Geschichten aus der „Zeit der Ideen“

30.05.2014 von Corinna Bertz in Studium und Lehre, Personalia, Campus
Mediziner, Marathonläufer und preisgekrönter Autor: Dr. Jürgen Helm in den Räumen des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin. (Foto: Michael Deutsch)Seine Geschichte wühlt auf, geht unter die Haut. Erst seit drei Jahren spielt das Schreiben in der knapp bemessenen Freizeit des Mediziners Jürgen Helm eine Rolle. Schon legt er einen Start hin, der aufhorchen lässt. Sein literarisches Debüt bringt ihm den renommierten Walter-Kempowski-Literaturpreis. Ausdauersport dagegen treibt Helm schon seit Jahren – ebenfalls erfolgreich. Hat der Marathonlauf etwas mit dem Schreiben zu tun?

Für seine Kurzgeschichte „Hiob 2013“ erhielt PD Dr. Jürgen Helm, Geschäftsführer der Ethik-Kommission der Medizinischen Fakultät der halleschen Universität, den Kempowski-Literaturpreis. Eine Auszeichnung, die von der Hamburger Autorenvereinigung als Förderpreis an deutschsprachige Autoren vergeben wird. Gesucht war eine Kurzgeschichte auf maximal fünf A-4-Seiten zum Thema: „Besser geht’s nicht“. Und: Es musste sich um einen bisher unveröffentlichten Prosa-Text handeln. „Die Beteiligung am Wettbewerb war für mich ein Spiel, ich wollte mich ausprobieren“, sagt Helm. Dabei glaubte er nicht, dass er als Autodidaktiker gewinnen würde. Es gab 750 Einsendungen.

Mediziner, Marathonläufer und preisgekrönter Autor:
Dr. Jürgen Helm in den Räumen des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin.
Mediziner, Marathonläufer und preisgekrönter Autor: Dr. Jürgen Helm in den Räumen des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin.
(Foto: Michael Deutsch)

Hiob 2013 widmet sich unbarmherzigen Wahrheiten: Wie fühlt sich jemand, dem in einem kurzen Zeitraum alles genommen wird. Jürgen Helm erzählt die Gedanken eines Vaters im Zug auf der Heimfahrt, nachdem dieser sich von seiner nach einem Verkehrsunfall hirntoten Tochter in der Klinik verabschieden musste. Dem Willen der 22-Jährigen als Organspenderin entsprechend werden ihr nun die Organe entnommen.

Geschildert wird die Qual des Helden, der sich mit Gedanken martert, nachdem er zuerst seinen Job, seine Frau und nun auch seine Tochter verloren hat. Die literarische Idee dazu ist Jürgen Helm beim Marathon gekommen: „Das Laufen ist für mich eine Zeit der Ideen.“ Er studierte Humanmedizin und Evangelische Theologie und habilitierte sich für das Fachgebiet Geschichte und Ethik der Medizin. Im Zuge eines Seminars wertete er vor Jahren Erfahrungsberichte der Angehörigen von Hirntoten aus. Das Thema hat ihn nicht mehr losgelassen.

„Das Schreiben ist für mich entspannend“, erklärt der 51-Jährige. Er sitzt mit dem Laptop vor dem leer geräumten Schreibtisch und schaut gelegentlich dabei aus dem Fenster. Daneben eine Tasse Kaffee. Den fertigen Text liest er sich selbst vor, um zu merken, „wann es langweilig wird“. Derzeit entsteht ein Band mit Kurzgeschichten, deren verschiedene Helden untereinander in Beziehung stehen. Ein Krimi ist ebenfalls in Arbeit.

Der Mediziner liest viel, besonders gern Autoren wie Ian McEwan oder Thomas Glavinic. Als sorgfältiger Leser durchdringt er Literatur: „Mir gefällt knappe und präzise Sprache. Insbesondere aber höre ich Texte und wenn ich unterwegs bin, habe ich meist Hörbücher dabei.“

Einmal im Jahr beteiligt sich Jürgen Helm im Team der Uni-Medizin am Marathon der Behörden in Sachsen-Anhalt. Seit 2011 errang das Läuferteam jedes Jahr erneut den zweiten Platz. Ende August hat Helm eine Alpenüberquerung im Rahmen eines Mehrtages-Wettkampfs geplant.

Das ist ein Langstreckenlauf über 293 Kilometer in acht Tagesetappen, an dem Marathon-, Cross- und Bergläufer ebenso teilnehmen können wie Wanderer und Nordic Walker. Die zu bewältigenden Höhendifferenzen bedeuten für die Athleten eine physische und psychische Grenzerfahrung. Vielleicht eine Inspiration für neue Geschichten, die wir mit Spannung erwarten können? Ute Olbertz

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Medizin

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