicklung dieser Bibliothek im Interesse der Martin-Luther-Universität und des Landes Sachsen-Anhalt. Durch bürokratische Hemmnisse, politische Bevormundung und beschränkte Ressourcen ließ er sich dabei nicht entmutigen. Trotz politischer Zwänge standen bei all seinen Entscheidungen die fachliche Arbeit und die Leistung im Vordergrund. Mit persönlichem Engagement und perspektivischen Ideen erreichte er Ergebnisse mit Modellcharakter für andere Universitätsbibliotheken.

Auch als Mitglied nationaler Gremien nahm Dietze wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des Bibliothekswesens und der wissenschaftlichen Information. Er wirkte als 1990 neugewählter Vorsitzender des Bibliotheksverbandes der DDR und als Mitglied der Bund-Länder-Arbeitsgruppe für das wissenschaftliche Bibliothekswesen aktiv am Zusammenwachsen der deutschen Bibliothekslandschaft mit.

Joachim Dietze im Jahre 1996
Joachim Dietze im Jahre 1996
(Foto: Gabriele Gromann)

Eine seiner wichtigsten Aufgaben sah Professor Dietze ab 1969 darin, das zersplitterte Bibliothekswesen der Martin-Luther-Universität zu einem einschichtigen Bibliothekssystem als Zusammenschluss von Zentraler Bibliothek und Zweigbibliotheken zusammenzuführen. Er gab gleichzeitig wesentliche Anstöße für die Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Information an der Universität und profilierte sich als Hochschullehrer. 1964 wurde er mit einer Arbeit über den Slawisten August Schleicher promoviert. Nach seiner Habilitation 1971 folgte 1974 die Berufung zum außerordentlichen und 1986 zum ordentlichen Professor an der MLU. Die Nutzerschulung für Studierende und Nachwuchswissenschaftler war der Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit.

Der vertieften Erschließung des aktuellen Literaturbestandes diente die Entwicklung eines neuen Systematischen Katalogs und die Verzeichnung regionalkundlicher Literatur in der Regionalbiographie „Sachsen-Anhalt“. Da ein Magazinneubau zu DDR-Zeiten nicht möglich war, wurde die nicht mehr von der Kirchgemeinde genutzte Stephanuskirche zu einem Ausweichmagazin für 700.000 Bände ausgebaut. Die Fotostelle erweiterte er zu einer für ostdeutsche Verhältnisse modernen Reproabteilung und richtete eine Restaurierungswerkstatt mit dem ersten Laminationsgerät in der DDR ein. Auch der Aufbau eines Auto-Kurierdienstes für die Fernleihe geht auf die Initiative von Dietze zurück.

Nach der politischen Wende konnte aus Mitteln des Hochschulerneuerungsprogramms der Einsatz der Computertechnik systematisch ausgebaut werden. Durch Übernahme von EDV-Spezialisten aus anderen Bereichen der Universität gelang es Dietze eine kompetente IT-Abteilung aufzubauen. Bereits 1991 begann die Geschäftsgangsabteilung der ULB mit der rechnergestützten Katalogisierung der Neuerwerbungen, die 1993 in die Verbundkatalogisierung mit Niedersachsen überführt wurde. Ebenso konnte mit Hilfe von DFG-Mitteln die Retrokatalogisierung älterer Buchbestände der ULB (bis zum Erscheinungsjahr 1850) in Angriff genommen werden. Ab 1995 gab es für die Nutzer einen elektronischen Benutzerkatalog (OPAC). Im gleichen Jahr führte die ULB die rechnergestützte Erwerbung ein und die elektronische Ausleihverbuchung ging in die Erprobungsphase.

Gemeinsam mit den zuständigen Universitätsgremien erarbeitete er eine Entwicklungskonzeption der ULB für 1995 bis 2005 und verteidigte sie vor der Arbeitsgruppe Bibliotheken des Wissenschaftsrates. Neben seiner Leitungstätigkeit und Mitarbeit in zentralen bibliothekarischen Gremien profilierte sich Joachim Dietze auch als Wissenschaftler auf den Gebieten Slawistik, Computerlinguistik, Informations- und Bibliothekswissenschaft. Seine Publikationsliste umfasst 200 Titel, darunter 14 Monographien.

Professor Dietze hinterließ bei seiner Pensionierung mit der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt eine moderne Gebrauchsbibliothek für Forschung, Lehre, Studium sowie Fortbildung an der Martin-Luther-Universität und im Land Sachsen-Anhalt. Durch zahlreiche Entwicklungsansätze war sie für die kommenden Aufgaben an der Hochschule und in der sich im rasanten Umbruch befindlichen Welt der Medien gut gerüstet.

Text: Wolfgang Starke

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