„Ich bin selbst noch nicht fertig“

23.05.2017 von Corinna Bertz in Personalia
Christsein heißt für Christiane Thiel auch: Querdenken und Aufmüpfig-Sein. Vor neun Monaten kam sie als neue Hochschul- und Studierendenpfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) nach Halle. Seitdem arbeitet sie daran, ihre Gemeinde an der Uni und in der Stadt sichtbarer zu machen. Nebenbei probt sie mit dem neugründeten „PoPChor“, schreibt Liedtexte für den Kantor der Pauluskirche und betreibt Seelsorge auch mal am Smartphone.
„Als Pfarrerin kann man nur arbeiten, wenn man auf Resonanz stößt“, sagt die Studierenden- und Hochschulpfarrerin Christiane Thiel.
„Als Pfarrerin kann man nur arbeiten, wenn man auf Resonanz stößt“, sagt die Studierenden- und Hochschulpfarrerin Christiane Thiel. (Foto: Markus Scholz)

Am liebsten wäre Christiane Thiel mitsamt der Familie direkt an ihren neuen Arbeitsort gezogen, anstatt täglich zwischen Leipzig und Halle hin und her zu pendeln. „Raus aus der turbulenten Stadt, das wäre schön. Aber leider geht es nicht anders“, bedauert die Mutter dreier Söhne im Alter von fünf, sieben und neun Jahren. „Die Familienarbeit ist nicht besonders gut mit dem Pfarrersberuf vereinbar. Deshalb übernimmt sie mein Mann, der in Leipzig seine Arbeit hat.“

Nach 20 Jahren als Pfarrerin der sächsischen Landeskirche hat Thiel im September 2016 in der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) in Halle noch einmal neu angefangen. „Ich wollte mich verändern – in Richtung Kultur und Bildung. Und ich wollte zur Evangelischen Kirche Mitteldeutschland“, sagt sie beim Gespräch in ihrem Büro in der Puschkinstraße. Hier hat die ESG ihren Sitz.

Warum gerade Mitteldeutschland? „Hier ist die Wirklichkeit eine andere als in Westdeutschland. Hier befinden sich die Gläubigen in der Minderheit und die Kirche hat ihre Wurzeln in der Bekenntniskirche des Ostens.“ Bekenntniskirche heißt: Die Gemeinde bekennt sich zur Bibel - dem Wort Gottes - als der obersten Autorität; ihre Glaubensgrundlagen sind in einer Bekenntnisschrift zusammengefasst. Ein wichtiger Punkt für die Diplom-Theologin, die an der Uni Leipzig studiert hat. Als Christin sei sie im sächsischen Freiberg „im Widerstand“ aufgewachsen. „In der Schule wurde ich beschämt und beleidigt – aber ich habe meinen Glauben nie verheimlicht“, erzählt sie. Damals habe sie das kritische Hinterfragen gelernt, dass sie bei den Studierenden heute bisweilen vermisst: „Ich bin manchmal über ihre Bravheit überrascht.“

"Ich fühle mich zu etwas anderem beauftragt"

Christiane Thiel vor der ESG
Christiane Thiel vor der ESG
(Foto: Markus Scholz)

Das „Querdenken und Aufmüpfig-Sein“ gehört für Christiane Thiel zum christlichen Glauben dazu. Und mit dieser Haltung geht sie auch in Halle ihre Arbeit an: „Die ESG war bislang ein behaglicher, großer Freundeskreis. Ich fühle mich aber zu etwas anderem beauftragt und so habe ich auch meine Berufung zur Studentenpfarrerin durch die Bischöfin verstanden. Auch von der ESG Halle wird erwartet, dass sie an der Universität in Erscheinung tritt“, sagt sie bestimmt. Und ergänzt: „Als Pfarrerin kann man nur arbeiten, wenn man auf Resonanz stößt.“

Ganz gezielt sucht sie jetzt das Gespräch. Professoren wie Henning Rosenau - Geschäftsführender Direktor des Interdisziplinären Zentrums Medizin-Ethik-Recht - oder Heike Kielstein - Direktorin des Instituts für Anatomie und Zellbiologie und Leiterin der Meckelschen Sammlungen - hat sie bereits getroffen, ebenso Vertreter der Burg Giebichenstein Kunsthochschule und des Uni-Familienbüros. Thiel will konkrete Anknüpfungspunkte für einen intensiveren Austausch zwischen der ESG und der Universität finden. So könne sich die Studierendengemeinde allmählich öffnen.

Regelmäßig lädt sie externe Referenten zum ESG-Gemeindeabend ein, der jeden Mittwoch in der Puschkinstraße stattfindet. „Ich möchte diesen Abend zu einer Adresse für alle interessierten Uni-Angehörigen entwickeln.“ Auch anderswo soll die Studierendengemeinde künftig sichtbarer werden. „Mit dem Familienbüro haben wir zum Beispiel schon besprochen, dass wir uns mit einem Angebot für die Kinderuni einbringen wollen“, kündigt die Pfarrerin an.

Zu ihrer eigenen Familie kehrt sie manchmal erst nach Mitternacht zurück – wenn etwa die Chorprobe am Donnerstagabend länger dauert. Im April hat Christiane Thiel, die man vor sich hin summend oder singend antrifft, mit Domkantor Gerhard Noetzel den „PoPChor“ gegründet. Den ersten Chor „für Studierende mit extremer Neigung zu richtig guten Grooves und Melodies aus Pop und Jazz“ leiten die beiden jetzt gemeinsam. Die Pfarrerin macht keinen Hehl aus ihrer Vorliebe für Popmusik. „Schlager ist ein unterschätztes Genre der Musik“, findet sie.

Suchend, lernend – und pendelnd

Aber auch ohne die Chorprobe sind ihre Arbeitstage oft lang. Und trotzdem kann die 48-Jährige dem täglichen Pendeln zwischen Leipzig und Halle etwas Positives abgewinnen: „Pendeln hat was. Früh im Zug bringe ich den Trubel der Familie hinter mich.“ Am Abend auf der Rückfahrt liest sie ihre E-Mails oder tauscht sich über den Kurznachrichtendienst Whatsapp mit den Studierenden aus. Die ehemalige Stadtjugendpfarrerin hat schon immer besonders gern mit jungen Menschen gearbeitet. „Weil sie noch Suchende sind. Sie sind offen für Anregungen und haben mehr Fragen als Antworten. Das gefällt mir.“ Auf Abgeschlossenheit reagiere sie allergisch. „Denn ich bin selbst noch nicht fertig, sondern immer auch suchend und lernend.“

Christiane Thiel liefert aber auch Antworten. Oder vielmehr: „Denkstoff“, wie eines ihrer Bücher heißt. Ganz unterschiedliche Glaubensfragen von Jugendlichen hat die Pfarrerin darin zusammengetragen. In kurzen Texten zeigt sie, welche Antworten und Anregungen der Glauben und die Bibel im Teenager-Alltag liefern können. Damit stößt sie in eine Lücke in der deutschen Kinder- und Jugendbuchliteratur: „Das aktuelle deutsche Jugendbuch kommt ohne Religion aus. Geschichten vom Glauben sind unterrepräsentiert“, kritisiert sie. Wenn Religion eine Rolle spiele, dann meist als Rettungsgeschichte. „Frömmigkeit im Alltag und das gesellschaftliche Engagement mit christlichen Wurzeln – das gibt es nicht.“

Wahrscheinlich ist der Glauben im Alltag deshalb zu ihrem Thema geworden. Ein Familienlesebuch und einen Roman über die Weltreligionen hat sie bereits geschrieben, aber auch Beiträge für das evangelische Monatsmagazin Chrismon. Und trotzdem sagt sie: „Ich verstehe mich nicht als Autorin und rühme mich auch nicht des Schreibens. Das sind Gebrauchstexte.“ Dabei wurde ihr Buch „Das Jahr, in dem ich 13einhalb war“ 2007 mit dem Peter-Härtling-Preis für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.

In Halle ist sie mittlerweile sogar unter die Liedtexter gegangen: Schon seit ein paar Wochen singen die Kinder der Paulusgemeinde ihr „Mose, Mose, Gotteskind“. „Ich schreibe Texte für die Kinderlieder von Andreas Mücksch, dem Kantor der Pauluskirche“, berichtet die musikbegeisterte Pfarrerin.

Der PopChor trifft sich jeden Donnerstag 20 Uhr im Gemeindehaus der Reformierten Domgemeinde, Kleine Klausstaße 6. Jeder kann mitmachen.

Der Gemeindeabend der Evangelischen Studierendengemeinde findet jeweils mittwochs 20 Uhr in der Puschkinstraße statt.

Kontakt: Christiane Thiel
Evangelischen Studierendengemeinde Halle
Tel.: +49 345-2022652
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